Zwischen Klinik und Kaserne
Die Geschichte der Militärpsychiatrie in Deutschland und der Schweiz 1870–1914
Broschur
2000. 432 Seiten
ISBN 978-3-905313-44-4
CHF 58.00 / EUR 35.00 
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Die Geschichte der Militärpsychiatrie geht zurück auf den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71. In den Jahrzehnten bis zum Ersten Weltkrieg war das Militär in Deutschland und in der Schweiz ein entscheidendes Profilierungsfeld der aufstrebenden Psychiatrie. Die noch junge Wissenschaft der «Geisteskrankheiten» stand um 1900 in schlechtem Ruf, unter anderem wegen wissenschaftlicher Defizite und einer lautstarken antipsychiatrischen Bürgerrechtsbewegung. Die angesehene Institution des Militärs bot der Psychiatrie um 1900 die Chance, ihr schlechtes Image wettzumachen. Am Aufbau der Militärpsychiatrie wirkten fast alle bedeutenden Fachvertreter der Jahrhundertwende mit, von Richard von Krafft-Ebing über Emil Kraepelin bis zu Carl Gustav Jung.
Das Buch verfolgt die Fachdiskussionen um die wichtigsten militärischen Geisteskrankheiten, wie die männliche Hysterie, den pathologischen Schwachsinn oder den krankhaften Wandertrieb. Es zeigt auch, wie die junge Militärpsychiatrie ihre Interessen bei Rekrutierungsbehörden und Militärgerichten durchsetzte. So wurden für die wilhelminische Armee die ersten europäischen Intelligenztests entwickelt. Die aufsehenerregenden Ergebnisse der militärpsychiatrischen Massentests verstärkten das zeitgenössische Schreckbild der gesellschaftlichen Degeneration.
Die Studie wirft auch einen Blick auf das Alltagsleben in Militär und Krieg, wie es sich in den ärztlichen Krankenberichten spiegelt. Hinter den Kulissen der «Schule der Nation» versteckte sich nicht selten ein gewalttätiges, männerbündisches Sozialleben.
Martin Lengwiler (Universität Basel) ist Professor für Neuere Allgemeine Geschichte am Departement Geschichte der Universität Basel. Seine Schwerpunkte liegen in der Geschichte des Sozialstaates, der modernen Wissenschaftsgeschichte sowie in der Wirtschafts- und Sozialgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts.

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Von kranken Kämpfern rox. In ihrer Ausgabe vom 11. März 1889 veröffentlichte die «Berliner Klinische Wochenschrift» die ausführliche Darstellung eines Falles von männlicher Hysterie. Das Besondere an dem Fall war, dass er sich in einer Kaserne des badisch-preussischen Armeekorps ereignet hatte und folglich im entsprechenden königlichen Garnisonslazarett behandelt worden war. Es ist dieser erste dokumentierte Hysteriefall, mit dem der Zürcher Historiker Martin Lengwiler seine Untersuchung über das Entstehen der Militärpsychiatrie in Deutschland und der Schweiz einleitet. Im Mittelpunkt der Arbeit steht die Zeit von 1870 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Schon einleitend wird auf die Zwangslage der in der Militärpsychiatrie tätigen Ärzte hingewiesen: In Kriegszeiten gerieten sie ausnahmslos in einen Interessenkonflikt zwischen dem Anliegen der Kranken, dem «Krankmacher» Krieg endgültig zu entkommen, und dem staatlichen Interesse, die kranken Soldaten nur kurz zu behandeln, um sie möglichst bald wieder an die Front zu schicken. Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen überdies auf, inwiefern die Psychiatrie das Militär als Profilierungsfeld für ihre eigenen wissenschaftlichen Legitimationsbedürfnisse benutzte. Martin Lengwiler: Zwischen Klinik und Kaserne. Die Geschichte der Militärpsychiatrie in Deutschland und der Schweiz 1870 bis 1914. Chronos-Verlag, Zürich 2000. 432 S., Fr. 42.50. Abgedruckt mit freundlicher Genehmigung der NZZ. Neue Zürcher Zeitung FEUILLETON 08.04.2000 Nr. 84 68