Kriminalisieren, Entkriminalisieren, Normalisieren
Criminaliser, décriminaliser, normaliser
Schweizerisches Jahrbuch für Wirtschafts- und Sozialgeschichte / Annuaire suisse d’histoire économique et sociale (ISSN 1664-6460), Band 21
Broschur
2006. 388 Seiten
ISBN 978-3-0340-0770-2
CHF 58.00 / EUR 38.80 
  • Kurztext
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  • Einblick
  • In den Medien
  • Buchreihe
Gewöhnlich versteht man unter Kriminalität die Summe der strafrechtlich missbilligten Handlungen. Massstab von Kriminalität bildet demzufolge das Strafrecht bzw. der darin enthaltene Sanktionsanspruch. Ein solches Strafrecht existiert nicht für jede historische Epoche. Um diese gesellschaftlichen Zusammenhänge im Auge zu behalten und eine Engführung der Kriminalität auf das schriftlich fixierte Strafrecht zu vermeiden, wird in der historischen Kriminalitätsforschung ein Perspektivenwechsel vorgeschlagen: Anstatt von den rechtlichen Normen wird von den soziokulturellen Normierungsprozessen ausgegangen. Diese Normierungsdynamik erzeugt verschiedenste Formen von Devianz, die nur teilweise als Delinquenz auftreten. Über die Verletzung einer rechtlichen Norm hinaus geraten auch die Fragen der (schicht-, geschlechts- und generationenspezifischen) Sankionierungsintensität, der Fahndungstechniken und der Rechtsprechung durch die Gerichte bzw. der Strafzumessung ins Blickfeld.


Brigitte Studer, Historikerin, Professorin für Schweizer und Neueste Allgemeine Geschichte an der Universität Bern. Forschungsschwerpunkte: Sozialgeschichte, Geschlechtergeschichte, Politische Geschichte, Kulturgeschichte

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Jakob Tanner, Dr. phil., Professor für Allgemeine und Schweizergeschichte der neueren und der neuesten Zeit am Historischen Seminar und an der interfakultären Forschungsstelle für schweizerische Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Universität Zürich. Mitglied der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg. Forschungsschwerpunkte: Finanz- und Sozialgeschichte des Zweiten Weltkriegs, schweizerische Zeitgeschichte, Wissenschaftsgeschichte, Geschichte der Konsumkultur, der Ernährung und der Drogen. Forschungsstelle für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Universität Zürich, Rämistr. 64, CH-8001 Zürich: jtanner@hist.unizh.ch

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Inhalt
Xavier Rousseaux: Entre politique, société et culture: deux siècles d'histoire du crime et de la justice en Europe
Gerd Schwerhoff: Gewaltkriminalität im Wandel (14.-18. Jahrhundert): Normen, Strafen, Zahlen und soziale Praxen
Hans-Joachim Schmidt: Frieden schaffen - Verbrecher strafen. Der beschworene Friede und die Sanktion des Friedensbruchs im frühen und hohen Mittelalter
Oliver Landolt: Die Kriminalisierung von Kriegsverbrechen - Das Beispiel der spätmittelalterlichen Eidgenossenschaft
Kathrin Utz-Tremp, Georges Modestin: Gerichtsnutzung von «oben» und von «unten». Die Anfänge der Hexenverfolgung in der Westschweiz im 15. Jahrhundert
Lionel Bartolini: Dieu et ses saints devant la justice neuchâteloise (1535-1537)
Michael Blatter: «Wollte Gott, dass Bacchus nicht mehr so viele Leibeigene bekommen werde». Branntwein vor Gericht in der Engelberger Talherrschaft im 17.-18.Jahrhundert
Séverine Auray: Les violences sur enfants: une contribution à l'histoire de la famille genevoise au XIXe siècle
Lukas Gschwend: Vom Geständniszwang zum rechtsstaatlichen Beweisverfahren zwischen 1750 und 1850
Sylvia Kesper-Biermann: Die Grenzen des Strafrechts. Zur Abgrenzung von Criminal- und Polizeyrecht in Deutschland und der Schweiz während des 19. und frühen 20. Jahrhunderts
Urs Germann: Regulation statt Repression? Überlegungen zur Geschichte der schweizerischen Kriminalpolitik im 19. und 20. Jahrhundert
Nadja Capus: Der Kriminalisierungsprozess ausserhalb nationalstaatlicher Strafgewalt
Regula Argast: Kontrolle, Integration, Abwehr. Das Schweizer Bürgerrecht als Sicherheitsdispositiv (1876-1926)
Patrick Kury: Die Gründung des Grenzsanitätsdienstes im Jahr 1920 und die Pathologisierung des «Ostens»
Nicole Schwager: Der Fingerabdruck als kriminalisierendes Zeichen: Die behördliche Diskussion über die Einführung von Fingerabdrücken im Schweizerpass 1911-1926
Sara Galle, Thomas Meier: Stigmatisieren, Diskriminieren, Kriminalisieren. Zur Assimilation der Minderheit der Jenischen in der modernen Schweiz
Tanja Rietmann: «Die Freiheit so elend zu entziehen». Zur administrativen Anstaltsversorgung im Kanton Bern in der Mitte des 20. Jahrhunderts
Natalia Gerodetti: Konstruktionen von Homosexualität während der Vereinheitlichung des [Schweizer] Strafgesetzbuchs
A.A.Speck: Homosexualität und «öffentliche Ordnung» nach 1945
Karin Cagnazzo: Abtreibungs- und Sterilisationspraxis im Kanton Bern 1942-1953
Kristina Schulz: «Recht auf Selbstbestimmung» oder «Verbrechen am ungeborenen Leben»? Die Debatte über die Entkriminalisierung der Abtreibung in den 1970er Jahren
Dominique Grisard: Im Schatten Petras. «Terrorismus» und «Geschlecht» in Schweizer Printmedien der 1970er-Jahre


Artikel
  • Einleitung
  • Entre politique, économie, société et culture Réflexions historiographiques sur deux siècles d’histoire du crime et de la criminalisation
  • Gewaltkriminalität im Wandel (14.–18. Jahrhundert). Ergebnisse und Perspektiven der Forschung
  • Frieden schaffen – Verbrecher strafen. Der beschworene Friede und die Sanktion des Friedensbruchs im frühen und hohen Mittelalter
  • Die Kriminalisierung von Kriegsverbrechen. Das Beispiel der spätmittelalterlichen Eidgenossenschaft
  • Gerichtsnutzung von «oben» und von «unten». Die Anfänge der Hexenverfolgung in der Westschweiz (15. Jahrhundert)
  • Dieu et ses saints devant la justice neuchâteloise (1535–1537)
  • «Wollte Gott, dass Bacchus nicht mehr so viele Leibeigene bekommen werde.» Branntwein vor Gericht in der Engelberger Talherrschaft im 17.–18. Jahrhundert
  • Les violences sur enfants. Une contribution à l’histoire de la famille genevoise au 19e siècle
  • Vom Geständniszwang zum rechtsstaatlichen Beweisverfahren zwischen 1750 und 1850
  • Die Grenzen des Strafrechts. Zur Abgrenzung von «Criminal-» und «Polizeyrecht» in Deutschland und der Schweiz während des 19. und frühen 20. Jahrhunderts
  • Regulation statt Repression? Überlegungen zur Geschichte der schweizerischen Kriminalpolitik im 19. und 20. Jahrhundert
  • Der Kriminalisierungsprozess ausserhalb nationalstaatlicher Strafgewalt
  • Kontrolle, Integration, Abwehr. Das Schweizer Bürgerrecht als Sicherheitsdispositiv (1876–1926)
  • Die Gründung des Grenzsanitätsdienstes im Jahr 1920 und die Pathologisierung des «Ostens»
  • Der Fingerabdruck als kriminalisierendes Zeichen. Die behördliche Diskussion über die Einführung von Fingerabdrücken im Schweizer Pass 1911–1926
  • Stigmatisieren, Diskriminieren, Kriminalisieren. Zur Assimilation der jenischen Minderheit in der modernen Schweiz
  • «Die Freiheit so elend zu entziehen». Zur administrativen Anstaltsversorgung im Kanton Bern in den 1950er Jahren
  • Konstruktionen von Homosexualität während der Vereinheitlichung des (Schweizer) Strafgesetzbuchs
  • «Es drängt sich eine Versetzung an einen sehr abgelegenen Ort auf …». Homosexualität im Konfliktfeld von Straffreiheit und Konzepten «öffentlicher Ordnung» am Beispiel einer Administrativuntersuchung im Eidgenössischen Politischen Departement 1945
  • Abtreibungs- und Sterilisationspraxis im Kanton Bern (1942–1953)
  • «Recht auf Selbstbestimmung» oder «Verbrechen am ungeborenen Leben»? Die Debatte über die Entkriminalisierung der Abtreibung in den 1970er-Jahren
  • Im Schatten Petras. «Terrorismus», «Nation» und «Geschlecht» in Schweizer Printmedien der 1970er-Jahre

Pressestimmen
«Der Sammelband ist damit nicht nur ein eindrücklicher Leistungsausweis der gefgenwärtigen historischen Kriminalitätsforschung, sondern ebenso ein Stimulans für die Sozialgeschichte und die Kriminalwissenschaften.» Karl-Ludwig Kunz, Zeitschrift für Neuere Rechtsgeschichte

«Wer sich über die äusserst lebhafte und spannende Debatte zum Thema Kriminalisierung und Normalisierung in der Schweizer Forschung informieren möchte, wird mit grossem Gewinn den ganzen Band lesen. […] Gemeinsam ist allen Beiträgen die theoretisch fundierte und empirisch gehaltvolle Auseinandersetzung mit einer Fragestellung, die manchmal bekannte Themen der Kriminalgeschichte aufgreift, manchmal sich auf bislang weniger erforschtes Terrain vorwagt. […] Der Band ist daher ohne Einschränkung zu empfehlen.» Peter Becker, H–Soz–u–Kult