Hinter dem Ladentisch

Eine Familie zwischen Kolonialwaren und geistlichen Herren

Gebunden
Erscheint im Februar 2020. ca. 176 Seiten, ca. 20 Abbildungen s/w.
ISBN 978-3-0340-1580-6
  • Kurztext
  • Autor/in
  • Einblick

Hinter dem Ladentisch steht nicht nur ­Martha Artho, die Detaillistin. Dort steht auch Martha junior, geboren 1941. Auf der zweiten Stufe der Treppenleiter verfolgt sie die Verkaufsgespräche, die keinesfalls unterbrochen werden dürfen. Das gewissenhafte Mädchen wächst zwischen Mutters Kolonialwarenladen und der Vatikanischen Botschaft in Bern auf. Der apostolische Garten ist ihr Paradies. Gepflegt wird er vom Gärtner-Chauffeur der Nuntiatur, ihrem Vater.
Die kleine Martha registriert, was andere übersehen. Sie stellt kritische Fragen und deckt Ungereimtheiten auf. An den kirchlichen Verkündigungen und gesellschaftlichen Schranken, die Frauen auf den zweiten Platz verweisen, zweifelt sie früh. «Das meinst du nur», heisst es oft, wenn sie über ihre Wahrnehmungen spricht. Während die Diplomaten und ihre strebsamen Sekretäre im Vatikan Karriere machen, zieht die Detaillistin ihre drei schulpflichtigen Töchter nach dem frühen Tod des Vaters alleine gross. Mit ihrem kleinen Lebensmittelladen und ganz ohne kirchliche Rente. Die (Emanzipations-)Geschichte spielt sich vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen der Vierziger- und Fünfzigerjahre ab. Sie zeigt den Alltag einer Familie des unteren Mittelstandes und die religiöse Prägung beispielhaft auf und wird so zum Zeitzeugnis – ein wertvoller Beitrag zur Sozial- und Mentalitätsgeschichte der Schweiz.

 

Ihre Bücher beruhen auf Fakten. Sie beleuchten Zwischenräume und zeigen das Alltagsleben in all seinen Facetten. Woher kommen wir? Was hat unsere Eltern und Grosseltern geprägt? Warum verhalten sich die Menschen so und nicht anders? Diese Fragen treiben die Autorin an. Durch ihre Recherchen dringt sie in die unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten und Epochen vor. Daraus entstehen Geschichten von unten, Geschichten von oben, vom Dienstmädchen über die Detaillistin bis hin zur Textildynastie. «Sticken und Beten» (2015), «Schürzennäherinnen» (2012), «Widerspenstig. Zur Sterilisation gedrängt» (2006), «Kaffee mit Muttermilch» (1998) und «Fani. Ein Dienstmädchenleben» (1995) erfuhren grosse Beachtung. 2012 wurde Jolanda Spirig mit dem Rheintaler Kulturpreis ausgezeichnet. Sie lebt und arbeitet in Marbach (SG). www.jolandaspirig.ch.

 

«Wer sie gelesen hat, weiss es. Jolanda Spirigs Bücher gehen unter die Haut. […] Sie schaffen Identifikationsnähe mit Menschen, die so ganz anders leben mussten und müssen als man sich dies je auszudenken vermag. […] Jolanda Spirig beschreibt das Leben. Von daher ist sie Journalistin, die mit ihren Werken aber längst im Kreise der Schriftstellerinnen angekommen ist. […] Jolanda Spirig hat eine prägnante, verständliche Sprache. Kurze Sätze, keine Floskeln, präzise Worte. Spannend in ihren Büchern, wie sie ihren Protagonistinnen die eigene Sprache zugesteht.»

Kathrin Hilber, ehemalige Regierungsrätin des Kantons St. Gallen, Kulturpreisverleihung «Goldiga Törgga», 2012

 

«Das Verweben von Familien- und individuellen Lebensgeschichten mit den grossen historischen Entwicklungen berührt und fesselt. Es macht in einem zeitgenössischen Kontext Befindlichkeiten, Gefühle, Ängste und Freuden sichtbar. Es dokumentiert die Menschen in ihrer Zeit und gibt so dem individuellen und dem kollektiven Erinnern Raum.»

Dr. Christa Köppel, Präsidentin Rheintaler Kulturstiftung, 2015


Bücher im Chronos Verlag

Textauszug

Der Gewinn aus Martha Arthos Laden übersteigt das Einkommen ihres Ehemannes, wie dem sauber geführten Kassabuch 1943–1949 zu entnehmen ist. Seinen Lohn verbucht sie als «Nebenerwerb». Die Detaillistin bedient nicht nur ihre Kundinnen und Kunden im Laden, sie beliefert auch eine Stammkundin, die weggezogen ist. Die Nuntiatur wird mit Lebensmitteln versorgt, ebenso das Viktoriaspital und die Psychiatrische Klinik Waldau. Martha sucht die Institutionen regelmässig auf, um sich nach deren Waren­bedarf zu erkundigen.
Moritz entlastet seine Frau, wo immer er kann. Hat er am Sonntag frei, kocht er das Mittagessen und summt «Oh Donna Klara» vor sich hin. Am weiss gedeckten Esstisch gibt es Kalbsragout mit Kartoffelstock zu essen, dazu Erbsli und Rüebli aus der Hero-Konserve.

«Stimmlokal», steht auf einem Wegweiser. «Was ist das?», fragt die Tochter. «Im Stimmlokal kann man abstimmen», antwortet der Vater. «Können Frauen auch abstimmen?» «Nein.» «Warum nicht?» «Frag die Mutter.» Die Männer seien eher für die Dinge des Staates zuständig und die Frauen für das Zuhause, den Haushalt und die Kinder, erklärt diese die traditionelle Rollenteilung. «Aber warum bekommen die Kinder dann den Namen des Vaters und nicht den Namen der Mutter, wenn sie doch für die Kinder zuständig ist?» «Frag nicht ständig!», bekommt sie immer wieder zu hören. Und: «Mach ke Komedi». Martha junior lässt nicht locker. Sie nervt mit ihrer Wissbegierde. Sogar ihr Vater, der sie sonst nie tadelt, wird mitunter ärgerlich und weist sie zurecht. Martheli weiss genau, dass sie «ke Komedi» machen und keine eigene Meinung haben soll.

Trägt Martha Lebensmittel von Mutters Laden in die Nuntiatur, nimmt sie die Küchenschwester mit in den Vorratskeller ganz hinten im Untergeschoss. Je weiter es nach hinten geht, desto ehrfürchtiger ist es dem Mädchen zumute. Im Keller angekommen, steckt ihr Schwester Balbina fürs Bringen eine besondere Frucht zu, eine Banane, einen Pfirsich oder eine Aprikose mitten im Winter mit der Warnung: «Versteck das gut, damit es die Herren nicht sehen!» Was für Martha eine seltene Kostbarkeit darstellt, ist für die Herren der Nuntiatur Alltagskost. In der diplomatischen Vertretung des Heiligen Stuhls gehen prominente Gäste ein und aus: Botschafter, Bundesräte, und spätere Päpste wie Angelo Giuseppe Roncalli, der Nuntius von Frankreich und künftige Papst Johannes XXIII.