Umbruch an der «inneren Front»
Krieg und Sozialpolitik in der Schweiz 1938–1948
Broschur
2009. 200 Seiten, 22 Abbildungen s/w.
ISBN 978-3-0340-0926-3
CHF 38.00 / EUR 24.50 
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Dieses Buch untersucht die Frage, wie sich der schweizerische Sozialstaat in der Zeit des Zweiten Weltkriegs entwickelt hat. Im Vergleich zur Aussenpolitik und zu den internationalen Wirtschaftsbeziehungen ist die Politik an der «inneren Front» in der Forschung kaum untersucht. Die Beiträge zeichnen ein ambivalentes Bild. Auf der einen Seite stehen innovative Sozialstaatsprogramme, die vor allem wegen der Kriegssituation eingeführt werden konnten, so die Erwerbsersatzordnung (1940) und die organisatorisch an diese anschliessende Alters- und Hinterbliebenenversicherung (1947). Auch die Familienpolitik, mit der Einführung des Familienschutzartikels (1945), oder die Arbeitslosensicherung erlebten einen beschränkten Ausbau. Auf der anderen Seite zeigen sich eine Stagnation in der Gesundheitspolitik und der Verzicht auf eine umfassende Sozialstaatsreform wie in Grossbritannien oder Frankreich.
Die Beiträge im Buch beleuchten die wichtigsten Zweige der Sozialpolitik und betten die schweizerische Entwicklung in den europäischen Kontext ein.

Martin Lengwiler ist Professor für Neuere Allgemeine Geschichte am Departement Geschichte der Universität Basel. Seine Schwerpunkte liegen in der Geschichte des Sozialstaates, der modernen Wissenschaftsgeschichte sowie in der Wirtschafts- und Sozialgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts.


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geboren 1972, ist Professor für Allgemeine und Schweizer Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts an der Universität Zürich. Er forscht und lehrt zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte.

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Artikel
  • Transformationen des Sozialstaats im Zweiten Weltkrieg. Die Schweiz im internationalen Vergleich
  • «Tätigkeit … nicht müssige Stempelei». Arbeitsbeschaffung, kollektives Arbeitsrecht und Lohnpolitik
  • Schutz für Soldaten, nicht für Mütter. Lohnausfallentschädigung für Dienstleistende
  • Arbeitslosenversicherung. Der soziale Kompromiss für die Nachkriegszeit
  • Die Auseinandersetzung um die Altersversorgung
  • Familien(denk)modelle. Familienpolitische Weichenstellungen in der Formationsphase des Sozialstaats (1930–1945)
  • Das verpasste Jahrzehnt. Gesundheitspolitik in der Schweiz, 1938–1949

Pressestimmen
«Der Band liefert einige Argumente zur Reevaluation des sozialstaatlichen Sonderfalls Schweiz. Auch wenn die Gesamtsicht immer noch auf einen gebremsten Eintritt in die Ära der sozialstaatlichen Expansion deutet, gibt es Hinweise für eine Neueinordnung in das europäische Muster. Dies betrifft vor allem die Bewegungsrichtung des schweizerischen sozialstaatlichen Ausbaus, der stärker als bisher angenommen dem westeuropäischen Weg entsprach.» Marcel Boldorf, Archiv für Sozialgeschichte

«Mit sieben Studien erfassen die Herausgeber und Mitautoren Matthieu Leimgruber und Martin Lengwiler den Wandel der schweizerischen Sozialpolitik in den Jahren 1938 bis 1948. In der 40-seitigen sehr informativen Einleitung [...] geben sie zugleich eine vorzügliche Einführung zur neuesten Literatur der Geschichte der Schweiz.» Hans Ulrich Jost, Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte
Besprechungen
Moderne Kriege sind Zumutungen. Vielfältige Knappheits- und Verlusterfahrungen lassen in kriegsbeteiligten Gesellschaften soziale Gegensätze schärfer als in Friedenszeiten zutage treten. Dieses Konfliktpotenzial kann die politische Stabilität und die militärische Stärke einer kriegführenden Nation gefährden. Neben der äusseren, militärischen verläuft daher in der Regel auch eine «innere» Front, an der es die politische Loyalität der «eigenen» Bevölkerung zu sichern gilt. Versucht wird dies nicht zuletzt mit sozialpolitischen Mitteln: moderne Kriege sind «grosse Schritt­macher der Sozialpolitik». (Ludwig Preller, Sozialpolitik in der Weimarer Republik, Kronberg/Ts. 1949, 85) Freilich sind diese Massnahmen kein Abbild tatsächlicher kriegsbedingter Betroffenheit. Sie privi­legieren vielmehr diejenigen Bevölkerungsgruppen, die für die Erreichung der militärischen Ziele unverzichtbar und für die innere Stabilität die grösste Gefahr sind. Ein jüngst erschienener Sammelband zeigt eindrücklich, dass dies auch für die Schweiz zwischen 1938 und 1948 gilt, für ein Land also, das aufgrund seiner politischen Neutralität nur mittelbar in die Geschehnisse des Zweiten Weltkriegs verwickelt war. Doch auch die Schweiz war, zumindest ökonomisch, betroffen vom Krieg. Folgerichtig wurde dieser auch in der Schweiz zu einer Schlüsselphase sozialpolitischer Entwicklung. Der oft be­schriebene Sonderweg der Schweiz zum sozialpolitischen Nachzügler zeigt sich quantitativ allerdings darin, dass anders als in den relevanten Vergleichsländern nach dem Kriegsende das Ausgabenvolumen der sozialen Sicherungssysteme wieder auf Vorkriegsniveau sank. Erst um 1960, so zeigen die Herausgeber (vielleicht etwas zu) komprimiert in ihrer Überblicksdar­stellung, erreicht die Sozialquote wieder das Niveau der Kriegsjahre. Es ist das Verdienst des Bandes, diesen quantitativen Befund einer «ste­ckengebliebenen» Expansion qualitativ einzuordnen in die Geschichte der sozial­politischen Entwicklung der Schweiz vom ersten Drittel des 20. Jahrhunderts bis in die jüngste Vergangenheit. Dem eiligen Leser sei dafür die bündige ta­bel­­larische Darstellung der langen Li­nien sozialpolitischer Gestaltung im Überblicksartikel empfohlen. (20 f.) Wer sich Zeit nehmen und selbst die Verbindungen zwischen den ver­schie­de­nen sozialpolitischen Feldern und Entwicklungen freilegen will, dem werden die sechs Einzelbeiträge lesenswerte und gewinnbringende Lektüre sein. Sie zeichnen nicht nur die jeweiligen (Debatten um) Anpassungen in zentralen sozialpolitischen Feldern während des Kriegs nach. Sie beleuchten auch ihre wechselseitige diskursive Beeinflussung und langfristigen Effekte. Dabei steht die kriegsbedingt eingeführte Verdienst­ersatzordnung für Militärdienstleistende (EO) im Zentrum: Es wird deutlich, dass ihr Design einerseits jenem Ausgleichskassensystem entlehnt war, das Mitte der 1930er-Jahre für Fa­milienzulagen entwickelt wurde; dass sie andererseits selbst jedoch wiederum zum Testlauf für die 1947 eingeführte AHV wurde und auch den institutionellen Rahmen bot, in den die im Jahr 2004 (!) eingeführte Mutterschaftsversicherung integriert werden konnte. Ein analoges Muster nationaler Umverteilung wurde für die Absicherung bei Arbeitslosigkeit erst 1976 ins Werk gesetzt, für Fami­lien­ausgleichskassen – immerhin die diskursiven Wegbereiter und institutionellen Vorbilder der EO – gar in Ansätzen erst 2006. Wofür stehen diese langen Schatten der sozialpolitischen Weichenstellungen während der Kriegs- und ersten Nachkriegsjahre? Zum einen wohl für Kontinuität der Akteurskonstellationen: Wie vor und nach dem Krieg, so verstanden es die Repräsentanten der Wirtschaft auch und gerade unter den spezifischen Bedingungen des Vollmachtregimes während des Kriegs, ihren sozialpolitischen Gestaltungsanspruch zu behaupten. Das hatte die Konsolidierung der ohnehin privatwirtschaftlich dominierten und entsprechend fragmentierten Landschaft der unterschiedlichsten Vorsorgeeinrichtungen zur Folge. Zu einem – aus anderen Ländern bekannten – kriegsbedingten Zentralisierungsschub kam es in der Schweiz (ausser bei EO und AHV) ebenso wenig wie zu einem grundlegenden Modellwechsel im System sozialer Sicherung. Vielmehr verfestigte sich während des Kriegs das spezifisch schweizerische Muster eines delegierenden, von nichtstaatlichen Akteuren abhängigen Sozialstaats. Zum anderen stehen die sozialpolitischen Grundsatzentscheidungen in den Jahren 1938–1948 für die beachtliche Beharrungskraft normativer gesellschaft­licher Leitbilder und für die Aufrechterhaltung bekannter struktureller Selektions- und Exklusionsmechanismen: So orien­tierten sich sowohl die bereits existierenden als auch die in diesem Zeitraum etablierten Sozialversicherungen unübersehbar am traditionellen männlichen Ernährermodell. An der Bewahrung solch konservativer Geschlechterhierarchien änderte die kriegs­bedingt vorübergehend deutlich stär­kere Erwerbsbeteiligung von Frauen ebenso wenig wie die – institutionell durchaus bemerkenswerte – Gleichstellung der gewerkschaftlichen Arbeitslosenkassen mit jenen in öffentlicher und paritätischer Trägerschaft im Jahr 1942. War der Krieg nun Schrittmacher im Sinn Prellers – oder Strukturfestiger? Insgesamt, das heisst bei Einbezug ihrer Leitbilder, Institutionen und sozialen Effekte, überwogen wohl zwischen 1938 und 1948 die Kontinuität wahrenden Elemente in der schweizerischen Sozialpolitik. Zu nachhaltigen, über die Kriegszeit hinausweisenden Umbrüchen kam es im Kriegsjahrzehnt nur bei EO und AHV, während die Entwicklungen auf anderen Gebieten (Lohn- und Beschäftigungspolitik, Pen­sionskassensystem, Arbeitslosen-, Kranken-, Invaliden und Unfallversicherung, Familienpolitik) in ihren Wirkungen zumindest begrenzt blieben, oft ambivalent oder nur temporärer Natur waren. Keineswegs auf allen Feldern kam es in der Schweiz zu jenem sozialpolitischen Umbruch, der dem Band seinen Titel gab. Angesichts der heterogen Entwicklungsmuster hätte sich ein Fragezeichen hinter der Buchüberschrift angeboten: Umbruch an der «Inneren Front»? Antwort: ein entschiedenes Sowohl-als-auch!
Thilo Fehmel (Leipzig) in Traverse