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Die armenische Frage und die Schweiz (1896–1923) – La question arménienne et la Suisse (1896–1923)
Broschur
1999. 375 Seiten, 8 Abbildungen s/w.
ISBN 978-3-905313-05-5
CHF 48.00 / EUR 43.00 
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Mitte der 1890er Jahre kam es in der osmanischen Türkei zu Pogromen an den Armeniern, deren Opferbilanz diejenigen an den Juden im russischen Reich um ein Vielfaches übertraf. Zwanzig Jahre später liess die jungtürkische Regierungsclique die Armenier aus ihrem jahrtausendealten Siedlungsgebiet in den osmanischen Ostprovinzen deportieren und zu einem grossen Teil vernichten. Damit lieferte sie Nazi-Deutschland ein «erfolgreiches», da nie wirklich sanktioniertes Beispiel für die Ausrottung eines «andersartigen», als schädlich dargestellten Volksteils.
Es ist Zeit geworden für eine gründliche Aufarbeitung der armenischen Frage, inklusive des Völkermords von 1915. Die «revisionistische» Seite, allen voran die offizielle damalige wie heutige türkische Historiographie, kann nach dem Ende des Kalten Krieges nicht mehr länger mit dem «Konsens des Schweigens» der Fachwelt zu diesem Thema rechnen.
Handkehrum liefert keine Terrorgruppe mehr (wie die armenische Asala in den 1970er und 1980er Jahren) den Vorwand zur Zurückhaltung gegenüber einer sachlichen, bedingungslosen Offenlegung des Geschehens.
Die Schweiz hat einen wesentlichen Teil zur Bewältigung dieser Aufgabe beizutragen. Nicht nur hatte eine bedeutende osmanisch- und russisch-armenische Exilgemeinde sie vor hundert Jahren zu ihrem intellektuellen Zentrum gewählt, sondern hier entstand auch eine bemerkenswerte helvetische Solidaritätsbewegung, die von der Empörungswelle des Jahres 1896 und dem Aufbau von Hilfswerken bis zum jahrzehntelangen Einsatz für die Heimatlosen nach dem Ersten Weltkrieg anhielt. Die armenische Frage hat in engagierten Kreisen auch zu einer wertvollen Auseinandersetzung mit dem damals für die Schweiz noch ganz fremden Islam geführt, namentlich im «Schweizer Spital» der südostanatolischen Stadt Urfa.
Die Beiträge von namhaften europäischen, armenischen, türkischen und kurdischen Historikerinnen und Historiker beschränken sich nicht auf den Schauplatz Schweiz; sie geben auch ­ nicht zuletzt auf der Grundlage schweizerischer Augenzeugnisse ­ einen guten Einblick in die nicht immer einfach fassbaren Vorgänge auf osmanischen Schauplätzen. Sie tun dies auf einer Quellenbasis, die erst seit kurzem in diesem Umfang zugänglich ist.
Dr. Hans-Lukas Kieser ist Titularprofessor für Geschichte der Neuzeit an der Universität Zürich und Präsident der Stiftung Forschungsstelle Schweiz-Türkei. Er hat sich mit seinen Forschungen als Experte des nahöstlichen Umbruchs am Ende der osmanischen Ära einen Namen gemacht. Mehrere seiner Publikationen wurden ins Türkische und Kurdische übersetzt.

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Besprechungen
Im Zentrum des Buchs «Die armenische Frage und die Schweiz» stehen die grausamen Verbrechen, die in den Jahren 1895 und 1915 am armenischen Volk verübt wurden. Bei den Pogromen von 1895 wurden über 100¹000 Armenier umgebracht, 1915 kam es zum Genozid. Frauen und Kinder wurden deportiert und auf Todesmärsche Richtung Wüste geschickt, die Männer wurden meist schon zu Beginn niedergemetzelt. Dies alles geschah systematisch und von oben gesteuert, sodass in den ehemaligen armenischen Siedlungsgebieten im Osten der heutigen Türkei kaum mehr Spuren armenischer Präsenz auszumachen sind. Die Gründe, weshalb es dazu kam, sind komplex, einer liegt sicher im Wunsch der Armenier nach Reformen. Den Armeniern des osmanischen Reiches ging es um eine sichere, gleichberechtigte Zukunft, nach Jahrhunderten als Schutzbefohlene der herrschenden muslimischen Mehrheit. Zwar war es ihnen erlaubt, ihren christlichen Glauben ungehindert auszuüben, sie verfügten aber keineswegs über die gleichen Rechte wie ihre meist kurdischen Nachbarn und waren auch sonst in mancherlei Hinsicht benachteiligt. Eine wichtige Rolle für das Aufkommen der armenischen Emanzipationsbestrebungen spielte der Aufschwung des Bildungswesens, der durch die amerikanischen Missionsschulen gefördert wurde. Diese fielen jedoch in eine denkbar ungünstige Zeit, in der das osmanische Reich sich verzweifelt dagegen wehrte, nicht ganz auseinander zu brechen. Als Reaktion auf das Ausbleiben der versprochenen Reformen formierte sich eine armenisch-revolutionäre Bewegung, die zahlenmässig zwar klein und wenig schlagkräftig blieb, aber deren symbolische Bedeutung umso grösser war. Es begann sich unter der muslimischen Bevölkerung die Meinung durchzusetzen, die Armenier hätten sich mit dem Ausland gegen das osmanische Reich verschworen, um es zu zerstören. Der Herausgeber Hans-Lukas Kieser, promovierter Historiker mit Spezialgebiet moderne nahöstliche und türkische Geschichte, beschreibt in seinem Artikel «Betroffenheit, Aufbruch und Zeitzeugnis. Basels Verbindungen mit Urfa 1897­1922» anschaulich die Atmosphäre gegenseitigen Misstrauens und der Angst, die zum Nährboden für die schrecklichen Massaker wurde. Er rekonstruiert mit der Stadt Urfa einen Schauplatz der damaligen Ereignisse, wo auch einige Schweizer für Hilfswerke tätig waren. Eindrücklich und bewegend sind auch die im Anhang des Buches abgedruckten Quellen, die uns ein Fenster öffnen zu den Gräueln, die vor bald 100 Jahren verübt wurden. Das eindrückliche Zeugnis des Schweizers Jakob Künzler, der im Missionsspital in Urfa tätig war, ist im Buch Im Lande des Blutes und der Tränen des gleichen Herausgebers nachzulesen. Die Kurden waren massgeblich sowohl an den Pogromen von 1895/96, als auch am Völkermord von 1915 beteiligt und hatten zuvor lange Zeit in enger Nachbarschaft zu den Armeniern gelebt. Hamit Bozarslan, kurdischer Historiker und Politologe, der heute in Paris lehrt, beschäftigt sich mit den kurdoarmenischen Beziehungen. Er geht auf die Hintergründe der kurdischen Beteiligung an den Massakern ein. Durch die Schaffung eines türkischen Nationalstaats, der 1923 mit dem Vertrag von Lausanne in die Wege geleitet wurde, gehörten dann sowohl Kurden als auch Armenier endgültig zu den Verlierern. Mit dem Trauma, welches das begangene Unrecht bei den Türken hinterlassen hat, setzt sich auf provokative Art und Weise Taner Akçam in seinem Artikel «Zur Tabuisierung geschichtlicher Themen in der Türkei» auseinander. Er fordert, die türkische Gesellschaft müsse auf die Couch, da man es bis heute versäumt habe, die Geschichte aufzuarbeiten. Die vorhandenen Publikationen in türkischer Sprache sind meist weit davon entfernt, sich kritisch mit der Vergangenheit auseinander zu setzen. Taner Akçam, der selbst Türke ist, wurde wegen seiner publizistischen Tätigkeit in der Türkei zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Es gelang ihm jedoch die Flucht und er lebt heute in Deutschland. Noch weit mehr als der Genozid am armenischen Volk von 1915 sind dessen Vorläufer, die Pogrome von 1895 in Vergessenheit geraten. Einen exzellenten Überblick über die Ereignisse und deren Hintergründe bietet Jelle Verheij, ein holländischer Historiker und Türkeiexperte. Er weist auf den reichen Quellenfundus hin, der zu diesen Massakern vorhanden wäre, und den es noch zu erschliessen gilt. Der Schock über diese furchtbaren Pogrome führte zu einer Internationalisierung der armenischen Frage. In der Schweiz lösten die Nachrichten über das Geschehene eine Welle der Solidarität unter der Bevölkerung aus, die in eine breite Volksbewegung mündete. Viele identifizierten sich mit jenem bedrohten christlichen «Bergvolk». Die Auseinandersetzung mit diesen und weiteren Verbindungslinien zwischen der armenischen Frage und der Schweiz bildet den zweiten Schwerpunkt des Buchs. Der Herausgeber Hans-Lukas Kieser charakterisiert in einem fundierten Artikel die philarmenische Bewegung der Schweiz und stellt deren wichtigste Exponenten vor. Christoph Dinkel liefert dazu mit einer Chronik der schweizerischen Armenierhilfe von 1896 bis in die Zwischenkriegszeit nützliche Ergänzungen. Deren Engagement illustrieren eindrücklich zwei Zahlen: Innerhalb eines Jahres (1896­1897) wurde eine Million Franken für die Armenier gespendet, was heute etwa 10 Millionen Franken entspricht. Zudem wurde eine Petition eingereicht, deren Unterschriftenzahl von mehr als 450¹000 bis heute unerreicht blieb. Unter anderem wurde darin der Bundesrat aufgefordert, im Namen des Schweizer Volks Partei für die Armenier zu ergreifen, und sich bei den grossen europäischen Nationen für eine Initiative zur Beendigung der Massaker einzusetzen. Die Mitglieder der Bewegung waren meist demokratisch, internationalistisch und antiimperialistisch motiviert, es existierte aber auch ein betont christlicher Diskurs, der teilweise Vorurteile rassistischer Art gegenüber dem Islam enthielt. Kieser weist darauf hin, dass dadurch in der Schweiz mentale Prägungen entstanden, die zum Teil bis heute andauern. Genf bildete eines der wichtigsten Zentren des armenischen Exils, wo auch eine der drei führenden armenischen Parteien, die Huntschak gegründet wurde. Zwei Artikel des Buches setzen sich einerseits mit bedeutenden armenischen Persönlichkeiten auseinander, die ihre Spuren in Genf hinterlassen haben, andererseits bieten sie eine Übersicht über die rege armenische Publikationstätigkeit im Genfer Exil. Den Bemühungen und der Anteilnahme nichtstaatlicher Organisationen steht das Versagen der internationalen Diplomatie in der armenischen Frage gegenüber, auch die offizielle Schweiz konnte sich zu keinem wirklichen Engagement in dieser Sache entscheiden. Mit diesen Aspekten beschäftigt sich der vierte Teil des Buchs. Seitens der Grossmächte bestand kein fundamentales Interesse, zu einer Lösung der armenischen Frage beizutragen, obwohl mehrere Möglichkeiten dazu bestanden hätten. Zu sehr standen eigene Interessen im Vordergrund, erst recht als sich die Bildung eines türkischen Nationalstaats abzuzeichnen begann. Angesichts der herrschenden Realitäten konnte auch der Völkerbund nichts ausrichten, da ihm die Mittel zur Durchsetzung seiner Resolutionen fehlten. Der Bundesrat seinerseits hütete sich, von seinem traditionellen Pfad der Vorsicht in der Aussenpolitik abzuweichen. Das Buch enthält insgesamt zwölf Artikel in deutscher und französischer Sprache und einen Anhang mit Quellen. Es soll einen Beitrag gegen das Vergessen leisten und will zu weiteren Forschungen anregen, denn es ist eine Tatsache, dass bis heute in kaum einem deutschsprachigen Schulbuch vom Völkermord an den Armeniern die Rede ist, ganz zu schweigen von den türkischen. Christina Genova (St. Gallen) traverse ­ Zeitschrift für Geschichte ­ Revue d'historie 2001 / 01