Vorkämpfer der «Neuen Türkei»
Revolutionäre Bildungseliten am Genfersee (1870–1939)
Broschur
2005. 200 Seiten, 22 Abbildungen s/w.
ISBN 978-3-0340-0726-9
CHF 38.00 / EUR 24.80 
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Die Schweiz war vom späten 19. Jahrhundert an ein «Treibhaus» für einflussreiche politische Utopien: In den gleichen Quartieren wohnten und an denselben Universitäten studierten spätere Baumeister des osteuropäischen Sozialismus, der Balkannationalismen, des Zionismus und des türkischen Nationalismus. Genf war ein Zentrum der armenischen wie auch er jungtürkischen Opposition gegen den Sultan Abdulhamid. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs nahm die osmanische Diaspora mit ihren verschiedenen ethnoreligiösen Clubs die Brüche vorweg, die die postosmanische Welt nach 1918 kennzeichnen. Einen wichtigen Anteil am Vordenken und Umsetzen einer nationalstaatlichen Vision hatten junge, in Genf und Lausanne sozialisierte türkische Akademiker. Sie stehen im Zentrum dieses Buches.
Mit guten Gründen fand die Nahostkonferenz von 1922/23, an der die Republik Türkei ihre diplomatische Weihe erhielt, in Lausanne statt: Nationaltürkische Akteure, die zum Teil vorher am Genfersee agiert hatten, boten hier den Westmächten die Stirn und setzten auf höchster diplomatischer Ebene das Prinzip des ethnonationalen Einheitsstaats im einst multiethnischen Kleinasien durch. In Verbindung mit dem Genfer Anthropologen Pittard suchte der «Vater der Nation», Kemal Atatürk, dieses Prinzip in den 1930er Jahren auch «wissenschaftlich» abzusichern.

Dr. Hans-Lukas Kieser ist Titularprofessor für Geschichte der Neuzeit an der Universität Zürich und Präsident der Stiftung Forschungsstelle Schweiz-Türkei. Er hat sich mit seinen Forschungen als Experte des nahöstlichen Umbruchs am Ende der osmanischen Ära einen Namen gemacht. Mehrere seiner Publikationen wurden ins Türkische und Kurdische übersetzt.


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Inhalt
þÿ1. Einleitung
1.1 Türkische Immigration in die Schweiz
1.2 Vom osmanischen Fin de siècle zur «Neuen Türkei»
1.3 Diaspora, intellektuelle Sozialisierung und Makrogeschichte
1.4 Die Schweiz als Arena politisch-kultureller Aufbrüche der
Jahrhundertwende
1.5 Methodischer Ansatz, Aufbau der Arbeit und Thesen

2. Die «ratlose osmanische Nation» und ihre jungen Ärzte
2.1 Der «Leib des Reiches» und seine «Ärzte»
2.2 «Revolution dringend notwendig»: Jungosmanische Opposition in Genf
2.3 Sozialisierung an der Militärischen Ärzteschule in Konstantinopel
2.4 Der jungtürkische Tell-Mythos

3. Osmanische Diaspora im Genf der Jahrhundertwende
3.1 Studienort
3.2 Jungtürkisches Exilzentrum
3.3 Heterogene osmanische Opposition
3.4 Unerreichter Konsens
3.5 Der lange Arm des Sultans
3.6 Schweizer Helfer und Berns Diplomatie
3.7 Marginalisierung Genfs als jungtürkisches Zentrum

4. «Bekehrung zum Türkentum» in der Schweiz
4.1 Die Entwicklung der osmanischen Bildungsdiaspora
4.2 Gründung der Foyers Turcs in der Westschweiz
4.3 Der internationale Türkistenkongress in Genf vom März 1913
4.4 Die Foyers Turcs und ihre Präsidenten in Genf und Lausanne
4.5 Türkismus und politische Radikalisierung am Vorabend des Weltkriegs

5. Orientalischer Schauplatz Schweiz im und nach dem Ersten Weltkrieg
5.1 Insel im Weltenbrand und Zentrum der orientalischen Diaspora
5.2 Agitatorische Plattform
5.3 Türkisch-nationalistische Konsensfindung
5.4 Das alte Projekt der «Neuen Türkei»
5.5 Agitationszentrum Lausanne
5.6 Der Weg zur Lausanner Orientkonferenz 1922/23

6. Vom Weltschmerz des Fin de siècle zum Glauben ans Türkentum
6.1 «Eure Zivilisation ist ein Gift»
6.2 Angst vor Untergang und Sozialdarwinismus
6.3 Mahmut Esat Bozkurt und das völkisch-progressistische Erbe der Foyers
6.4 Vergleich: Türkischer und jüdischer Nationalismus
6.5 K1z1lelma - republikanisch verstanden
6.6 Mustafa Kemals Geschichtsschau und der Genfer Anthropologe Pittard

7. Fazit und Ausblick