Bildungsort, Männerhort, politischer Kampfverein
Der deutsche Arbeiterverein «Eintracht Zürich» (1840–1916)
Gebunden
2012. 532 Seiten, 65 Abbildungen s/w.
ISBN 978-3-0340-1117-4
CHF 68.00 / EUR 55.50 
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Die Arbeitervereine in der Schweiz waren den wandernden Handwerksburschen aus den deutschsprachigen monarchischen Staaten nicht nur erste Anlaufstelle, für manche wurden sie zum vorüber­gehenden oder auch dauerhaften Heim in der Fremde. Sie waren polyfunktional an­gelegt, boten dem jungen, ungebundenen Arbeiter ein Vollprogramm für die arbeitsfreie Zeit: sie waren zugleich ­Bildungsort, Männerhort und politischer Handlungsraum.
Von politischen Flüchtlingen in den 1830er-Jahren als Gesang- oder Lese­vereine gegründet, wurden die deutschen Arbeitervereine zu Schulen für demokratische Praktiken und Organisationsfähigkeit. Später kamen Turnen, Tanz, Theater und anderes mehr hinzu. Von grosser Bedeutung war die männerbündische Gesellig­keit, dem Alkohol- und ­Zigarrenkonsum wurde ungehindert gefrönt, die Alltagssorgen und materiellen Nöte fielen für ein paar Stunden der Vergessenheit anheim. Ganz nebenbei wurden die deutschen Arbeiter­vereine zum Schritt­macher der frühsozialistischen Arbeiterbewegung in der Schweiz.
Die mitgliederstärkste Sektion mit der umfassendsten Infrastruktur, die «Eintracht Zürich», entwickelte sich bis zum Ersten Weltkrieg zu einem eigentlichen sozialistischen Kampfverein. Schon vor dem Erwerb des prestigeträchtigen Vereinshauses am Zürcher Neumarkt wurde sie zum Dreh- und Angelpunkt für ausländische und Schweizer Sozialdemo­kraten. Liebknecht, Bebel, Bernstein, Kautsky und vielen anderen bot die Eintracht ein wichtiges Redeforum. Herman Greulich, Fritz Brup­bacher, Fritz Platten und der spätere Generalstreikführer Robert Grimm starteten ihre politische Laufbahn in diesem Verein. Vor und während dem Ersten Weltkrieg gesellten sich mit Lenin, Trotzki, Axelrod, Radek und vielen anderen die russischen Exilrevolutionäre hinzu.

Jg. 1965, Dr. phil., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Staatsarchiv Zürich und freischaffende Historikerin mit Schwerpunkt russische und jüdische Geschichte sowie Geschichte der ArbeiterInnen im 19. und 20. Jahrhundert.


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Inhalt
Einleitung


Organisation, Idee und Programm der deutschen Arbeitervereine in der Schweiz

Von der Gründerzeit bis zum Eingriff von Murten 1850
- Vereinswesen und Arbeiterbildungsvereine im europäischen Kontext
- Das Vereinswesen zur Zeit des Deutschen Bunds
- Deutsche Handwerkervereine in der Schweiz
- Die Revolution von 1848/49 in Deutschland
Die Entwicklung 1850–1878: der Weg zu einer sozialdemokratischen Landesorganisation
- Der «Arbeiterbildungsverein Eintracht» etabliert sich
- Hermann Schulze-Delitzsch: wirtschaftliche Selbsthilfe und Volksbildung
- Georg Feins vorübergehendes Comeback
- Die Arbeitervereine organisieren sich zentral
- Die 1860er-Jahre: die Eintracht baut ihre Infrastruktur aus
- Veränderte Vereinskultur
- Die Gründung der Ersten Internationale
- Das Interesse an der Internationale erwacht
- Die sozialdemokratische Phase
- Fazit: Äussere Turbulenzen und innerer Selbstfindungsprozess
Vom «Sozialistengesetz» bis zum Ersten Weltkrieg
- Die Folgen von Bismarcks Sozialistenhetze für die Arbeitervereine
- Die 1890er-Jahre: Bekenntnis zur Internationale und allmählicher Wandel zum sozialistischen Klassenkampfverein
- Die deutschen und die österreichisch-ungarischen Sozialdemokraten vereinigen sich
- Das Bekenntnis zur schweizerischen Partei
- Der Erste Weltkrieg
- Die russischen Sozialisten nehmen Einfluss
- Eine Epoche geht zu Ende: die Eintracht löst sich auf
- Fazit: Kontinuitäten und Brüche


Die Mitgliederschaft der Eintracht

Die soziale Zusammensetzung
- Grundzüge der Struktur der Vereinsbasis
- Ausdifferenzierung nach den verschiedenen Berufsgattungen
- Kontinuität und Wandel in der Berufsstruktur
- Die soziale Struktur der Führungsgruppe
Die nationale Zusammensetzung
- Auswertung der Herkunft aus den deutschen Teilgebieten
Alter und Zivilstand
Die Frauen
Das Problem der Fluktuation
Das lebensweltliche Milieu des «Einträchtlers»
Die breite Basis der kleinen Funktionäre und Funktionslosen
Typisierung des Arbeitervereinsmitglieds
Fazit: Der süddeutsche Handwerksbursche als Hauptträger der Eintracht


Der polyfunktionale Arbeiterverein: Ort der Identitätsbildung und der Integration

Der Arbeiterverein als zentraler Bestandteil der Lebenswelt des Wandergesellen
Der Arbeiterverein als Heimat
Werte und Normen: der sittlich-moralische Anspruch
Praktizierte Geselligkeit
- Die Bedeutung des Gesangs im Arbeiterverein
- Die Arbeiterfest- und -veranstaltungskultur
- Weitere gesellige Anlässe im Jahresverlauf
- Ausflüge als Grossveranstaltungen
- Fazit: Die Eintracht Zürich als Ort gelebter Arbeiterkultur
Die Herausbildung des politischen Bewusstseins
- Vom politischen Bewusstsein zum Sozialismus
Die Eintracht: ein Hort der Männlichkeit
- Der Arbeiterverein als Brüderbund
- «Männlich und schön»: der Männlichkeitskult im deutschen Arbeiterverein
- Männlichkeit und Patriotismus
- Ein- und Ausschluss der Frauen
- Frauen im deutschen Arbeiterverein
- Frauenthemen in der Eintracht
- Hausfrauen und russische Studentinnen
Fazit: Der Arbeiterverein als ideologische Grossfamilie


Das Verhältnis zwischen den deutschen und den Schweizer Genossen

Der «Schweizerische Grütliverein» und die Eintracht: Gemeinsamkeiten und Unterschiede
- Formal-organisatorische Gemeinsamkeiten
- Abgrenzung und Zusammengehen
- Die Annäherung zwischen der Eintracht und Greulichs Partei
- Der Zürcher Tonhallekrawall von 1871
- Der alte Arbeiterbund als Pulverfass
- Das Verhältnis der deutschen Arbeitervereine zu den Schweizer Sozialdemokraten nach der «Solothurner Hochzeit»
- Der Grütliverein rüstet zum Abwehrkampf
- Die Nationalratswahlen von 1911
- Der Parteitag der «Sozialdemokratischen Partei der Schweiz» von 1911 und die «Ausländerfrage»
- Die Eintracht wird Sektion der Zürcher Kantonalpartei
Das Zusammengehen mit den Gewerkschaften
- Die Eintracht als treibende Kraft der Gewerkschaften
- Die Eintracht verordnet Gewerkschaftspflicht
- Das Bekenntnis der Landesorganisation zu den Gewerkschaften
Fazit: Mit und gegen die Schweizer Genossen


Schlussbemerkungen

Pressestimmen
«Wer die Namen jener liest, die im Arbeiterverein ‹Eintracht Zürich› von 1840 bis 1916 als Mitglieder oder als Referenten ein- und ausgingen, bekommt eine Ahnung von dessen Bedeutung: Wilhelm Liebknecht, August Bebel, Karl Kautsky – Herman Greulich, Fritz Brupbacher, Robert Grimm – Lenin, Trotzki, Alexandra Kollontai. […] Jetzt hat Karin Huser eine material- und facettenreiche Studie über die Organisation vorgelegt, die verdienstvollerweise auch eine grössere Forschungslücke schliesst.» Christoph Schlatter, vpod-Magazin

«Ein ausführliches Quellen- und Literaturverzeichnis sowie ein Personenregister schliessen das Werk ab, das als beispielhafte Untersuchung zur Arbeitergeschichte des 19. und frühen 20. Jh. Mut und Schule machen sollte.» Walter Schmidt, Jahrbuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung

«Huser hat auf Grundlage der neueren Literatur zur Geschichte der Arbeiter und Arbeiterbewegung eine überzeugende Überblicksarbeit vorgelegt.» Jürgen Schmidt, Berlin