Dieses Schicksal unterschreibe ich nicht
Gespräche im Balkan
Mit einem Nachwort von Carla Del Ponte
Broschur
2007. 204 Seiten, 20 Abbildungen s/w.
ISBN 978-3-0340-0847-1
CHF 32.00 / EUR 19.80 
  • Kurztext
  • Autor/in
  • Einblick
  • In den Medien
Wie normale Bürgerinnen und Bürger in einem durchschnittlichen europäischen Land zu leben, das ist der Wunsch der 19 Intellektuellen aus dem ehemaligen Jugoslawien, die in diesem Buch zu Wort kommen. Sie alle treten für gesellschaftliches Engagement und Zivilcourage ein. So kämpft in Belgrad die Menschenrechtlerin Nataša Kandić seit Jahren für die Verurteilung der Kriegsverbrecher und gegen die Verdrängung der in serbischem Namen begangenen Gräuel. In Kosovo setzt sich die Dichterin und Kinderärztin Flora Brovina seit Jahren mutig für Völkerverständigung und gewaltlose Konfliktlösung ein - Prinzipien, die zum Fundament für einen politischen Neuanfang in ganz Südosteuropa werden müssten. Und im belagerten Sarajewo organisierte die bekannte Schriftstellerin Ferida Duraković Theateraufführungen, Dichterlesungen und Protestaktionen, um ein Zeichen des Widerstandes gegen den Krieg zu setzen.
In diesen Gesprächen wird deutlich, was Intellektuelle über ihr Land, die Region, den Krieg, über die Zeit nach dem Zerfall des Vielvölkerstaates, aber auch über die Zukunft und mögliche Alternativen denken. Durch ihre Sicht auf den Balkan wird das gängige Bild Europas vom Balkan, das die ewig gleichen Klischees von Gewalt, Hass, Rachegefühlen und Krieg reproduziert, korrigiert. Die Auswahl der Personen und die vielen Querbezüge zwischen den einzelnen Gesprächen geben einen Eindruck davon, wie die Intellektuellen im ehemaligen Jugoslawien zusammengearbeitet haben. Erst wenn Europa bereit ist, auf solche Stimmen zu hören, wird eine echte Auseinandersetzung mit dem Balkan möglich.
Die meisten Gespräche mit den Intellektuellen - Journalisten, Dichterinnen und Theaterschaffenden, Rechtsanwältinnen und Theologen, Philosophen und Soziologinnen - aus Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Serbien und Kroatien führte René Holenstein in den Jahren 2005/06.

Historiker und Entwicklungsexperte. Er arbeitet bei der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza).


Bücher im Chronos Verlag

Inhalt
Geschichte - Sprungbrett für die Zukunft
«Der Blick zurück - ein Blick nach vorn». Nebojša Popov, Sozialwissenschaftler, Redaktor der Zeitschrift Republika, Belgrad
«Jetzt bin ich zu Hause die Königin». Ferida Duraković, Dichterin, Kinderbuchautorin, Übersetzerin, Sarajewo

Erinnerung und Wahrheit
«Verräterinnen, Söldnerinnen, Profiteure». Biljana Kovačević-Vučo, Rechtsanwältin, Menschenrechtlerin, Belgrad
«Die Manipulation von Fakten verhindern». Nataša Kandić Soziologin, Kriegsgegnerin, ehemalige Gewerkschaftsaktivistin, Belgrad
«Es gibt keine Gerechtigkeit ohne Wahrheit». Vesna Teršelić, Trägerin des alternativen Friedensnobelpreises, Zagreb

Demokratie und Staatenbildung
«Ein Dinosaurier der Zivilgesellschaft». Žarko Puhovski, Professor für politische Philosophie, Helsinki-Komitee, Zagreb
«Das Erbe des Titoismus ist verhängnisvoll». Božidar Gajo Sekulić, Professor für politische Philosophie, Friedensforscher, Sarajewo
«Nicht als Menschen leben wir». Miodrag Živanović, Professor für Philosophie, NGO-Aktivist der ersten Stunde, Banja Luka

Balkan - Europa: Vielfalt in der Einheit?
«Differenz und Koexistenz». Shkëlzen Maliqi, Philosoph, Publizist, Priština
«Diese Sprache ist Tabu». Migjen Kelmendi, Chefredaktor, Schriftsteller, ehemaliger Rockmusiker, Priština
«Dialog oder Tod». Marko Orsolić, Franziskanerpater, Theologe, Politologe, Sarajewo

Zivilcourage und Widerstand
«Mein Name steht für Antifaschismus». Svetlana Broz, Kardiologin, Publizistin, Vortragsreisende, Sarajewo
«Zwischen Krieg und Frieden». Muhamed Filipović, emeritierter Philosophieprofessor, Essayist und Theoretiker, Sarajewo
«Missing Jugos». Borka Pavičević, Dramaturgin, Ausstellungsmacherin, Belgrad
«Meine Rede schlug wie eine Bombe ein». Kaqusha Jashari, Bauingenieurin, Politikerin, Priština
«Balkania gibt es nicht». Adem Demaçi, Dissident, Schriftsteller, Priština

Die Frauen kämpfen für ihre Rechte
«Ich tue alles für die Versöhnung». Flora Brovina, Dichterin, Ärztin, Politikerin, Priština
«Gegen die Männerdominanz in Kosova». Vjollca Krasniqi, Soziologin, Wissenschafterin, Priština
«Ich bin nicht Mary Daly». Zilka Spahić-Šiljak, Muslimische Theologin und Feministin, Sarajewo

Pressestimmen
«Es sind Intellektuelle, die sich dem im Balkan weiterhin tonangebenden Ethno-Nationalismus widersetzen; Menschen, die aus der Geschichte lernen wollen, nach alternativen Wegen suchen und Eigeninitiative entwickeln, um Ansätze zu einer modernen Bürgergesellschaft zu fördern. Entstanden ist ein bunter Strauss anregender Meinungen zu Befindlichkeiten und Herausforderungen in der Region.» Willi Herzig, Basler Zeitung

«Einführung in die komplexen Probleme des Balkans, vertiefte Einblicke in Geschichte, Gegenwart und Zukunft dieser krisengeschüttelten Region, Porträts von Menschen, die sich teils unter grossen Risiken gegen den Ethnisierungswahn in ihrer Heimat gestellt haben: Dies alles bietet das Buch von René Holenstein.» Jürg Müller, Der Bund

«Es ist ein Buch gegen die bequemen Balkanklischees der westeuropäischen Öffentlichkeit, die oft und bedenkenlos ganze Völker als Kriegsverbrecher, Raser und Schmuggler wahrnimmt.» Enver Robelli, Tages-Anzeiger

«Die Sammlung dieser persönlichen Zeugnisse öffnet den Blick in die sprachlich-kulturell-religiöse Vielfalt Südosteuropas.» Urs Rauber, NZZ am Sonntag

«Holensteins Buch öffnet den Blick in die sprachlich-religiös-kulturelle Vielfalt Südosteuropas. Auf Kommentierung weitgehend verzichtend, belässt es der Autor bei Ergänzungen, die den zeitgeschichtlichen Kontext erschliessen, und überlasst die Perspektive ganz den einzelnen Persönlichkeiten. In all ihrer Deutlichkeit sind die Wortmeldungen der sich konstituierenden südosteuropäischen Zivilgesellschaft nicht apodiktisch. Vielmehr stellen sie alternative Meinungen und Themen zu Disposition und regen zur Reflexion des eigenen Standpunkts an.» Daniel Wechlin