Der vergessene Wirtschaftskrieg
Schweizer Unternehmen im Ersten Weltkrieg
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Gebunden
2008. 2. Auflage 2016.
548 Seiten, 22 Abbildungen s/w.
ISBN 978-3-0340-0882-2
CHF 68.00 / EUR 62.00 
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Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges am 1. August 1914 brach die liberale Wirtschaftsordnung nach einer langen Phase der Expansion buchstäblich über Nacht zusammen. Der Krieg entwickelte sich rasch zu einem hochtechnisierten Produktions- und Abnutzungskampf, der Millionen von Menschen das Leben kostete. Um die «Materialschlachten» durchstehen zu können, wurde nicht nur die Kontrolle und optimale Nutzung wirtschaftlicher Ressourcen, sondern auch die Schwächung der Schlagkraft des Gegners zu einer zentralen Aufgabe der Kriegsführung. Obwohl die Schweiz als neutrales Land nicht direkt in den Krieg verstrickt war, wirkten sich der immer härter geführte Wirtschaftskrieg und die Blockadepolitik der Entente auch auf die Schweizer Wirtschaft aus. Neuen Absatzmärkten und teilweise hohen Gewinnen standen eine zunehmende Regulierungsdichte und eine immer stärker eingeschränkte Handlungsfreiheit gegenüber. Anhand von 16 Fallstudien ermöglicht der vorliegende Band erstmals einen Einblick in die wechselvolle und spannende Geschichte von Schweizer Unternehmen im Ersten Weltkrieg. Entstanden ist eine Publikation, die alle wichtigen Branchen abdeckt und damit eine solide Grundlage für dieses noch kaum erforschte Thema legt.

ist Titularprofessor am Historischen Seminar der Universität Zürich. Seine Forschungsschwerpunkte sind die europäische Finanz- und Währungsgeschichte und die Geschichte von schweizerischen Grossunternehmen.

Bücher im Chronos Verlag


Aufsätze im Chronos Verlag

Artikel
  • Schweiz und Europa
  • Zwischen den Fronten oder an allen Fronten? Eine Einführung
  • Textil-, Maschinen- und Elektroindustrie
  • Die Seidenfirma Schwarzenbach im Zeitalter der Extreme, 1910–1925
  • Eine «Exportfirma par excellence». Die Sulzer Unternehmungen AG in Winterthur, 1914–1925
  • Die Elektrifizierung der Bahn als «nationales Ziel». Die Maschinenfabrik Oerlikon im Ersten Weltkrieg
  • Uhren-, Metall- und Rüstungsindustrie
  • Uhren, Kompasse und elektrische Zähler. Longines, 1910–1925
  • «... das äusserste herausgeholt». Die Eisen- und Stahlwerke Georg Fischer im Ersten Weltkrieg
  • Modernisieren, ausbauen und finanziell entlasten. Der Weg der von Moos’schen Eisenwerke Luzern durch Krise und Krieg, 1910–1925
  • Kriegs- oder Friedensgewinnler? Die Schweizerische Industrie-Gesellschaft Neuhausen, 1910–1925
  • Chemische und Pharmaindustrie
  • Kriegsseife und Glyzerinexport. Die Savonnerie Sunlight im Ersten Weltkrieg
  • Farbstoffe gegen Rohstoffe. Die Ciba und der Erste Weltkrieg
  • Ernährungs-und Genussmittelindustrie
  • Nestlé & Anglo-Swiss. Vom Schweizer Milchimperium zum multinationalen Nahrungsmittelkonzern
  • Rohstoffmangel und Hetzkampagne. Der Nahrungsmittelkonzern Maggi, 1913–1923
  • Hero. Chancen und Risiken einer Schweizer Konservenfabrik im Ersten Weltkrieg
  • Schmuggel, spekulative Kauflust und «wilde Jagd». Suchard und die schweizerische Schokoladeindustrie im Grossen Krieg
  • Banken und Versicherungen
  • Der Aufstieg des Finanzplatzes im Ersten Weltkrieg. Das Beispiel des Schweizerischen Bankvereins
  • Die «Zürich» Versicherungs-Gesellschaft, 1907–1925
  • Die Schweizerische Rückversicherungs-Gesellschaft. Ein Dienstleistungsunternehmen im Ersten Weltkrieg

Pressestimmen
«Die Auswahl der Unternehmen ermöglicht einen breiten Einblick in die Schweizer Wirtschaft zwischen dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs und dem Ende der Nachkriegskrise um das Jahr 1923.» Bankhistorisches Archiv 2008/2

«Mit dem Sammelband liegt eine umfassende und repräsentative Auswertung der Schweizer Unternehmensgeschichte vor, die für andere europäische Länder – darunter auch Deutschland – als Vorbild dienen kann. Diesbezüglich ist die homogene Struktur der Beiträge, die stets eine Vergleichbarkeit ermöglicht, noch einmal hervorzuheben. In diesem Sinne ist dem Buch eine umfassende Rezeption in der unternehmenshistorischen Forschung zu wünschen.» Marcel Boldorf, H-Soz-u-Kult

«Die Beiträge überzeugen durch einen umsichtigen Umgang mit der ermittelten internen und publizierten Daten […]. Zahlreiche Grafiken, Tabellen und Fotos machen die Erträge und Ergebnisse auch optisch einprägsam. Für weitere Forschungen zur schweizerischen Unternehmensgeschichte im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts sind die vorliegenden Beiträge unverzichtbare Vorgabe.» Reinhard Schiffers, Francia-Recensio

«Das Buch ist ein handwerklich hervorragender Beitrag zur Schweizer Firmen- und Wirtschaftsgeschichte und die Beiträge sind so geschrieben, dass man seinen Kopf zwar anstrengen muss, aber man den Inhalt auch mit mässigem Ökonomiewissen versteht.» Koni Loepfe, P. S.
Besprechungen
Dieser Sammelband ist ein Novum in der Landschaft der schweizerischen Historiografie. Er ist sowohl eine Darstellung der Makroentwicklung der Schweizer Wirtschaft unter den Bedingungen militarisierter nationaler Märkte wie eine Sammlung von Mikrostudien, welche erlauben, das wirtschaftliche und soziale Verhalten schweizerischer Unternehmensangehöriger in kriegswirtschaftlich geprägten Beschaffungs- und Absatzmärkten zu betrachten. Der Sammelband geht auf die Initiative der an der Universität Zürich tätigen Wirtschaftshistoriker Roman Rossfeld und Tobias Straumann zurück. Sie versammelten eine zumeist jüngere Generation von mit Unternehmensgeschichte befassten Historikerinnen und Historikern zu mehreren Kollegien und stellten deren aus Unternehmensarchiven geschöpfte Beiträge für diesen Band nach Branchen zusammen: Textil-, Maschinen- und Elektroindustrie (Seidenfirma Schwarzenbach, Sulzer in Winterthur, Maschinenfabrik Oerlikon); Uhren- Metall Rüstungsindustrie (Lon­gines, Georg Fischer in Schaffhausen, von Moos in Emmenbrücke, SIG in Neuhausen); chemische und Pharmaindustrie (Sunlight in Olten, Ciba in Basel); Ernährungs- und Genussmittelindustrie (Nestlé, Maggi, Hero und Suchard) sowie Banken und Versicherungen (Schweizerischer Bankverein, «Zürich» Versicherungs-Gesellschaft und Schweizerische Rück­versicherungs-Gesellschaft). Ein sehr repräsentatives Sample, auch wenn man sich eine Firma wie die Bally-Schuhfabriken dazugewünscht hätte. In der Gesamtschau sind die Beiträge eine Bereicherung und zugleich eine Herausforderung für die Schweizer Geschichte des kurzen 20. Jahrhunderts. Einmal weil sie einen Beitrag zur bisher kaum untersuchten Gesellschaftsgeschichte der Schweiz während dem Ersten Weltkrieg leisten und weil sie ein seit Jahrzehnten tradiertes Narrativ der gesellschafts­geschichtlich inspirierten Schweizer Geschichte hinterfragen: die Erzählung von der Verarmung der Schweizer Lohnverdiener durch die Teuerung und der unverschämten Bereicherung der Kapitalisten während des Ersten Weltkriegs, welche den Klassengegensatz zuspitzte und im Landesgeneralstreik kulminierte. Die hier versammelten Untersuchungen lassen auf eine wesentlich differenziertere Entwicklung schliessen. Den Export orientierten Firmen gelang es durchs Band weg, sich nach einem kurzen Einbruch 1914 geschickt in die europäische Kriegswirtschaft zu integrieren, ihre Umsätze zu steigern und in der Tat ihre Gewinne massiv zu erhöhen. Mit wenigen Ausnahmen (zum Beispiel MFO, Oerlikon) wurden diese Gewinne jedoch nicht einfach nur in die Privatsafes abgeführt, sondern für die Restrukturierung und Neuausrichtung der Unternehmen nach dem Krieg, für das Auffangen der Nachkriegskrise und für die Verbesserung der Sozialleistungen der Arbeitenden verwendet. Allerdings meist auf Druck der Belegschaft oder als Reak­tion auf den Landesgeneralstreik. Die Fallstudien machen klar, dass es sich lohnen würde, die Phase 1917/18 neu aufzuarbeiten und dabei Unternehmens- und regionale Unterschiede zu konturieren sowie sozial- und kulturgeschichtliche Betrachtungsweisen anzuwenden. Für die Wirtschaftsgeschichte des Ersten Weltkriegs zeigen die Fallstudien auf, wie die Grossunternehmen eines neutralen Landes meist mit Erfolg zwischen Entente und Zentralmächten navigierten und welch hoher Stellenwert den Tochterfirmen beidseits der Front und den persönlichen Kontakten in beiden Kriegslagern zukam. Letzteres war insbesondere wichtig, um die Beschaffung von Rohstoffen sicherzustellen oder wenn Schweizer Produkte (Maggi, Hero und Suchard) öffentlich als Tarnprodukte im Dienste des Gegners diffamiert wurden. In der Gesamtheit zeigen die Unternehmensbeispiele auch im Hinblick auf die Lage der Schweizer Wirtschaft während des Zweiten Weltkriegs, wie die Schweizer Industrie auf Gedeih und Verderb mit den europäischen Beschaffungs- und Absatzmärkten verbunden ist – in Friedens- und Kriegszeiten. Und zugleich zeigen sie, wie wichtig die Zäsur des Ersten Weltkriegs für die weitere Entwicklung der Schweizer Grossunternehmen im 20. Jahrhundert war. Der Band stellt ein gelungenes Unternehmen dar, welcher wichtige Bausteine für eine längst überfällige Geschichte der Schweiz im Ersten Weltkrieg liefert und Grundlagen für eine schweizerische Wirtschaftsgeschichte des kurzen 20. Jahrhunderts bereitstellt.
Rudolf Jaun (Zürich) in Traverse 2010/2