Eugenik und Sexualität
Die Regulierung reproduktiven Verhaltens in der Schweiz, 1900–1960
Broschur
2013. 200 Seiten, 17 Abbildungen s/w.
ISBN 978-3-0340-1131-0
CHF 38.00 / EUR 34.00 
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Eugenische Vorstellungen beeinflussten Medizin, Psychiatrie, Sexual- und Rechtswissenschaft bis über die Mitte des 20. Jahrhunderts hinaus. Diese nachhaltige Wirkung beruhte auf der Vorstellung, die Reproduktion gezielt beeinflussen und so soziale Probleme lösen zu können. In diesem Zusammenhang wurde Sexualität erneut zum Thema gemacht und die Steuerung sexuellen Verhaltens legitimiert.
Eugenik, Wissenschaft und Ideologie zugleich, hat durch die Vorstellung, dass das menschliche Erbgut durch Auslese verbessert werden könnte und sollte, rassistische Tendenzen verstärkt. Mit der Kategorisierung von «lebenswertem» und «lebensunwertem» Leben hat sie zur Ausgrenzung von Menschen beigetragen.
Die vorliegende Untersuchung zeigt die Widersprüche und Ambivalenzen dieser Entwicklungen in der Schweiz und analysiert dabei die eugenischen Zusammenhänge zwischen einem zunehmend liberalen Umgang mit unterschiedlichen sexuellen Verhaltensweisen und den Eingriffen Abtreibung und Sterilisation, «gefährlicher Sexualität» und Kastrationen. Thematisiert werden auch der Umgang mit Sexualität in den psychiatrischen Anstalten und die Verstärkung unterschiedlicher Sexualnormen für Männer und Frauen.
Die Autorinnen und Autoren haben diese Entwicklungen erstmals anhand der PatientInnendossiers der psychiatrischen Kliniken in Basel untersuchen können. Sie vergleichen sie mit anderen Kliniken und stellen sie in den Kontext der gesellschaftlichen Entwicklung der Schweiz.

Regina Wecker ist emeritierte Professorin für Frauen- und Geschlechter­geschichte am Historischen Seminar der Universität Basel.


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Sabine Braunschweig, Historikerin und dipl. Erwachsenenbildnerin mit eigenem Büro für Sozialgeschichte in Basel. Arbeitsschwerpunkte: Archivierung, Beratung, Forschung und Vermittlung, Ausstellungs- und Buchprojekte, www.sozialgeschichte-bs.ch.


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Hans Jakob Ritter, geboren 1969, hat in Basel Geschichte, Philosophie und deutsche Literaturwissenschaft studiert und im Fach Geschichte promoviert. Er arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Gymnasial- und Berufspädagogik der Universität Zürich und bildet sich zum Gymnasiallehrer aus.


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Gabriela Imboden, lic.phil., ist Historikerin und Biologin. Sie arbeitet an ihrer Dissertation «Kastration von Sexualstraftätern in Basel, 1930–1960»

Inhalt
Einleitung: Sexualität und Eugenik. Zur Regulierung des sexuellen und reproduktiven Verhaltens

Hans Jakob Ritter, Gabriela Imboden: «Hat die Eröffnung, dass er civilrechtlich nicht ehefähig ist, relativ ruhig aufgenommen». Zur Praxis der psychiatrischen Ehefähigkeitsbegutachtung

Gabriela Imboden, Hans Jakob Ritter: «Die medizinische Indikation wird durch eugenische Überlegungen sehr wesentlich unterstützt». Zur psychiatrischen Begutachtung von Abtreibung und Sterilisation im Kanton Basel-Stadt

Gabriela Imboden: «Ein krankhafter Geschlechtstrieb … soll durch Verschneidung beseitigt werden». Kastration zur Regulierung «gefährlicher» männlicher Sexualität

Sabine Braunschweig: «Dauernd erotisch erregt». Sexualität und Pflegealltag

Regina Wecker: «So günstig es in vielen Fällen wirkt, wenn durch die Sterilisation die Sexualität von Hemmungen befreit wird …». Geschlecht, Eugenik und Sexualität

Fazit: Eugenik und Sexualität. Widersprüche und Ambivalenzen

Pressestimmen
«Manchmal holt die Geschichtswissenschaft Dinge ans Licht, von denen man sich fragt, wieso sie so lange im Dunkeln bleiben beziehungsweise in ihrer Zeit als derart selbstverständlich gelten konnten. Zum Beispiel die Eugenik, die ‹Lehre vom guten Erbe›: Die Überzeugung, dass die Fortpflanzung ‹degenerierter› und ‹anormaler› Individuen zu unterbinden sei, weil sie den ‹Volkskörper› schwäche. […] Die Studie überrascht mit der Einschätzung der Eugenik: Diese wird nicht bloss als eine ‹Schattenseite› der medizinischen Entwicklung oder als Ausfluss etwa des Sozialdarwinismus betrachet. Das eugenische Denken hat laut den Autoren zur Liberalisierung der Sexualmoral beigetragen, indem es die Sexualität von der Fortpflanzung getrennt habe. […] Nachkommen sollten nur die ‹Höhergestellten› haben, doch sexuelle Kontakte waren im Prinzip allen erlaubt. […] Einen neuen Akzent setzt die Studie […] auch bei der Bewertung des Sozialstaats, der bisher als einer der Hauptverantwortlichen für eugenische Praktiken galt. Betont wird nun die tragende Rolle privater und kommunaler Institutionen. Der Sozialstaat sei in der Schweiz erst Ende der 1940er Jahre ausgebaut worden, als sich die Eugenik bereits grosser Beliebtheit erfreute.» Urs Hafner, NZZ

«Auch wenn der nicht nur im Titel offenbar werdende Anspruch des Bandes, Eugenik und Sexualität in der Schweiz in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu verstehen, angesichts der regionalen Verortung und des doch sehr spezifischen Quellenkorpus nicht gänzlich eingelöst werden kann, vermag die Publikation wichtige Lücken in der Forschungslandschaft zur Eugenik und dem psychiatrischen Blick auf die Sexualität zu schliessen und bietet insgesamt eine sehr anregende Lektüre.» Mischa Gallati, H-Soz-u-Kult

«Herausgekommen ist eine Fallstudie, bei der im Grunde alles überzeugt, nur nicht der Titel. Denn durchaus umfassender als dieser insinuiert, geben die AutorInnen Einblicke in die Theorie und Praxis psychiatrischer Regulierungen des Sexuellen in der Schweiz zwischen 1900 und 1960.» Richard Kühl, Gesnerus

«Die Publikation hilft gegen einfach Cliché-Vorstellungen.» Ursula Walter, Basel

«Dieses Buch bereichert die neuere Schweizer Psychiatriegeschichte um ein wichtiges Kapitel, den bevölkerungspolitischen und institutionellen Umgang mit Sexualität und Fortpflanzung. […] Es realisiert eine patientennahe Psychiatriegeschichte auf der Basis von psychiatrischen Krankenakten, deren Potential als historische Quelle auch mit diesen gehaltvollen Analysen noch lange nicht ausgeschöpft ist und regt dazu an, heutige Normvorstellungen von Sexualität als Resultat historischer Prozesse zu begreifen und auf ihre Auswirkungen hin kritisch zu hinterfragen.» Iris Ritzmann, Schweizerische Ärztezeitung

«Il volume offre un significativo apporo alla ricerca storiografica sull'eugenetica ed elabora materiale documentario di indubbio interesse.» Lucia Pozzi, Jahrbuch des italienisch-deutschen Instituts in Trient