Harry Gmür – Bürger, Kommunist, Journalist
Biographie, Reportagen, politische Kommentare
Gebunden
2009. 320 Seiten, 40 Abbildungen s/w.
ISBN 978-3-0340-0920-1
CHF 38.00 / EUR 24.00 
  • Kurztext
  • Autor/in
  • Einblick
  • In den Medien
Harry Gmür: Ein zerrissenes Leben im Zeichen der politischen Stürme und Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Dem Grossbürgersohn war sein Weg als politischer Journalist und Aktivist nicht in die Wiege gelegt worden. Früh wandte er sich politisch nach links, Ende der 1930er Jahre wurde er Kommunist. Kalter Krieg und Antikommunismus liessen seine Hoffnungen scheitern und drängten ihn in eine tiefe politische und persönliche Krise.
Noch heute bemerkenswert ist die von ihm 1937/38 herausgegebene Wochenzeitung «ABC», ein antifaschistisches Forum linker Schweizer Autoren und deutscher Emigranten. Ab 1958 bietet ihm die «Weltbühne» (DDR) eine neue Publikationsmöglichkeit. Als «Schweizer Afrikakenner Stefan Miller» verfasste er in ihrem Auftrag Hunderte von Reportagen und Kommentaren. In der DDR, wo er nie gelebt hat, war er hoch geschätzt. In der Schweiz war der Autor Gmür vor allem der Polizei bekannt, die ihn jahrzehntelang observierte.
Der Band vereint Biographie sowie politische Kommentare und Reportagen von Harry Gmür, die es wert sind, der Vergessenheit entrissen zu werden.

(1947–2019)
Studium der Allgemeinen Geschichte, Wirtschafts- und Sozialgeschichte in Zürich. War seit 1986 freischaffender Mitarbeiter diverser Forschungsprojekte (u.a. Schweiz – Zweiter Weltkrieg), Ausstellungen und Publikationen (so Zürcher Kantonsgeschichte). Ab 1994 Redaktionsmitglied der historischen Zeitschrift «Traverse». Ende 2016 eine Geschichte der chemisch-pharmazeutischen Industrie in Basel.


Bücher im Chronos Verlag


Aufsätze im Chronos Verlag


Markus Bürgi, geboren 1943, Dr. phil., Historiker; war Mitarbeiter des Historischen Lexikons der Schweiz (ca. 320 Artikel) und Lehr­beauftragter an der Universität Zürich; Herausgeber des internationalen Briefwechsels von Wilhelm Liebknecht (in Vorbereitung).


Aufsätze im Chronos Verlag

Inhalt
Harry Gmür zur Einführung

Teil I
Markus Bürgi, Mario König: Bürger, Kommunist, Journalist: Harry Gmür (1908–1979)

1. Der Grossbürgersohn
Aufwachsen auf der Sonnenseite * Studium, Wirtschaftskrise, Nationalsozialismus * Frühe Heirat
2. Der politische Lehrling: Bürgertum, Arbeiterbewegung, Antifaschismus
Zürich: ein privater und politischer Neuanfang * Mitarbeit am «Plan der Arbeit»
3. Der Verleger und Redaktor: «ABC» – eine kulturpolitische Zeitung
Eine langwierige Gründungsgeschichte * «ABC. Unabhängige schweizerische Tribüne – Politik, Wirtschaft, Kultur» * Gmür und Halperin: das Duo an der Spitze * Ein Kreis exzellenter Mitarbeiter * In permanenter Finanznot * Das Ende
4. Der Oppositionelle: Bruch mit der Sozialdemokratie und Illegalität
Der Linkssozialist * «Sozialdemokratische Partei-Opposition» (SPO) * Redaktor in der Illegalität
5. Der Kommunist: Kurzer politischer und persönlicher Aufbruch
Mitbegründer der PdA und Chefredaktor des «Vorwärts» * Im Gemeinderat * Experimente mit Verlag und Film
6. Der Gescheiterte: Absturz und Rückzug
Im freien Fall * Die Familie * Schriftstellerei
7. Der Reporter: «Stefan Miller», unterwegs für die «Weltbühne»
Reisen, publizieren, die Welt politisch betrachten * Über Afrika schreiben * Harry Gmür als Reporter * Für die «Weltbühne» arbeiten: ein widerspruchsvolles Unternehmen * Im Blickfeld der «Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel» * Versteckspiel mit Pseudonymen
8. Der Observierte: Im Blick des Staatsschutzes
Im Hintergrund: der Antisemitismus * Pseudonyme, Spitzel, Denunzianten
9. Der bürgerliche Grenzgänger


Teil II
Harry Gmür: Reportagen und politische Kommentare

Krisenpolitik, Faschismus, Neutralität – Kommentare 1937–1939
1. Neutralität mit Schlagseite
2. Freundlichkeiten für Hitler – Distanz gegenüber Frankreich
3. Schuharbeiterstreik in Herzogenbuchsee
4. Die Herren Europas glauben nicht mehr an die Zukunft
5. Robert Grimm: bewundert und gefürchtet
6. Die Diktatur in Russland und das demokratische Ideal
7. Kriegsgefahr – und Hoffnung auf die USA
8. Faschismus im Vormarsch – Demokratie in der Defensive
9. Gegen eine «Neutralität» an der Seite der Seite der Aggressoren
10. Für eine neue Wirtschaftspolitik
11. Die Schweiz an der Seite der Völkerbundsfeinde?
12. Die Französische Revolution im Film: ein Lehrstück
13. Nationaler Schulterschluss – aber nicht bedingungslos
14. «Neutralität» im Alleingang – Abwendung von der kollektiven Sicherheit
15. Das Grossbürgertum und die verschämte Sympathie für den Faschismus

Unterwegs in Afrika - Reporter für die «Weltbühne» 1959–1976
16. Erste Reise nach Westafrika, Frühjahr 1959
17. Die junge Republik Guinea
18. Erster Staatsbesuch: Präsident Nkrumah besucht Guinea
19. Unterwegs mit Nkrumah und Sekou Touré
20. Accra, Hauptstadt von Ghana
21. Die Diamantenhändlerin
22. Nach Ostafrika: Nairobi 1962
23. Eine Kundgebung für die Unabhängigkeit
24. Jomo Kenyatta: der Mann des neuen Kenya
25. Eine Reise in die Provinz: bei Odinga in Kisumu
26. Eine Begegnung mit Julius Nyerere
27. Ankunft in Nigeria: Lagos 1964
28. Sonny: ein nicht ganz tugendhafter Gewerkschafter
29. «Zik of New Africa»: der erste Präsident Nigerias
30. Eine stürmische Parlamentssitzung
31. Ein Land vor dem Bürgerkrieg: Nigeria 1964
32. Die zukünftige Erdölmetropole: Port Harcourt
33. Nach 17 Jahren wieder in Guinea: Conakry 1976
34. Pouvoir révolutionnaire local: Planwirtschaft und Parteiherrschaft
35. Die Last der Tradition: der Streit um die Polygamie

Pressestimmen
«Markus Bürgi und Mario König machen die Brüche und Ambivalenzen dieses Lebens deutlich. Ihre biografische Erkundung ist breit recherchiert, gängig geschrieben, präzis in der Einordnung und Einschätzung.» Stefan Howald, WoZ

«Den beiden Autoren ist es gelungen, durch das Prisma eines einzelnen Akteurs, dessen Schicksal nicht zuletzt von seinem beharrlichen Festhalten am kommunistischen Ideal und seiner zuweilen verschrobenen Eigenwilligkeit mitbestimmt war, ein Stück gut lesbare Zeigeschichte zur Schweiz zu schreiben und mit den abgedruckten Texten von Gmür auch eine literarische Wiederentdeckung zu ermöglichen.» Damir Skenderovic, H-Soz-u-Kult
Besprechungen
Politische Biografien haben seit einigen Jahren Hochkonjunktur. Der biographical turn signalisiert die Rückkehr der Subjekte in die Geschichte gegenüber der Strukturgeschichtsschreibung und hat vorwiegend in der Elitenforschung – jener der Arbeiterparlamentarier mit einbezogen – Einzug gehalten. Die vorliegende Arbeit zu Harry Gmür (1908–1979) steht in diesem Trend und ist auch ein Beitrag zur historischen Intellektuellenforschung in der Schweiz, die bisher fast ausschliesslich in der Romandie angesiedelt war. Das facettenreiche Leben von H. Gmür mit seinen Brüchen und Ambivalenzen ist gängig geschrieben und gliedert sich in zwei unterschiedliche Blöcke von je etwa 150 Seiten. Im ersten Block schildern die Autoren chronologisch die Lebensgeschichte des in einem grossbürgerlichen Milieu auf¬gewachsenen Protagonisten. Der Vater machte als Rechtsanwalt Karriere und brachte es zum Rechtsprofessor an der Universität Bern; die Mutter entstammte einer begüterten Familie, die im Kolonial¬warenhandel zu Reichtum und Ansehen gekommen war. Der Bürgersohn studierte Geschichte und Germanistik in Bern, Paris, München und Leipzig – das vom früh verstorbenen, antisozialistisch eingestellten Vater hinterlassene Vermögen ermöglichten dem 1933 in die Schweiz zurückgekehrten Gmür eine politische und publizistische Tätigkeit jenseits finanzieller Sorgen. Gmür trat der SP Schweiz bei (1933) und gehörte bis 1936 einem think tank an, der den VPOD und die SP Schweiz mitten in der Wirtschaftskrise mit wirtschaftspolitischen Ideen belieferte und diese im Rahmen des «Plans der Arbeit» propagierte: Grossunternehmen sollten in die öffentliche Hand überführt und die Schweizer Demokratie durch eine Front aus Arbeitern, Angestellten, Bauern und Kleingewerbetreibenden ausgebaut und gegen den Faschismus in Stellung gebracht werden. Doch Gmürs Engagement in der sozialistischen Bewegung – ein eigentlicher «Klassenverrat» – zentrierte sich nach dem Versanden der Planbewegung und dem Rechtsrutsch in der SP Schweiz (1937, Richtlinienbewegung) auf ein kulturpolitisches Projekt, das die beiden Autoren nun zum ersten Mal umfassend «ausgegraben» und einem interessierten Publikum zugänglich gemacht haben: Gmür war 1937/38 Geldgeber und mit Josef Halperin Kopf der kulturpolitischen Wochenzeitung ABC, die einen linkssozialistischen Kurs steuerte und in den Jahren des spanischen Bürgerkriegs und der Moskauer Schauprozesse sowohl moskaukritischen als auch stalinistischen Autoren ihre Spalten öffnete. Im Diskussions¬forum ABC kamen unter anderen Friedrich Glauser, Hans Mühlestein, C. F. Vaucher und Annemarie Schwarzenbach zum Zug. Bürgi und König arbeiten minuziös heraus, wie Gmür immer wieder Geld ins Unternehmen schoss, um es vom Untergang zu retten. Im Frühjahr 1938 kam das Aus, waren doch sowohl der SPS als auch dem Gewerkschaftsbund die poli¬tische Linie ein Dorn im Auge und keiner Unterstützung wert. Mit dem Untergang von ABC bewegte sich Gmür schrittweise nach links, übernahm die Positionen der Kommunisten, trat 1940 insgeheim der KP Schweiz bei (ohne aus der SP auszutreten) und wurde 1942 aus der SPS verstossen. Dass Gmür nach dem politischen Bruch mit der SPS und aus Enttäuschung über den Lauf der Dinge in der Schweiz im Hafen der KP Schweiz landete, ist kein Einzelfall. Auch andere Linksintellektuelle, so etwa Hans Mühlestein, sahen aus Enttäuschung über die Appeasement-Politik der westlichen Demokratien in Stalins Sowjetunion die neue Heimat. Schade, dass die Autoren es beim Einzelfall belassen und Gmürs Wahl nicht besser einbetten. Nach dem Abschied von der Sozialdemokratie – diesem ersten politischen Bruch Gmürs – schildern Bürgi und König dessen kurzen politischen und persön¬lichen Aufbruch in der neu gegründeten «Partei der Arbeit» (PdA, 1944), die in diesen ersten Nachkriegsjahren für kurze Zeit ein Sammelbecken linkssozialistischer und altstalinistischer Kräfte und erst mit Beginn des Kalten Kriegs ohne Wenn und Aber auf die Sowjetunion eingeschworen war. Gmür amtet als Chefredaktor am Parteiorgan Vorwärts (1944–1947) und leitet bis 1949 die Zürcher PdA. Er ist administrativ überfordert, verwickelt sich in Politintrigen, ist oft (aber nicht in allen Episoden) Vorreiter der stalinistischen Verengung der Partei und wird letztlich von ihr selbst als Chefredaktor abgesetzt. Kompensierte Gmür seinen «Klassenverrat» zuweilen mit dogmatischer Linientreue? Eine Frage, auf die in der Arbeit keine Antworten skizziert werden. Das Jahr 1950 ist ein Schlüsseljahr und Scharnier in Gmürs persönlicher Ent¬wicklung. Die Autoren widmen diesem Wendepunkt zurecht breiten Raum. Die PdA ma¬usert sich im Zeichen des sich verschärfenden Kalten Kriegs von einer breiten Sammelbewegung zu einer politischen Sekte: Gmür wird in Zürich als PdA-Gemeinderat abgewählt und zieht sich aus der aktiven Politik zurück. Im Kapitel «Der Gescheiterte: Absturz und Rückzug» sezieren Bürgi und König Gmürs «persönliche Krise»: Er ging keiner beruflichen Tätigkeit mehr nach und drohte dem Alkohol zu verfallen. Dieser «freie Fall» (99) im Zeichen politischer Hoffnungslosigkeit wird meisterhaft her¬ausgearbeitet und ausgelotet. Doch Gmür fängt sich auf und beginnt Ende der 1950er-Jahre eine zweite Karriere: Unter dem Pseudonym «Stefan Miller» veröffentlicht er in der Ostberliner «Weltbühne» bis in die 1970er-Jahre hinein 310 Artikel, insbesondere Reisereportagen aus Afrika, in denen er den Pro¬blemen des post¬kolonialen Aufbaus nachgeht. Die Autoren publizieren im zweiten Block des hier besprochenen Buchs 20 Reisereportagen, die uns einen vielseitig interessierten Reisenden zeigen, der mit viel Gespür und wenig politischen Scheuklappen den Problemen des neuen Afrikas nachgeht. Diese Reportagen sowie zwölf Grundsatzartikel aus «ABC» (1937/38) ergänzen den biografischen Block des Buches in idealer Weise. Die insgesamt überzeugende Arbeit zum «bürgerlichen Grenzgänger» (149) Gmür weist unseres Erachtens auch einige Schwächen auf. Obwohl Gmürs Absetzung und Bruch mit dem Bürgertum sowie Anschluss an die Arbeiterbewegung in allen Einzelheiten geschildert und interpretiert werden, vermissen wir eine «Einbettung» beziehungsweise Ergänzung des Falles Gmür mit weiteren Bürgersöhnen oder Bürgertöchtern, die sich der KP Schweiz an¬geschlossen und ihr finanziell unter die Arme gegriffen haben. Bei genauerer Kenntnis der schwachen, aber gut erforschten KP Schweiz der Zwischenkriegszeit hätten die Autoren reiche Bürgertöchter wie Rosa Bloch oder Mentona Moser heranziehen und deren «Klassenverrat» mit der Laufbahn Gmürs vergleichen können. Auch fehlen in der Arbeit zum promovierten Genossen Harry Gmür zum besseren Verständnis des Einzelfalls Vergleiche zu Dutzenden von weiteren Parteigenossen, die ebenfalls den Doktortitel trugen (ohne ihn hervorzuheben) und der Partei dienten. Wo Bürgi und König Gmürs Engagement für die Wochenzeitung ABC in allen Facetten schildern und das linksintellektuelle Milieu zur Zeit des Spanienkriegs und der Moskauer Prozesse schildern, vermissen wir Hinweise auf entsprechende Arbeiten, die in der Romandie vor zehn Jahren erschienen (vgl. Mauro Cerutti et al., La Suisse et l’Espagne. De la République à Franco (1936–1946), Lausanne 2001), aber in der Deutschschweiz kaum zur Kenntnis genommen werden.
Peter Huber (Genf) in Traverse 2011/3