«Es war halt Krieg»

Erinnerungen an den Alltag in der Schweiz 1939–1945

Broschur
1992. 237 Seiten, 33 Abbildungen s/w.
ISBN 978-3-905311-04-4
CHF 34.00 / EUR 19.00 
Vergriffen
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«Es war halt Krieg» ermöglicht faszinierende Einblicke in die Erfahrungs- und Gedankenwelt einer Generation, die geprägt worden ist durch Entbehrungen, Mehrarbeit und Zukunftsangst. Frauen und Männer erzählen von ihren Erlebnissen und Erfahrungen in der Familie, bei der Arbeit und im Dienst - Ereignisse, die sie tief beeindruckt, geprägt und manchmal auch gequält haben. Es erinnert sich die Innerschweizer Molkereibesitzerin, deren Rationierungsmarken von den Mäusen gefressen wurden, und die Basler Schülerin, die das Schreien der zurückgewiesenen Flüchtlinge heute noch hört. Zu Wort kommt der Soldat, den man wegen unkorrekten Grüssens mit zwei Monaten Militärgefängnis bestrafte, wie der Ostschweizer Bauernknecht, der vom Kantonalen Arbeitsamt ausgiebig schikaniert wurde ... Der Flugzeugspengler, die Gärtnerin, der Munitionsarbeiter, die Hausfrau, der Gebirgsfüsilier, die Ortswehrangehörige - sie alle erzählen vergessene Geschichten aus dem Alltag: unspektakulär, schnörkellos, eindrücklich.

Simone Chiquet, Lic. phil. Historikerin, Chefin des «Dienstes Auswertung» im Schweizerischen Bundesarchiv. Forschungsschwerpunkt: schweizerische Zeitgeschichte.
Pfirsichstrasse 17, CH-8006 Zürich; simone.chiquet@bar.admin.ch


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Pressestimmen

ANDRÉ LASSERRE
SCHWEIZ: DIE DUNKELN JAHRE ÖFFENTLICHE MEINUNG 1939-1945
ORELL FÜSSLI VERLAG, ZÜRICH 1992, 496 S., FR. 68.-

SIMONE CHIQUET (HG.)
«ES WAR HALT KRIEG»
ERINNERUNGEN AN DEN ALLTAG IN DER SCHWEIZ 1939-1945
CHRONOS VERLAG, ZÜRICH 1992, 237 S., 33 ABB.,
FR. 34.-

Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges war den amtlichen Stellen und der Armee sehr bald schon klar geworden, dass die Zensur, welche die Bevölkerung in zentralen Fragen - militärische Strategie, Aussenpolitik, Gestaltung der Wirtschaftsbeziehungen mit Deutschland usw. - bevormundete und somit den eigenen Vermutungen («Gerüchte») und der Propaganda anderer Staaten überliess, eines zusätzlichen Instruments bedurfte: der gezielten Meinungsbildung, um «das patriotische Ideal zu verstärken [und] den Verteidigungswillen zu fördern» -, so die Weisung für «Heer und Haus» vom 26. September 1939 (S. 49). Die damit beauftragte Institution operierte zunächst nur in der Truppe, 1941 wurde auch die Zivilbevölkerung miteinbezogen. Zwischen Juli 1941 und Mai 1945 führte «Heer und Haus» in geschlossenem Kreis 628 Kurse und 2523 Einzelveranstaltungen durch.
Der Zugriff der Armee auf die öffentliche Meinung erfolgte während des Zweiten Weltkrieges mit grossem Aufwand. Die beiden Einrichtungen «Heer und Haus» und «Abteilung für Presse und Funkspruch» (Zensur) brachten im Verlauf ihrer von Anfang an umstrittenen Tätigkeit Berge von Akten hervor, die laut André Lasserre, Dozent für neuere Geschichte an der Universität Lausanne, zu den «reichhaltigsten Quellen» für jene Zeit überhaupt gehören. Im Anschluss an die bekannte panikartige Massenflucht, welche durch das im Vorfeld des Angriffs auf Frankreich durchgeführte deutsche Täuschungsmanöver gegen die Schweiz ausgelöst worden war - allein in Basel flohen zwischen dem 14. und 15. Mai 1940 20'000-30'000 Personen - fertigten beispielsweise Armeepsychologen vom Mai bis September 1940 Wochenberichte über die Einstellung der Bevölkerung an. Über ein ganzes Netz von Informanten versuchte sich «Heer und Haus» in der folgenden Zeit ein genaues Bild über die tatsächlich ständig schwankende Moral der Truppe und der Zivilbevölkerung zu verschaffen.
André Lasserre entschied sich in seiner mentalitätsgeschichtlichen Untersuchung dafür, die vorgefundenen Meinungsäusserungen chronologisch auf sechs Phasen des Krieges verteilt zu diskutieren. Ins Auge springen die Illusionslosigkeit der Soldaten und der Bevölkerung hinsichtlich der Möglichkeit der Verteidigung gegen einen deutschen Angriff («Blitzkrieg») sowie die Verständnislosigkeit angesichts der durch die Réduit-Strategie bedingten Preisgabe des dichtbevölkerten Mittellandes. Als wirkungsvollstes Mittel im Kampf gegen den schleichenden Defätismus erwies sich seltsamerweise der Appell an den «Heldentod» der 1500 Eidgenossen in der Schlacht bei Sankt Jakob an der Birs, wenn dann auch die lauen Reaktionen auf die Feiern zum 650-jährigen Bestehen der Eidgenossenschaft 1941 bereits «den Überdruss an geschichtlichen Ermahnungen» (S. 230) signalisierten.
Lasserre trägt sehr viel Material zur Periodisierung der Stimmungslage in der Bevölkerung zusammen, und er behandelt neben den politischen auch alle wichtigen wirtschaftlichen und sozialen Fragen, welche damals die öffentliche Meinung beschäftigten (Stadt-Land-Konflikt, Arbeiterbewegung, Rationierung usw.). Jedoch konnte ich mich nicht immer gegen den Eindruck wehren, dass der Autor zu oft die höchst interessanten Quellentexte zu knapp zusammenfasst. Ich bedauerte, dass er sie nicht häufiger im Wortlaut zitierte, um sie auf diese Weise der übrigen Forschung zur Verfügung zu stellen. Da er die Dokumente überdies vielfach nur in Sammelanmerkungen ausweist, erscheint der Rückgriff auf die Originale zuweilen schwierig. Dennoch erschliesst André Lasserre mit seinem Buch ein äusserst wichtiges, ungemein spannendes Feld der Geschichtsschreibung über die Schweiz im Zweiten Weltkrieg. Es ist ausserordentlich zu begrüssen, dass Werke der Westschweizer Historiographie so schnell aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt werden.
Einen ganz anderen Zugang zur Geschichte der öffentlichen Meinung im Krieg wählt Simone Chiquet in dem von ihr herausgegebenen Buch. Der Band enthält eine Auswahl jener Berichte, welche Frauen und Männer der Kriegsgeneration auf einen Aufruf des «Schweizerischen Beobachters» hin 1989 verfasst und der Zeitschrift zugestellt hatten. Simone Chiquet hat diese Beiträge durch eine Reihe zusätzlicher Interviews ergänzt. Die Menschen werden in ihrem Buch für einmal selbst zu Chronisten und Chronistinnen: «Erst wenn ich ihnen versicherte, dass mich gerade das Unspektakuläre, das Alltägliche interessiere, begannen sie zu erzählen», schreibt die Herausgeberin (S. 9). Ihr fiel auch auf, wie unterschiedlich Männer und Frauen jene Zeit schildern und bewerten: «Die Härte jener Jahre liegt für die Männer mehrheitlich darin, dass sie praktisch keine Möglichkeit hatten zu leben, wie sie ursprünglich wollten. ... Die Männer hatten Lebensträume, die Frauen hatten keine Wahl.» (S. 13)
Erstaunlich ist der Eindruck, den in den Erinnerungen die alliierten Bomber hinterliessen, die damals auf ihren Einsätzen gegen Norditalien und Deutschland den Schweizer Luftraum überflogen. Sonst war der Krieg, vor allem für die Frauen, etwas, das sich, abgesehen von der erschwerten Versorgung und der Mehrbelastung, ausserhalb der schweizerischen Landesgrenzen abspielte. Für die dienstverpflichteten Männer hingegen blieben die Sinn- und Zwecklosigkeit des Drills - «Liegen! Kriechen! Auf!» - die erlittenen Schikanen und Quälereien (Beschwerde gleichbedeutend mit Meuterei) und die Härte der militärischen Disziplinierungsgewalt (Militärgefängnis St. Maurice) oft das prägendste Erlebnis.
Der bleibende Wert des Buches liegt in der Unmittelbarkeit und Direktheit, mit der die damalige Zeit ins Blickfeld gerückt wird: die langen Güterzüge aus Deutschland, die man in Schaffhausen nach Italien fahren sehen konnte, die Granatenverschlüsse, die für den Export nach Deutschland hergestellt wurden, die Nachrichten vom «England-Sender» («Das Bedürfnis, Zeitung zu lesen, wurde immer geringer. Es war ja doch alles manipuliert. Das wusste man. Das Wesentliche wurde zensuriert, unterschlagen, gefälscht, notfalls umgedreht.» S. 22).
Ebenso für immer im Gedächtnis der Erzählenden haften blieben der Flirt mit Internierten, der eine Frau gleich zum «leichten Mädchen» stempelte, die Zurückweisung jüdischer Flüchtlinge an der Grenze durch die einen, deren Rettung durch die anderen, der Konvoi der befreiten KZ-Häftlinge, die bei Kriegsende in die Schweiz kamen, und Reflexionen über das Image der Schweiz bei den Alliierten, das 1945 auf einem Tiefpunkt anlangte. Ein ehemaliger Gebirgsinfanterist (Jahrgang 1919) spricht es aus: «Der Friede wäre für einen weniger unrühmlichen Preis zu haben gewesen.» (S. 139)

Peter Kamber (Zürich)

Traverse 1994/1 (172-173)