Geprägt fürs Leben

Lebenswelten fremdplatzierter Kinder in der Schweiz im 20. Jahrhundert

Gebunden
2015. 418 Seiten
ISBN 978-3-0340-1256-0
CHF 68.00 / EUR 65.00 
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«Und nachher wurden wir … eben anscheinend, ich weiss nicht, ausgeschrieben … Ich kam dann ins Luzerner Hinterland zu Bauern. Mutter brachte mich mit dem Velo dorthin. Ich sagte dann schon: ‹Da bleibe ich nicht, hier gefällt es mir nicht.› Und eh, ja, ich musste halt trotzdem bleiben.» (Ida Mosimann, * 1939)

Wie Ida Mosimann wurden allein in der Schweiz hundert­tausende Kinder und Jugendliche in fremde Hände gegeben. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein spielten dabei armenrechtliche Argumente eine zentrale Rolle: die finanzielle Entlastung armer Familien und des Gemeinwesens einerseits, erzieherische, disziplinierende Überlegungen andererseits schwangen mit. Gleichzeitig ist kaum ein historisches Phänomen so wenig erforscht wie das Aufwachsen von Kindern in Familienpflege. Diese Lücke wird mit der vorliegenden Arbeit ein Stück weit geschlossen.
Auf der Basis verschiedenartiger Quellen konzentriert sich das Forschungsinteresse auf die ­Lebenswelten fremdplatzierter Kinder. Ausgehend vom Erleben der Einzelnen, wird der Blick frei auf das System der Fremdplatzierung im ländlichen Raum, wird das Wechselverhältnis von Strukturen und Individuen greifbar. Erstmals kommt dabei die vergleichende Perspektive über Kantons- ­respektive Landesgrenzen hinaus in einer historischen Untersuchung ­zum Tragen.


studierte Geschichte an den Universitäten Zürich und Basel. Sie war Kommissionsmitglied und Forschungsleiterin der UEK Administrative Versorgungen und arbeitet als freischaffende Historikerin mit den Forschungsschwerpunkten Schweizer Zeitgeschichte, fürsorgerische Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen sowie Oral History.


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Inhalt

1 Einleitung 1.1 Forschungsziele
1.2 Aufbau der Arbeit
1.3 Forschungsstand
1.4 Quellen

2 Annäherung an die Lebenswelt von Ida Mosimann 2.1 Sequenzanalyse
2.2 Ida Mosimann (* 1939)
2.3 Armenrechtliche Kinderfürsorge bis ins 20. Jahrhundert im europäischen Vergleich
2.4 Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Fremdplatzierung von Kindern in europäischen Ländern bis zur Schwelle des 20. Jahrhunderts
2.5 Die Begrifflichkeit des fremdplatzierten Kindes in Raum und Zeit

3 Lebenswelten 3.1 Franz Jaberg (* 1927)
3.1.1 «Als ich […] aus der Schule raus kam, hat ein Mann dort gestanden und der hat mich gerade abgefasst und mitgenommen»
3.1.2 Die internationale Entwicklung rechtlicher Normen mit der Einführung einer Bewilligungs- und Aufsichtspflicht
3.2 Martha Keller (* 1930)
3.2.1 «Und nachher der Wechsel aus dem Welschland in die deutsche Schweiz: Ich musste [als Dreizehnjährige] in der Unterschule beginnen, in der Vierten»
3.2.2 Gründe für die Unterbringung von Kindern in Familien und Anstalten
3.3 Hermann Hofer (* 1935)
3.3.1 «Das stundenlange Warten, bis er heimkam und mich prügelte. Das war das Schlimmste»
3.3.2 Auswahlkriterien für geeignete Pflegeplätze
3.4 Erna Sigg (* 1935)
3.4.1 «Das ist so Mode gewesen in diesem Dörfchen, dass man ein Pflegekind nimmt, damit man alle paar Monate ein wenig Geld erhält»
3.4.2 Finanzierung von Fremdplatzierungen zwischen Anspruch und Machbarkeit
3.5 Theresia Rohr (* 1946)
3.5.1 «Nachdem aber das Kind weder geisteskrank noch schwachsinnig ist, [sind] seine Schwierigkeiten wahrscheinlich durch das Milieu mitbedingt»
3.5.2 Von armenrechtlich zu vormundschaftlich begründeten Fremdplatzierungen
3.6 Werner Bucherer (* 1948)
3.6.1 «Das war die beste […] und ehrlichste Institution»
3.6.2 Private Organisationen – der Rückgriff auf das Schweizer Milizsystem

4 Lebensweltvergleich im zeitgenössischen Kontext 4.1 Vor der Fremdplatzierung
4.2 Während der Fremdplatzierung
4.2.1 Erinnerungen an den Tag der Fremdplatzierung
4.2.2 Wohn- und Lebenssituation während der Fremdplatzierung
4.2.3 Gewalterfahrungen
4.2.4 Permanente Konkurrenz zwischen Schule, Arbeit und Freizeit
4.2.5 Hatten fremdplatzierte Kinder eine Kindheit?
4.3 Nach der Fremdplatzierung
4.4 Zwischenergebnis
4.5 Der Blick über die Landesgrenze hinaus: Die Schweizer Fremdplatzierungspraxis, ein Sonderfall?
4.6 Quantitative Annäherung
4.7 Resümee
4.8 Kritische Stimmen – Forderungen und Fortschritte
4.8.1 «Erst dann wagt man es, einzuschreiten, wenn das Kind halbtot geschlagen ist» – Albert Wild (1870–1950)
4.8.2 «Ich schweige nicht!» – Carl Albert Loosli (1877–1959)
4.8.3 «Das gibt es noch in der Schweiz!» – Sozialreportagen 1936–1952
4.8.4 «Heimkinder, die in ihrer Kontaktsuche Erfolg haben (Lieblingskinder), entwickeln sich besser» – Marie Meierhofer (1909–1998)
4.6.5 Die «Heimkampagne» (1970/71)

5 Geprägt fürs Leben. Individuelle Folgen, Ansprüche und Bewertung von Fremdplatzierungen

6 Zum Schluss

7 Anhang 7.1 Gesetzliche Bestimmungen zur Fremdplatzierung in europäischen Ländern um 1900
7.2 Gründe für eine Fremdplatzierung
7.3 Gründe für die Beendigung eines Pflegeverhältnisses
7.4 Zahlen der Volkszählung (1910)
7.5 Zahlen der Volkszählung (1930)
7.6 Kostgeldskalen des Kantons Bern (1937–1962)
7.7 Amtlich erfasste Kinder in Fremdpflege im Kanton Luzern (1868–1948)
7.8 Gesamtzahlen bestehender Pflegeverhältnisse


Pressestimmen

«Marco Leuenberger und Loretta Seglias legen eine lesenswerte und sorgsam erarbeitete Studie zur Geschichte der Fremdplatzierung in der Schweiz vor. [...] Die Interviews, die mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen geführt wurden, gewähren tiefe Einblicke in das Thema Fremdplatzierung, wie sie keine andere Quelle ermöglichen würde.»
Michèle Hofmann, Berner Zeitschrift für Geschichte


«Von sieben Beispielen – vier Frauen, drei Männer – geht eine Studie aus, die Lebenswelten schweizerischer Gemeindekinder zeigt. Hätte ich die literarische Version bezweifelt: Hier werden Härten und ‹Mangelerfahrungen› aller Art belegt.»
Hans Steiger, P.S.