Medizin, Moral und Sexualität
Die Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten Syphilis und Gonorrhöe 1870–1920
Broschur
1994. 336 Seiten, 60 Abbildungen s/w.
ISBN 978-3-905311-52-5
CHF 48.00 / EUR 27.00 
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Im ausgehenden 19. Jahrhundert wurden erstmals öffentlich die Gefahren der Geschlechtskrankheiten thematisiert und erste Massnahmen zu ihrer Bekämpfung getroffen. Dass diese nicht unwidersprochen akzeptiert wurden, zeigt die Debatte in Zürich, an der sich Ärzte und Behörden, aber auch sozialpolitisch engagierte Vereine beteiligten.
Besondere Brisanz erhielt der Diskurs durch die Einmischung eines Teils der bürgerlichen Frauenbewegung. Die Frauen protestierten gegen ein Präventionskonzept, das sich auf Eingriffe in die Prostitution beschränkte. Ihr Protest führte dazu, dass weibliche und männliche Sexualmoral zu einem öffentlichen Thema wurden. So widerspiegelt die Auseinandersetzung auch den strukturellen Wandel der Jahrhundertwende, der die Sozial- und Geschlechterordnung tiefgreifend veränderte.
Die vorliegende Studie analysiert den Diskurs in der Stadt Zürich, ohne dabei die Entwicklung in der übrigen Schweiz und anderen europäischen Staaten auszublenden. Die soziale Dimension der sexuell übertragbaren Krankheiten steht dabei im Zentrum, denn Deutungen und Metaphern reichen weit über die Bedeutung der physischen Krankheit hinaus. Die Autorinnen decken Interpretations- und Handlungsmuster auf, die auch heute im Diskurs über Aids und Drogen auftauchen. Ein Stück spannende Medizin-, Geschlechter- und Sozialgeschichte.

«Puenzieux/Ruckstuhl zeigen in ihrem Buch, wie die Ðklassischenð Geschlechtskrankheiten Syphilis und Gonorrhöe als Projektionsfläche für individuelle und gesellschaftliche Ängste, Unsicherheiten und Wünsche dienten. Vor dem Hintergrund der ebenfalls sexuell übertragbaren Krankheit Aids gewinnt diese historische Studie an Relevanz.»
Schweiz. Zeitschrift für Geschichte

studierte Geschichte und Ethnologie an der Universität Zürich. Sie ist in verschiedenen Feldern von Public Health, insbesondere in der Gesundheitsförderung und Prävention, seit 2009 als frei-schaffende Public-Health-Expertin und Historikerin tätig.

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Pressestimmen
«Puenzieux/Ruckstuhl zeigen in ihrem Buch, wie die «klassischen» Geschlechtskrankheiten Syphilis und Gonorrhöe als Projektionsfläche für individuelle und gesellschaftliche Ängste, Unsicherheiten und Wünsche dienten. Vor dem Hintergrund der ebenfalls sexuell übertragbaren Krankheit Aids gewinnt diese historische Studie an Relevanz.» Schweiz. Zeitschrift für Geschichte
Besprechungen
Eigentlich gilt bis heute eine fein säuberliche Arbeitsteilung. SozialhistorikerInnen beschäftigen sich mit sozialen Verhältnissen, Veränderungen und Bewegungen, kurz: mit gesellschaftlichen Kontexten, während sich die Spezialisten der Geschichte einzelner Disziplinen den spezialisierten Theorien, Konzepten und Praktiken, kurz: den wissenschaftlichen Texten annehmen, die meist als Entwicklung vom Falschen zum Wahren begriffen werden. Traditionelle Medizingeschichte gehört eindeutig in diese Kategorie, und ebenso eindeutig hielten sich bislang die SozialhistorikerInnen mehrheitlich ans Verbot, sich auf Diskurse einzulassen, von denen sie qua Ausbildung nichts verstehen. Die so entstehende Kluft zwischen Wissensformen und sozialen Verhältnissen, die unser Bild der Vergangenheit durchzieht und den Schein je relativ selbstläufiger Prozesse erzeugt, wurde, man weiss es, von Michel Foucaults Arbeiten wohl zum ersten Mal grundlegend erschüttert. Sein Konzept des Diskurses unterläuft die Autonomie individuellen Sprechens und die Vorstellung von Wahrheit als adequatio rei et intellectus, und sein Konzept der Macht bindet wissenschaftliche Diskurse unmittelbar ins Feld des Politischen ein, wo sie immer schon entstehen. Die von Dominique Puenzieux und Brigitte Ruckstuhl vorgelegte Zürcher Dissertation geht daher folgerichtig von Foucault aus, eine Referenz, die – behält man die Geschichtswissenschaft als ganzes im Blick – weit weniger modisch ist, als dies zu sein scheint. Die Autorinnen versuchen konsequent, medizinisch-wissenschaftliche, hygienische, moralisch-religiöse, politische und soziale Diskurse und Handlungsfelder aufeinander zu beziehen; ihr Ziel dabei ist es zu zeigen, wie im Schnittfeld dieser Diskurse der Zentralbegriff der Sexualität «konstruiert» wurde (S. 18). Angesichts der heutigen Auseinandersetzungen mit AIDS versuchen sie dabei herauszufinden, wie das Reden über Geschlechtskrankheiten die Vorstellungen, Normen und Praktiken von Sexualität selbst trifft und verändert. Ihr diskursanalytischer (und weit weniger handlungspragmatischer) Ansatz führt die Autorinnen zu Recht dazu, ihre Zürcher Fallstudie ständig auf die internationalen Debatten über Prostitution und Geschlechtskrankheiten zu beziehen. Sie machen damit deutlich, wie die Handelnden «vor Ort» abhängig von Diskursen waren, die sie selbst nicht zu steuern vermochten, die vielmehr umgekehrt ihre Strategien und Konfliktlösungen weitgehend bestimmten. Die Untersuchung beginnt mit dem «medicinisch-internationalen Kongress» in Paris 1867, als sich zum ersten Malunter Ärzten aller Industrienationen der Konsens durchsetzte, die Geschlechtskrankheiten durch die strenge medizinisch-polizeiliche Regulation der Prostitution zu bekämpfen. Das Konzept der Reglementaristen ging davon aus, dass die Sexualität bürgerlicher Männer über die Befriedigungsmöglichkeiten in der Ehe hinausdränge, so dass Prostitution nicht verboten werden könne, sondern gemäss den Konzepten der hygiène publique saniert werden müsse. Der Kongress empfahl die Einführung staatlich beaufsichtigter Bordelle sowie die regelmässige ärztliche Kontrolle aller Prostituierten; so wie die Gesundheitsbehörden den Stadtbewohnern nach den sich durchsetzenden Plänen der Hygieniker sauberes Trinkwasser und reine Atemluft garantieren sollten, sei auch die Gesundheit der «öffentlichen Frauen» durch staatliche Regulation sicherzustellen. Kranke Frauen wurden zwangsweise in ein Spital eingewiesen. Der Effekt dieses Dispositivs bestand darin, die männliche Doppelmoral zu festigen sowie die zugleich ärztliche und staatliche Macht über den Körper der so aus der Gesellschaft «technokratisch» ausgegrenzten Prostituierten erst wirklich zu etablieren. In Zürich wurde die Prostitution seit 1870 zu reglementieren versucht. Die Legalisierung und medizinische Kontrolle der Bordellprostitution provozierte seit 1872 eine Oppositionsbewegung gegen diese offizielle Duldung der «Unsittlichkeit», das heisst gegen die offenbar recht deutliche Präsenz von Prostituierten in der Öffentlichkeit, gegen die offen praktizierte und anerkannte sexuelle Doppelmoral bürgerlicher Männer und gegen die durch die Regulation faktisch nicht gebannte Gefahr der Geschlechtskrankheiten. Die in diesem Kampf der «Moral» gegen die «Hygiene» entstandenen Männer- und Frauen-Vereine «zur Hebung der Sittlichkeit» gehörten in den europaweiten Rahmen der abolitionistischen Bewegung, die die Abwehr der Geschlechtskrankheiten nicht als ein Problem der öffentlichen Gesundheitspflege, sondern der individuellen Moral begriff, Prostitution grundsätzlich als soziales Übel verurteilte, und mit diesen Vorstellungen zunehmend auch in Ärztekreisen Aufmerksamkeit fand. Der Abstimmungserfolg der Sittlichkeitsvereine 1897 basierte nicht unwesentlich auf einer geänderten Haltung namhafter Ärzte – darunter Burghölzli-Direktor August Forel – zur ehemals als Allheilmittelmittel gepriesenen staatlichen Regulation des käuflichen Sex. Es ist ein grosses Verdienst dieser Arbeit, auf die Bedeutung der Sittlichkeitsvereine in der Diskussion über Prostitution am Ende des 19. Jahrhunderts Gewicht zu legen. Denn die Sittlichkeitsvereine stehen für eine Regulationsform von Sexualität, die oft durch die alleinige Analyse der staatlichen und medizinischen Zugriffe auf den Körper der Frauen verdeckt wird. Die Autorinnen zeigen gerade am Sittlichkeitsdiskurs, dass hier in neuer Weise die Frage gestellt wurde, wie bürgerliche Individuen in der sich rasant ändernden städtischen Umwelt mit sich selbst umgehen sollen. Anhand der Prostitution wurden von den Sittlichkeitsvereinen die Bedeutung der Moralität des Mannes für die bürgerliche Familie und das Verhältnis von bürgerlichen Eheleuten zueinander diskutiert: Konnten bürgerliche Frauen damit einverstanden sein, dass ihre Männer gewohnheitsmässig und zuweilen gar männerbündlerisch-rituell ins Bordell gingen, wo sie sich möglicherweise mit einem «Kontagium» infizierten, das dann auch die liebende Ehefrau und die zu zeugenden Kinder bedrohte? Und konnten sie dabei auf die Fähigkeit der Behörden hoffen, die gesundheitlichen Probleme «im Griff» zu haben? Evidenterweise konnten sie das nicht. Gonorrhöe und vor allem Syphilis waren reale, sehr schmerzhafte, relativ weitverbreitete und nur sehr mühsam - wenn überhaupt – heilbare Krankheiten; als Therapeutika standen im 19. Jahrhundert, das heisst vor der Einführung von Salvarsan 1910, wahlweise warme Bäder oder Blutegel, «heroische» Quecksilber- und Jodkuren oder Abführmittel zur Verfügung… Mit anderen Worten: dieser ganze Diskurs über Geschlechtskrankheiten war zwar in seiner Metaphorik kaum strikt referentiell – möglich war er allerdings nur im Rücken des Realen der Krankheit. Hier scheint die Klaviatur des Konstruktivismus den Autorinnen eine etwas zu eingängige Melodie aufgedrängt zu haben: Im Streit zwischen Reglementaristen und den Aposteln der Selbstbeherrschung war die «Konstruktion» von Sexualität(en) zwar einer seiner Effekte, primär aber hatten die Safer-Sex-Aktivisten des 19. Jahrhunderts durchaus ein reales Problem zu lösen. Die Frauen der Sittlichkeitsvereine haben, im Rahmen der traditionellen Geschlechterrollen und mit einer religiös unterstützten Moral, dennoch aber in durchaus emanzipierter Weise gegen die sexuelle Ausbeutung der Prostituierten protestiert, die Partnerschaftlichkeit und den Vertragscharakter der Ehe eingefordert und daher die Doppelmoral bürgerlicher Ehemänner attackiert. Damit stellt sich die Frage, wie man die Ideologie der Sittlichkeitsvereine zu begreifen habe. Die Autorinnen argumentieren, dass hier ein altes moralisch-religiöses Denken sich modernen, medizinisch-hygienischen Auffassungen in die Quere gestellt habe: ein letzlich religiös motivierter Verzicht auf Sexualität, Triebunterdrückung versus hygienischer Regulation der Sexualität. Diese Sicht entspricht zweifellos der Wahrnehmung der Zeitgenossen; akzeptiert man jedoch die methodischen Annahmen der Diskursanalyse, so wäre dieser Gegensatz zumindest aufzuweichen. So könnte man etwa vermuten, dass der «Selbstbeherrschungs»-Diskurs der Sittlichkeitsvereine nur funktioniert hat, weil er «modernen» Auffassungen eben gerade nicht zuwiderlief, sondern mit ihnen kompatibel war. Selbstregulation um 1890 war wahrscheinlich nicht mehr ein rein religiös-moralisches Konzept, sondern schlicht die andere Seite des hygienischen Diskurs-Dispositivs, wie es zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstanden war: hygiène privée. Der hygienische Diskurs, wie er sich in unzähligen Anleitungstexten für den rechten Umgang mit sich selbst bzw. seinem eigenen Körper auch in der Massenpresse produzierte, hat in einem sehr modernen, nicht traditionell- bzw. religiös-moralischen Sinn Selbstregulation gefordert: Souci de soi, um mit Foucault zu reden. Um die Jahrhundertwende haben denn auch die Ärzte diese Kritik der Sittlichkeits-Vereine im Sinne dieser hier angedeuteten diskursiven Konvergenz aufgenommen. In ihrer Darstellung der Entwicklung nach der Jahrhundertwende zeigen die Autorinnen, wie die «moderne» (S. 150) Diskussion um die Sexualabstinenz der Männer sich vollständig ohne moralisch-religiöse Referenzen führen liess, sondern als strikt medizinisches bzw. hygienisches Programm diskutiert wurde. Am Anfang des 20. Jahrhunderts machte die Radikalisierung des Leitbegriffs der «Gesundheit» diesen zur Prämisse eines neuen Sexualitätskonzepts, das zwar einerseits Sexualität als Teil eines gesunden Lebens akzeptierte, sie andrerseits aber mit der Vision einer «gesunden» Gesellschaft «hochwertiger» Menschen verknüpfte (S. 164f.). Das Sexualverhalten wurde damit zum strategischen Element einer eugenisch konzipierten Gesellschaftsentwicklung: Wer via Prostitution Geschlechtskrankheiten verbreitet, schädigt nicht bloss sich selbst, sondern den Volkskörper. Diese Radikalisierung hatte Konsequenzen. So wurden Geschlechtskrankheiten nun nicht mehr nur als Problem von Prostituierten, sondern als «Männerfrage» diskutiert. Das machte die Auseinandersetzung um Geschlechtskrankheiten insofern rationaler, als nun über Schutzmittel wie Präservative zumindest gesprochen werden konnte. Gleichzeitig wurde die Therapie wirkungsvoller: Um 1910 brachte die pharmazeutische Industrie erste Syphilis- und Gonorrhöe-Heilmittel auf den Markt, und 1913 wurde in Zürich die Poliklinik für Haut- und Geschlechtskrankheiten eröffnet. Zugleich wurde auf dem Ärzte-Kongress von 1913 der Misserfolg des alten Reglementarismus eingestanden. In den modernen Grossstädten sei die «regellose Sexualität» junger Frauen das grössere Problem als die klassische Prostitution; auf diese Gruppe richteten sich nun unter dem Titel der «sanitären Fürsorge» (S. 202) ein ganzes Bündel sozialhygienischer, das heisst juristischer, medizinischer und fürsorgerischer Massnahmen, die insgesamt und in ihren verschiedenen europäischen Varianten zwischen Eigenverantwortung der Kranken und Zwang schwankten. Zugleich wurde nun auch mit kriminalanthropologischen Argumenten versucht, die Prostituierten als Gruppe zu pathologisieren. Konform mit der Ausweitung des Bedrohungsszenarios von den Prostituierten auf potentiell alle jungen Frauen in Grosstädten gingen die Sittlichkeitvereine ihrerseits dazu über, Anstalten und Heime zur «Rettung gefallener» (d. h. infizierter und/oder ledig schwangerer) «Mädchen» zu gründen. Der alte moralische Diskurs hatte sich hier seine Institutionen geschaffen, deren Zwangsmechanismen die Autorinnen eindrücklich schildern. Deutlich wird dabei, wie sich in dieser frühen «Sozialarbeit» emanzipatorische und repressive Elemente mischten. Die Solidarität unter Frauen wurde systematisch durch die Differenz zwischen «reinen» und «gefallenen» Frauen sowie zwischen Bürgerinnen und Proletarierinnen durchkreuzt (S. 184). Während und nach dem Ersten Weltkrieg haben die Sittlichkeitsvereine ihren Einfluss auf die Diskussion zugunsten einer neuen Ärztegeneration verloren, die den alten Streit zwischen Reglementaristen und Anti-Reglementaristen als überholt ansah: Sie erblickten in jeder nicht-bürgerlichen Frau eine potentielle Ansteckungsquelle. 1918 gründeten diese Ärzte die «Schweizerische Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten». Die damals diskutierte Anzeigepflicht wurde nie verwirklicht; faktisch hatten die «volkshygienischen» Aktivitäten der Gesellschaft einzig den Effekt, in Zusammenarbeit mit den Gesundheitsbehörden die statistischen Grundlagen zur Beurteilung der realen Bedrohung durch Syphilis und Gonorrhöe sowie verschiedene präventive und therapeutische Massnahmen ärztlicher Natur auszubauen. Die Länge dieser Besprechung ist ein Zeichen dafür, dass m. E. «Medizin, Moral und Sexualität» ein ausgezeichnetes, das heisst materialreiches, reflektiertes und spannendes Buch ist. Sein grosser Vorzug, die konkrete Fallstudie zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten während 50 Jahren mit sehr verschiedenen Diskursen zu verknüpfen, ist allerdings zugleich seine Schwäche. Ich habe in der Diskussion um die Ideologie der Sittlichkeitsvereine angedeutet, dass eine konsequente Diskursanalyse vielleicht mehr zu Tage fördern würde als auch eine sorgfältige Registrierung der mehr oder minder manifesten Aussagen der verschiedenen Beiteiligten. Natürlich ist es schwierig, die Erzählung einer Geschichte mit der Analyse von Diskursen, d. h. von symbolischen Strukturen, zu verbinden. Dennoch scheint es, dass die Autorinnen die dauernden Verschiebungen und Übergänge zwischen den verschiedenen diskursiven Positionen nicht ganz durchschaut haben – ich habe sie auch nicht durchschaut –, sondern zuweilen in eine Ereignisgeschichte sich ablösender Aussagen verfallen. Vielleicht wäre es sinnvoll gewesen, die Darstellung an zwei, drei Stellen durch eine diskursanalytische Untersuchung einzelner Positionen zu unterbrechen, um dann zu zeigen, auf welcher Matrix sich ein Diskurs entwickeln und verschiedene Formen annehmen konnte – und wo seine Grenzen erreicht waren, wo er abbrach und anderen Diskursen Platz machte. Das dies fehlt, liegt wohl an einem methodisch offensichtlich nicht ganz geklärten Diskurs-Konzept: Eine Diskussion zwischen zwei Positionen ist kein «Diskurs» (S. 13), sondern das Aufeinandertreffen von zwei Diskursen, deren untergründige Gemeinsamkeiten (wie im Fall «Hygiene») allenfalls analytisch nachgewiesen werden müssten. Zudem müsste man sich entscheiden, ob die Sprache «das Fenster ist, durch das wir Sexualität betrachten und wahrnehmen» (S. 140), oder ob Sexualität durch Diskurse «konstruiert» wird. Dieser Ansatz ist sicher produktiver; nur muss man dann zeigen, wie Diskurse Realität hervorbringen, und nicht bloss scheinbar vordiskursive Haltungen und Meinungen abbilden. Und man muss dann auch zu klären versuchen, was an Realem ausserhalb der Diskurse bleibt, das diese antreibt und immer wieder verändert: in diesem paradigmatischen Fall das Begehren und der Tod.
Philipp Sarasin, Traverse 1995/3 (165–169)