Saufen, Rauchen, Spritzen, Schlucken: Zum Umgang mit Drogen und Sucht
Picoler, fumer, se piquer, avaler: des comportments face aux drogues et à la dépendance
Traverse 1994/1
Traverse. Zeitschrift für Geschichte – Revue d’histoire. ISSN 1420-4355, Band 1994
Broschur
1994. 212 Seiten
ISBN 978-3-905315-01-1
CHF 25.00 / EUR 17.40 
  • Kurztext
  • Autor/in
  • Einblick
  • Buchreihe
Editorial

Essay / Essai
Besuch bei Ester Boserup
Jon Mathieu

Schwerpunkt / Dossier thématique
Saufen, Rauchen, Spritzen, Schlucken: Zum Umgang mit Drogen und Sucht
Picoler, fumer, se piquer, avaler: des comportements face aux drogues et à la dépendance
Simone Chiquet, Martin Leuenberger

Die Entstehung der Suchtgesellschaft
Hasso Spode
Résumé

La fin merveilleuse de la «fée verte»
Réflexions sur une prohibition réussie de la drogue en Suisse
Hermann Fahrenkrug
Zusammenfassung

«Ungezählte dunkle Wege führen vom Basler Laboratorium in alle Winde...»: Der internationale Heroin-Schmuggelprozess in Basel vom November 1931
Jakob Tanner
Résumé

Verlangen und Ablehnung
Dominik Labhardt

Drogenpolitik und Strassenkriminalität
Eine empirische Analyse am Beispiel der Stadt Zürich
Manuel Eisner
Résumé

Zwischen Hilflosigkeit und fragwürdigen Massnahmen
Ein Gespräch mit André Seidenberg

Esssucht und Schlankheitsdiäten
Elke Tomforde Schöni
Résumé

Nur eine Handvoll Samen. Zur Geschichte des Tabaks in Neuguinea
Christin Kocher Schmid
Résumé

Linke und LSD
Bernward Vesper

Debatte / Débat
Oral History - nichts als Fragen?
May B. Broda

Dorfbewohnerinnen und -bewohner erinnern sich
Möglichkeiten der Oral History in der Lokalgeschichte
Irene Vonarb

Dokument / Document
Spitzelprotokoll
Hans-Ulrich Schiedt

Besprechungen / Comptes rendus
Allgemeine Besprechungen / Comptes rendus généraux
Literatur zum Thema / Comptes rendus thématiques

Agenda

Autorinnen und Autoren

Simone Chiquet, Lic. phil. Historikerin, Chefin des «Dienstes Auswertung» im Schweizerischen Bundesarchiv. Forschungsschwerpunkt: schweizerische Zeitgeschichte. Pfirsichstrasse 17, CH-8006 Zürich; simone.chiquet@bar.admin.ch

Bücher im Chronos Verlag


Aufsätze im Chronos Verlag



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Aufsätze im Chronos Verlag

Zusammenfassung
Da blasen die einen zur Treibjagd auf alles, was schon von Weitem nach drogensüchtig aussieht. Kriminalisieren, vertreiben, einlochen, verwahren ­ und das Problem ist aus der Welt geschafft. Die anderen, bisweilen mehr verlegen als überzeugt, mahnen zur Nachsicht mit den «armen Kranken». Therapieren, betreuen, eingliedern, freigeben! Von der Gasse ins Fixerstübli! Repression gegen Toleranz. Und gelegentlich fragt man sich, ob zwischen den scheinbar so gegensätzlichen Positionen nicht manche Verbindungslinien verlaufen. Wenn die Junkies «versorgt» sind, muss die hinter dem Suchtphänomen stehende Problematik nicht mehr gar so dringend angegangen werden. Die weniger Auffälligen ­ die «schweigenden Mehrheiten» ­ scheinen schon lange nach dem unausgesprochenen Motto zu handeln: Lasst sie saufen, rauchen, spritzen, schlucken ­ oder sperrt sie ein! Wir jedenfalls retten uns ins «Normale». Wir halten uns an gepflegten Weisswein und kontrollierte Filterzigaretten. In der Mediensemantik und in der Alltagssprache versteht man unter «dem Drogenproblem» denn auch etwas ganz Spezielles: Der Begriff wird allein auf den ungesetzlichen Rauschgift- und Betäubungsmittelkonsum bezogen. Die damit zugrundegelegte Unterscheidung zwischen «legal» und «illegal» hat indessen mit der Qualität, dem Abhängigkeitspotential und den schädigenden Auswirkungen dieses Konsums auf den Körper wenig zu tun. Der historische Blick auf Fragen rund um den Konsum rauscherzeugender Substanzen kann hier höchst ertragreich sein, haben doch Drogen(miss)brauch und Suchtgewohnheiten ihre eigene Geschichte. Historikerinnen und Historiker, besonders in der Schweiz, hatten bisher indessen wenig zur Thematik zu sagen. Sogar zur Geschichte des Trinkens oder des Tabakrauchens gibt es hierzulande kaum neuere, von sozialgeschichtlichen Gesichtspunkten geleitete Untersuchungen; von den neueren Drogen ganz zu schweigen.
Die Geschichte der Moderne lässt sich jedoch unter anderem auch lesen als eine lange Erfahrung der Zurückdrängung oder Domestizierung von Rauscherfahrungen, die zunehmend ­ gemessen an den neuen Zielen praktischer Machbarkeit und rationaler Erklärungen ­ als Angriff auf die Rationalität erschienen. Diese Tendenz hält bis heute an, seitdem im 16. und 17. Jahrhundert die neuen kolonialen Drogen Tabak und Kaffee in Europa einzogen und sich dem «Branntweinteufel» hinzugesellten. Die Industrialisierung steigerte die Anpassungsanforderungen an die Menschen und führte so zur Massenproduktion von «abweichenden Verhalten». Gleichzeitig ermöglichte die Verwissenschaftlichung die Isolierung von Wirksubstanzen aus alten Drogen wie Opium und Koka: Morphium zu Beginn, Kokain nach Mitte und Heroin am Ende des 19. Jahrhunderts. Die Substanzen, an denen sich die kollektiven Ängste festmachten, haben sich geändert, geblieben ist die spezifisch bürgerliche Angst vor dem Kontrollverlust im Rausch. Während eine rationalisierte und organisierte Welt ihren Glücksanspruch vorerst in der Arbeit und dann immer stärker im Konsum zu realisieren suchte, blieb der Entwurf alternativer Wirklichkeitsbilder seit dem 19. Jahrhundert vielfach bürgerlichen Aussenseitern und Nonkonformisten, Künstlerinnen und Künstlern überlassen; eine Suche, die öfter nur verkümmerte Formen der Verklärung und Tröstung oder eines romantisierten Rebellentums hervorbrachte.
Heute sieht sich eine Welt, die Rauscherfahrungen weitgehend als ungehörig wertet, damit konfrontiert, dass diese Bedürfnisse immer noch und immer wieder an die Oberfläche drängen und zwar ­ infolge fehlender kultureller Integration ­ oftmals in zerstörerischer Form. Eine Vielzahl gesellschaftlicher Instanzen nimmt sich ihrer an: von den formenden Kräften, die das alltägliche Verhalten bestimmen, über politische Organisationen und auf die Drogenproblematik spezialisierte Berufsgruppen bis hin zum Staat, der sich mit seinen Lenkungsversuchen einmischt. Auch historische Forschung stellt sich als Teil dieser Bemühungen um Bewältigung dar.
Und hier möchte die erste Nummer von Traverse ansetzen. Es kann jedoch nicht angehen, nur die sogenannten «harten» Drogen ins Visier zu nehmen und damit einer juristischen Definition verhaftet zu bleiben. Diese hängt auf das engste mit der Prohibitionspolitik zusammen, die dem «Drogenproblem» erst die spezifischen Züge verleiht, mit denen wir uns heute konfrontiert sehen. Nötig ist vielmehr ein anderes gesellschaftliches Verhältnis zu Stoffen, die zwar Probleme verursachen können, mit denen Individuen, Gruppen, und Bevölkerungen aber immer auch einen kulturell sinnvollen Umgang gepflegt haben. Drogen sind weder dämonische noch sakrale Substanzen.
Notwendig sind methodisch und inhaltlich verschiedene Betrachtungsweisen: Die Sozialwissenschafter Hasso Spode (Berlin) und Hermann Fahrenkrug (Lausanne) schreiben über den Alkohol; zwei Aufsätze, die erklären, wie Sucht als kulturelles Konstrukt erst konstituiert werden muss, bevor man sie bekämpfen kann. Der Basler Historiker Jakob Tanner beschreibt die Hintergründe eines Heroinprozesses, der 1931 in Basel stattfand. Der Arzt André Seidenberg und der Soziologe Manuel Eisner, beide aus Zürich, beleuchten den gesellschaftlichen Umgang mit Drogen und Drogenabhängigen. Die Ethnologin Christin Kocher Schmid (Riehen) stellt den Umgang mit Tabak in Neuguinea dar. Das Thema «Frauen und Essen» spricht die Ergotherapeutin Elke Tomforde Schöni (Hannover und Basel) an. Bernward Vespers Text, 1977 im autobiographischen Romanfragment «Die Reise» zum ersten Mal erschienen, ermöglicht Einblicke in die Gedankenwelt eines LSD-Konsumenten.

Simone Chiquet und Martin Leuenberger

Résumé
Les uns font la chasse à tout ce qui ressemble quelque peu à la toxicomanie. Criminaliser, renvoyer, embarquer, emprisonner ­ et le problème passe pour résolu. Les autres, parfois plus embarassés que convaincus, appellent à l¹indulgence envers les «pauvres malades». Soigner, assister, intégrer, libéraliser! A la place de la rue, le centre d¹accueil! Répression contre tolérance. Et parfois, on se demande s¹il y a vraiment contradiction entre ces deux positions. Lorsque les junkies sont «casés», on n¹a plus besoin de s¹attaquer de façon aussi urgente aux problèmes soulevés par la dépendance. Depuis longtemps, les «majorités silencieuses» semblent discrètement suivre la devise inexprimée: laissez-les picoler, fumer, se piquer, avaler ­ ou enfermez-les! Quant à nous, nous restons dans la «normalité». Nous nous tenons à notre petit verre de blanc et nos cigarettes extra-légères. En effet, les médias et le langage quotidien donnent une signification très spécifique au «problème de la drogue»: le terme désigne uniquement la consommation illégale de drogues et de stupéfiants. On établit ainsi une distinction entre drogues «légales» et «illégales» qui est sans grand rapport avec leur qualité, leurs effets nocifs sur le corps et le degré de dépendance qu¹elles provoquent. L¹abus de drogues et les habitudes de consommation ont pourtant une histoire; l¹approche historique de la consommation de substances hallucinogènes peut se révéler particulièrement féconde pour saisir mieux la portée et les valeurs des drogues dans une société. Or, les historiennes et les historiens suisses ont à peine abordé le sujet jusqu¹à présent, et les recherches sont donc peu avancées. Ni la boisson, ni le tabac ­ et encore moins les drogues plus récentes ­ n¹ont fait l¹objet d¹analyses récentes, orientées par des perspectives socio-historiques.
L¹histoire de la modernité peut se lire comme une longue expérience du refoulement ou de l¹apprivoisement des stupéfiants. Leurs consommation et leurs effets apparaissent de plus en plus comme une attaque à la rationalité devenue le nouvel objectif de la modernité qui prétend savoir tout faire et tout expliquer. Cette interprétation se maintient depuis les XVIe et XVIIe siècles, quand le tabac et le café, nouvelles drogues coloniales, se sont jointes au «diable de l¹eau-de-vie» en Europe. L¹industrialisation a renforcé les exigences à la conformité des individus et produisait ainsi massivement des «comportements déviants». La recherche scientifique a réussi, pendant la même période, à isoler les agents chimiques des vieilles drogues telles l¹opium et la coca: au début du XIXe siècle, la morphine, puis la cocaïne et l¹héroïne dans la seconde moitié du siècle dernier.
Les substances, objets des angoisses collectives, se sont modifiées; ce qui n¹a pas changé, c¹est la crainte spécifiquement bourgeoise de la perte de contrôle dans l¹ivresse. Depuis le XIXe siècle, un monde rationalisé et organisé qui cherchait à réaliser son bonheur dans le travail et ensuite, de plus en plus, dans la consommation, abandonnait le projet d¹un regard différent sur la réalité aux marginaux, aux non-conformistes et aux artistes; et trop souvent, ces projets n¹étaient que des esquisses étiolées d¹exaltation, de consolation ou de rébellion romantique.
Le monde d¹aujourd¹hui condamnant comme malséante toute expérience d¹ivresse se voit confronté à ces demandes qui résurgissent constamment et ­ à défaut d¹intégration culturelle ­ souvent de façon destructrice. Les demandes sont prises en compte par de nombreuses instances sociales: des forces qui déterminent le comportement quotidien, des organisations politiques, des groupes professionnels, et enfin l¹Etat qui essaie de prendre la situation en main. La recherche historique se présente, elle aussi, comme contribuant aux tentatives de saisir le «problème des drogues».
C¹est sur ce point que le premier numéro aimerait engager la discussion. On ne peut, nous semble-t-il, prendre en considération uniquement les drogues dites «dures» et par là rester attacher à une définition juridique. Celle-ci relève de la politique prohibitionniste qui précisément confère au «problème de la drogue» les traits spécifiques auxquels nous sommes confrontés aujourd¹hui. Il nous faut une attitude collective différente face à des substances qui, certes, peuvent poser problème, mais dont des individus, des groupes et des peuples se sont toujours servis selon des règles culturelles appropriées. Les drogues ne sont des substances ni démoniaques ni sacrées.
Nous avons besoin de diverses approches méthodologiques et théoriques: les textes de Hasso Spode (Berlin) et de Hermann Fahrenkrug (Lausanne) traitent de la question de l¹alcool et expliquent comment la dépendance doit être construite culturellement avant que l¹on puisse la combattre. Jakob Tanner, historien de Bâle, décrit les dessous d¹un procès autour de l¹héroïne, qui a eu lieu en 1931 à Bâle. André Seidenberg (médecin, Zurich) et Manuel Eisner (sociologue, Zurich) mettent en lumière l¹attitude de la société envers les drogues et les toxicomanes. L¹ethnologue Christin Kocher Schmid (Riehen) présente les habitudes de consommation du tabac en Nouvelle-Guinée. Le sujet «les femmes et la nourriture» est abordé par Elke Tomforde Schöni, érgothérapeute (Hannover et Bâle). Les quelques pages de Bernward Vesper, parues pour la première fois dans le fragment de roman autobiographique «Die Reise» en 1977, nous invitent à découvrir le monde imaginaire d¹un consommateur de LSD.

Simone Chiquet und Martin Leuenberger
(Traductions: Thomas Späth und Margrit Tröhler)

Einzelheft CHF 28 / EUR 24
Jahresabonnement CHF 75 / EUR 60
Abo für Studierende CHF 54 (nur in der Schweiz)

Die zweisprachige Zeitschrift versteht sich als Forum der Geschichtsforschenden in der Schweiz mit einem Horizont, der über Landes- und Fachgrenzen hinausreicht. «Traverse» ist sowohl eine historische Fachzeitschrift als auch ein Organ, das einem interessierten Publikum Einblick in aktuelle historische Forschung gib und deren Beitrag zu gesellschaftlich relevanten Fragen diskutiert. Zudem versteht sich die Zeitschrift auch als Publikationsorgan für jüngere Forschende.

Cette revue bilingue se définit comme un forum pour les historiennes et historiens suisses et s’efforce de dépasser les frontières nationales et entre les disciplines. «Traverse» est non seulement une revue d’histoire mais aussi un organe qui offre à tout public intéressé une entrée dans la recherche historique récente et apporte sa contribution à des débats de société. La revue favorise en particulier la publication de jeunes chercheuses et chercheurs.