Die Geschichte der Inlandsadoptionen in der Schweiz ist bislang kaum erforscht. Diese Studie untersucht, wie sich die rechtlichen Rahmenbedingungen und das Handeln von Behörden und Adoptionsvermittlungsstellen auf adoptierte Menschen und ihre leiblichen Eltern ausgewirkt haben, und legt dar, wie sich diese Mechanismen im Zeitraum von 1922 bis 2017 verändert haben.
Die Ergebnisse zeigen, dass das Kindeswohl bei Fremdplatzierungsentscheiden lange nicht im Zentrum stand. Ledige Mutterschaft wurde stigmatisiert und uneheliche Kinder erhielten von Gesetzes wegen einen Beistand. Behörden betrachteten Einelternfamilien als defizitär und gaben deshalb viele Kinder verheirateten Paaren zur Pflege oder zur Adoption. Die Frage, was solche biografischen Brüche mit Kindern, Müttern und Vätern machen, wurde kaum gestellt. Die Interviewanalysen zeigen, dass sich die Betroffenen oft als Objekt des Behördenhandelns wahrnahmen. Die mit diesem Handeln verbundenen normativen Vorstellungen und subtilen Zwangsmomente hallen in ihrem Leben nach – insbesondere, wenn die Kenntnis der biologischen Verwandten oder der Kontakt zu ihnen unterdrückt wurde.
«‹Ungewollt?› heisst das Buch von Lukas Fritz-Emmenegger, Adrian Seitz, Susanne Businger, Thomas Gabriel und Samuel Keller. Ihr Ziel war es, wissenschaftliche Erkenntnisse über die Schweizer Adoptionspraxis früher und heute zu gewinnen. Dabei fokussierten sie sich vor allem auf das Zusammenspiel von rechtlichen Rahmenbedingungen, das Handeln der Behörden und Vermittlungsstellen und die biografischen Auswirkungen auf die adoptierten Menschen und ihre biologischen Eltern.»
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