«Die Eisenbahn der Zukunft»
Automatisierung, Schnellverkehr und Modernisierung bei den SBB 1955 bis 2005
Interferenzen – Studien zur Kulturgeschichte der Technik, Band 12
Broschur
2007. 408 Seiten, 39 Abbildungen s/w.
ISBN 978-3-0340-0856-3
CHF 48.00 / EUR 43.00 
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Wie hängen Innovation und Wandel bei den Schweizerischen Bundesbahnen zusammen? Woher kam der Druck zur Veränderung? Wer generierte innovative Ideen und wie konnten sich diese durchsetzen? So lauten einige Kernfragen der Untersuchung, die sich als eine «integrative Unternehmensgeschichte» der SBB versteht. Die zweite Hälfte der 1960er-Jahre, in der die Bundesbahnen in eine Defizitphase eintraten, stellt den Ausgangspunkt dar. Anhand der Projekte für eine automatische Zugsicherung, für den Taktfahrplan Schweiz und für eine Schnellbahn Bern-Zürich spannt die Autorin einen weiten Bogen in die Gegenwart. Darin zeigt sie, wie das Bahnunternehmen um die Mitte der 1980er-Jahre dank cleverem Marketing und dank dem Mega-Trend Umweltschutz den Turnaround schaffte und die historische Kurve von einer «public social railway» zu einer «public business railway» nahm. Zu dieser Erfolgsstory gehört die «Bahn 2000», die 1984/85 das unbeliebte Projekt der «Neuen Haupttransversalen» (NHT) ablöste. Dabei kommt auch die Sichtweise der Ingenieure, Betriebswirtschaftler und Generaldirektoren zur Sprache, mit denen die Autorin Interviews für eine «Oral History» der SBB führte. Mit den Bundesbahnen steht auch die schweizerische Verkehrspolitik in ihrem Verhältnis zu Europa im Fokus. Die Darstellung endet in den späten 1990er-Jahren, als die Bahn- und Unternehmensreform in Kraft trat und die SBB eine Pionierrolle beim «European Train Control System» (ETCS) übernahmen. Angesichts der Herausforderungen durch zukünftige Bahnreformen, durch die NEAT und die Veränderungen der Lebensgewohnheiten scheinen die Weichen wieder offen für eine neue «Eisenbahn der Zukunft».
Gisela Hürlimann arbeitet an der Professur für Technikgeschichte der ETH Zürich (Oberassistentin) und lehrt an verschiedenen Universitäten. Ihre Forschungsinteressen reichen von der Wirtschafts-, Verkehrs- und Innovationsgeschichte über Sozialstaat, Psychiatrie und Migration bis zu Soziologie und Geschichte der öffentlichen Finanzen. Sie präsidiert derzeit die Antiquarische Gesellschaft in Zürich.

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Pressestimmen
«Gisela Hürlimanns überarbeitete Zürcher wirtschafts- und technikhistorische Dissertation zur Nachkriegsgeschichte der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) setzt Zeichen in der historischen Innovationsforschung, der Verkehrsgeschichte und der Wirtschaftsgeschichte öffentlicher Unternehmen. […] Hürlimann gelingt es, in der Arbeit bei aller Breite des Themas an den richtigen Stellen das Tempo zu verlangsamen, Tiefenbohrungen anzulegen, die Quellenarbeit zu intensivieren und besonders wichtige Diskussions- und Meinungsbildungsprozesse einzelner zentraler Akteure in SBB und politischer Verkehrsverwaltung etwa durch ihre Randnotizen und Glossen nachzuzeichnen.» Hans-Ludger Dienel, Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte

«Hürlimann gelingt es in faszinierender Weise, eine technische Details nicht scheuende, bis in die Gegenwart reichende Geschichte eines Unternehmens zu erzählen, ohne dabei von den Interviewpartnern vereinnahmt zu werden und die analytische Distanz zu verlieren. Sie verbindet technische Detailinformationen und intime Sachkenntnis der Schweizer Eisenbahnpolitik gekonnt mit analytischen Passagen.» Michael Hascher, Zeitschrift für Unternehmensgeschichte
Besprechungen
Wann, zumal aus historisch-wissenschaftlicher Optik, hört die «Gegenwart» auf und fängt die «Geschichte» an? Die Historikerin Gisela Hürlimann hat an der Universität Zürich als Dissertation (Professoren Jakob Tanner und David Gugerli) eine breit gefasste Untersuchung über die SBB vorgelegt, die von 1955 bis ins Jahr 2005 und – perspektivisch – sogar bis in die Zukunft reicht. Darf man das als Historikerin? Es wäre sehr schade, hätte es Gisela Hürlimann nicht gewagt. Um das Wichtigste vorwegzunehmen: Es handelt sich um eine rundum fundierte, klug konzipierte und angenehm flüssig geschriebene Studie. Verkehrsgeschichtlicher Ausgangspunkt bildet die rasante Automobilisierung nach dem Zweiten Weltkrieg, welche die SBB mehr und mehr in eine existenz­bedrohende Krise stürzte, was sich unter anderem in wachsenden Defiziten ab den 1960er-Jahren äusserte. Die Strategie der SBB gegen die Herausforderung des Automobils konzentrierte sich auf drei Kernbereiche, die Gisela Hürlimann als «übergeordnete Paradigmen» in ihrer Arbeit fokussiert und anhand ausgewählter Einzelbeispiele jeweils konkretisiert. An den Anfang stellt sie das «Kybernetikparadigma», welches die Anstrengungen der SBB zur Rationalisierung (Personalabbau) durch Automatisierung und Zentralisierung der Betriebsabläufe reflektiert. Sehr schön kommt hier zum Ausdruck, wie dieses zukunftsträchtige Programm zwar viel Euphorie auslöste, aber angesichts der EDV-Möglichkeiten der 1960er-Jahre vorerst kaum Resultate zeitigte. Als zweites Paradigma untersucht die Autorin die Modernisierung der SBB durch Beschleunigung, was nicht nur den Taktfahrplan hervorbrachte, sondern nach etlichen Geburtswehen letztendlich in die Grossprojekte von «Bahn 2000» und der NEAT mündete. Drittens sodann verortet das «Service-public-Paradigma» die SBB im zunehmend angespannten gesellschaftspolitischen und verkehrswirtschaftlichen Kontext (zum Beispiel Leistungsaufträge, Entgeltungen für gemeinwirtschaftliche Aufgaben). Abschliessend bündelt die Autorin die drei Ebenen in einer Synthese, wobei sie herausschält, wie diese in oft enger gegenseitiger Abhängigkeit standen. So war etwa der Taktfahrplan als Angebotsverbesserung eine Beschleunigungsmassnahme, zugleich aber auch ein hilfreiches Instrument zur Optimierung der Automatisierung. Erst diese Interferenz verhalf dieser lange Zeit ungeliebten, «subversiven» Innovation unternehmensintern zum Durchbruch. Gisela Hürlimann zeichnet somit nicht einfach nur nach, was wann geschehen ist. Vielmehr, und darin liegt der eigentliche Hauptwert dieser Studie, richtet sie ihr Augenmerk auf die Prozesse und Strukturen, die Innovationen und die damit verbundenen Entscheidungsfindungen unternehmensintern überhaupt erst ermöglichten. Als sehr fruchtbar erweist sich in diesem Zusammenhang im Übrigen der Einbezug internationaler Aspekte, vornehmlich natürlich der Bahnpolitik innerhalb der EU, welche die jüngere Entwicklung der SBB mitunter richtungsweisend prägte. Mit ihrem umfangreichen Quellenmaterial, darunter diverse Interviews mit ehemaligen Exponenten der SBB wie Benedikt Weibel, weiss Gisela Hürlimann sicher und erhellend umzugehen. Der rote Faden geht in dieser gut strukturierten, exakt dokumentierten und argumentativ überzeugenden Arbeit trotz der (technischen) Komplexität der Themenfelder nicht verloren. Wie die Autorin selbst schreibt, deckt ihr Beitrag nur Teilaspekte einer noch zu erarbeitenden umfassenden neuzeitlichen Bahngeschichte ab. Dazu bietet er zweifellos eine gelungene und anregende Grundlage. Interessant wäre beispielsweise zu erfahren, wie andere Schweizer Bahngesellschaften auf die damaligen Zeichen der Zeit reagierten und warum ihre Reaktionsmuster, verstanden als Prozesse der Entscheidungsfindung und -durchsetzung, allenfalls divergierten.
Thomas Frey (Bern) in Traverse 2008/1

Die in dieser Reihe erscheinenden Publikationen untersuchen technische Entwicklungen in der Neuzeit. Sie fragen nach dem historischen Entstehungskontext und gehen der Frage nach, inwiefern verschiedene soziale Gruppen diese technischen Entwicklungen als Möglichkeit sozialen Wandels wahrgenommen, ausgehandelt und bisweilen genutzt oder vergessen haben. Der Ansatz erlaubt es, Innovationen als technisch und gesellschaftlich voraussetzungsreiche Prozesse zu verstehen und zu erklären.