Menschen korrigieren

Fürsorgerische Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen im Kanton Zürich bis 1981

Leinen
2018. 288 Seiten, 23 Abbildungen s/w., 46 Farbabbildungen
ISBN 978-3-0340-1478-6
CHF 38.00 / EUR 38.00 
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Bis 1981 wurden im Kanton Zürich Kinder und Jugendliche in Heime weggesperrt, bei Pflegefamilien platziert und als billige Arbeitskräfte ausgenutzt. Frauen und Männer kamen zur «Nacherziehung» in Arbeitsanstalten oder wurden gegen ihren Willen in psychiatrische Kliniken eingewiesen. «Liederliche» und «arbeitsscheue» Menschen wurden entmündigt und sterilisiert. Von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen waren im Kanton Zürich bis 1981 zahllose Kinder, Jugendliche und Erwachsene betroffen. Die schweizerische Realität der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen ist geprägt durch ein enges, unübersichtliches Zusammenspiel der verschiedenen staatlichen Ebenen sowie öffentlicher und privater Verantwortungen. Die vier Buchbeiträge beleuchten unterschiedliche Aspekte dieser komplexen Realität anhand von Zürcher Quellen. Sie sind das Ergebnis eines Forschungsprojekts, das vom Regierungsrat des Kantons Zürich in Auftrag gegeben wurde.


ist Historiker und Staatsarchivar des Kantons Zürich


Verena Rothenbühler ist Historikerin, Redaktorin und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Staatsarchiv des Kantons Zürich. Sie publiziert zu Themen der schweizerischen Sozial- und Gesellschaftsgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert.


Bücher im Chronos Verlag


Aufsätze im Chronos Verlag


Artikel

Pressestimmen

«Die Aufarbeitung des Themas ‹Fürsorgerische Zwangsmassnahmen und administrative Versorgung› kommt – nach anfänglichem Widerstand – seit einigen Jahren voran. Das vorliegende Buch bildet einen weiteren Mosaikstein für die Forschung zum Kanton Zürich und beleuchtet vier Themenkreise. [...] Die wissenschaftlichen Berichte werden ergänzt mit Aufsätzen von Menschen, die Opfer von Zwangsmassnahmen waren. Die Lektüre ist nicht nur deshalb aufwühlend, sondern auch weil dank der Forschungsarbeit allmählich deutlich wird, welche Auswüchse dieses Unrechtssystem zeitigte und wie lange es in der Gesellschaft hingenommen oder mitgetragen wurde.»

notabene, 8/2019, Christian Schenk

Sammelrezension VPOD-Magazin - April 2019


«Seit einigen Jahren sind fürsorgerische Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen, wie sie bis in die 1970er-Jahre üblich waren, ein öffentliches Thema. Zahlreiche Kinder und Jugendliche waren von Verdingung mit all ihren Schattenseiten betroffen. Frauen und Männer, die nicht der gesellschaftlichen Norm entsprachen, sollten in Arbeitsanstalten nacherzogen werden. Sie wurden gegen ihren Willen in psychiatrische Kliniken eingewiesen, teilweise dauerhaft entmündigt und sterilisiert. Dabei spielten verschiedene staatliche Ebenen sowie öffentliche und private Akteure zusammen. Das Buch ist das Resultat eines vom Zürcher Regierungsrat in Auftrag gegebenen Forschungsprojekts. Es regt dazu an, den Blick für den heutigen Umgang mit Marginalisierten kritisch zu schärfen.»

«Bewertung: Nicht nur für rechtshistorisch Interessierte.»

plädoyer. Magazin für Recht und Politik 2 (2019) 61.

«Fremdplatziert und weggesperrt»
Staatsarchivar Beat Gnädinger erforschte mit seinem Team die Zürcher Geschichte von «administrativ Versorgten»

SRF, Regionaljournal Zürich Schaffhausen, 2. Dezember 2018, Dorotea Simeon

«Armut erregte Abscheu, weil sie mit einem unsittlichen Lebenswandel einherging. Kinder aus einem solchen Milieu galt es zu beschützen, ihre Seelen in ‹Rettungsanstalten› von verderblichem Einfluss zu reinigen. Deshalb lässt sich auch die Frage der 75-jährigen, die sie immer noch umtreibt, nicht abschliessend beantworten: ‹War unsere Entführung ins Kinderheim die Strafe für unsere Eltern? Eine Strafe für ihr Unvermögen, der Armut die Stirn zu bieten?›»

Ganzer Beitrag: Administrative Versorgung: Wie «liederliche» Menschen diszipliniert wurden

Neue Zürcher Zeitung, 30. November 2018, Dorothee Vögeli

«Wie viele Betroffene es im Kanton Zürich waren, ist paktisch nicht zu ermitteln, weil keine systematischen Zahlen erhoben wurden. Laut Gnädinger waren es Tausende und Abertausende. [...] Die Versorgung diente dazu, gesellschaftswidrige und als anstössig empfundene Lebensweisen mit Freiheitsentzug zu bestrafen. [...] Gerade für Kinder, die vielleicht einen Alkoholiker zum Vater und eine kranke Mutter hatte und deswegen fremdplatziert wurden, war die Einweisung in ein Heim oft fatal: Viele verbrachten ihre Kindheit und Jugend in mehreren Heimen, erhielten nur eine schlechte Ausbildung, lebten unter teils prekären Bedingungen, verliessen die Anstalt mittellos, weil sie den Lohn für die Arbeit, die sie verrichteten, abgeben mussten.»

Tages-Anzeiger, 3. Dezember 2018, Salome Müller

«1981 wurden die Gesetze für die fürsorgerischen Zwangsmassnahmen abgeschafft, primär durch Anstösse von aussen, etwa internationale Konventionen und Abkommen. Dennoch bleibt die Möglichkeit eines fürsorgerischen Freiheitsentzugs bis heute im Gesetz: Seit 2013 heisst die Massnahme fürsorgerische Unterbringung (FU). [...] Aktuell seien im Kanton Zürich rund 3300 fürsorgerische Unterbringungen pro Jahr zu verzeichnen, schreiben die Historiker im Buch. Das seien im nationalen wie internationalen Vergleich beispiellos viele Fälle: ‹Die Praxis aussergerichtlicher Zwangsmassnahmen – wenn auch mit anderer Motivation – lebt bis heute fort.›»

Der Landbote, 1. Dezember 2018, Katrin Oller

«Seit 2002 weiss man, dass in der Psychiatrischen Universitätsklinik (PUK) Burghölzli, aber auch in Rheinau, nicht registrierte Medikamente an Patientinnen und Patienten getestet wurden. Im Rahmen der vom Kanton finanzierten Forschungsprojekte zu den fürsorgerischen Zwangsmassnahmen wurden die Akten des Burghölzli aus den Jahren 1950 bis 1980 erstmals analysiert. [...] Die Medizinhistoriker schätzen, dass 1250 bis 1500 Patientinnen und Patienten mit mindestens 55 Psychopharmaka behandelt wurden, die noch nicht für die Marktzulassung registriert waren. [...] Die von den Forschern betrachteten Zahlen zeigen, dass Frauen deutlich häufiger von den Medikamentenversuchen betroffen waren als Männer.»

Limmattaler Zeitung, 1. Dezember 2018, Katrin Oller