Russischer Alltag

Eine Geschichte in neun Zeitbildern vom Frühmittelalter bis zur Gegenwart

Bände I–III

Gebunden. 3 Bände
2003. 1680 Seiten, reich illustriert
ISBN 978-3-0340-0586-9
CHF 78.00 / EUR 71.00 
  • Kurztext
  • Autor/in
  • Einblick
  • In den Medien

In drei Bänden öffnet Carsten Goehrke neun Zeitfenster in die Vergangenheit, die es erlauben, charakteristische Veränderungen des täglichen Lebens zu registrieren. Innerhalb eines jeden Zeitbildes rekonstruiert der Autor den Alltag, die Lebenswelt eines Individuums in konzentrischen Kreisen von innen nach aussen: zunächst das häusliche Umfeld, dann den Hof, die Siedlung und schliesslich die Region in ihren jeweils konkreten Ausprägungen, aber auch in ihren sozialen Vernetzungen. Dies ermöglicht dem Leser, sich den Lebens- und Vorstellungswelten der Angehörigen einer bestimmten Schicht oder Gruppe aus deren eigener Perspektive zu nähern. Da sich die Gesellschaft im Verlauf der historischen Entwicklung zunehmend ausdifferenziert hat, wächst von Epoche zu Epoche auch der Umfang der Zeitbilder.

Carsten Goehrke betrachtet bei seinen Untersuchungen zwei Ebenen. Zum einen rekonstruiert er vergangene Lebenswelten mit ihren Grundkonstanten des menschlichen Daseins wie Existenzsicherung, Wohnen, Essen und Trinken, Sexualität und soziale Beziehungen. Zum andern zeigt er die Vorstellungswelten, also die Normen und Werte, die Welt- und Lebensdeutungen, in welche die Menschen einer bestimmten Epoche und Gesellschaftsschicht hineingewachsen sind.

geboren 1937 in Hamburg, war von 1971 bis 2002 Professor für Osteuropäische Geschichte an der Universität Zürich. Zu seinen Hauptwerken gehören eine dreibändige Geschichte des russischen Alltags (Zürich 2003–2005) und eine Strukturgeschichte Russlands (Paderborn 2010).


Bücher im Chronos Verlag


Aufsätze im Chronos Verlag


Herausgeber/in der Reihe

Inhalt

Erstes Zeitbild – Ein Flickenteppich verstreuter Kleinwelten:
Ostslawischer Alltag im 9. Jahrhundert
Lebenswelten
Ein Leben in Erdhütten
Befestigte Siedlungen und Kleindörfer
Ein Leben für sich – Siedlungskammer und Lokalgesellschaft
Kaum miteinander verbunden – Lokalgesellschaft und Aussenwelt
Selbstversorgung als Wirtschaftsprinzip
Vorstellungswelten und Gemeinschaftsrituale
Die Beschwörung heil- und unheilbringender Kräfte
Die traditionale Kultur als gemeinschaftsstiftende Praxis
Rückblick: Die kleinräumige Welt des Alltags

Zweites Zeitbild – Kleindörfer und Burgstädte als Lebenswelten des Kiewer Reiches im 12. und frühen 13. Jahrhundert
Alltag auf dem Lande
Dunkel, eng und rauchig – die häusliche Umgebung
Festung im kleinen; Das Stadtgehöft
Burg und Posad: Eine Stadtlandschaft aus Holz
Die Stadt in der Wahrnehmung ihrer Menschen
Die städtische Gesellschaft: Struktur und Organisation
Was es zum Lebensunterhalt braucht
Das innerste Beziehungsgeflecht des Stadtmenschen: Bindungen, Freundschaft, Liebe
Lebensrhythmus, Wertnormen, Vorstellungswelten
Auf dem Lande
Am Fürstenhof
In der Stadt
Rückblick auf eine noch wenig segmentierte Alltagswelt

Drittes Zeitbild – Streusiedlung und Posad als Lebenswelten der Rus im 15. Jahrhundert
Alltag auf dem Lande
Isba und Dwor
Das Umfeld von Haus und Hof im Wandel
Agrarwirtschaftlicher Wandel?
Krestjanin = Christ? Die bäuerliche Vorstellungswelt im Umbruch
Alltag in der Stadt
Immer noch hinter Palisaden: Wohnhaus und Gehöft
Hölzernes Gewand mit Steintupfern: Das Erscheinungsbild der Stadt
Beziehungsverdichtung: Stadt und Umland
Städtische Lebenswelten
Wandlungen der familiären Lebenswelt?
Individuum und Gesellschaft, Zeit- und Lebenshorizonte
Blick zurück auf eine derbe, offene Welt

Viertes Zeitbild – Im Schatten autokratischer Allmacht: Moskowitischer Alltag in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts
Alltag auf dem Lande
Die Anfänge des Bauerngehöfts
Die Siedlungslandschaft im Wandel
Bauern und Machthaber
Zwischen Tradition und neuen Zwängen: Das Wirtschaftsgebaren der Bauern
Die Zerfaserung der ländlichen Gesellschaft
Die Instrumentalisierung des Mir
Wetnormen, Vorstellungswelten und Zusammenleben
Alltag in der Stadt
Immer noch Holz in Holz: Das Erscheinungsbild der Stadt
Staat und Stadt
Prunk und Derbheit
Zwischen Kabak und Kirche: Die Welten des einfachen Stadvolkes
Mann, Frau, Kind und Familie
Rückblick: Moskowitischer Alltag im «aufrührerischen Jahrhundert»

Fünftes Zeitbild – Die gespaltene Gesellschaft: Russischer Alltag unter der Herrschaft Kaiserin Katharinas II. (1762–1796)
Die ländliche Welt als Gefäss traditionalen Lebens in einer sich wandelnden Umgebung
Das häusliche Umfeld
«Hoflandschaften»
Das Strassendorf
Die bäuerlichen Lebenswelten
Wirtschaftsalltag
Zum Lebensstandard: Verelendung des leibeigenen Bauerntums?
Leibeigenschaft und Mentalität
Eine neue Spezies: Die Fabrikbauern
Die städtische Welt als Schaubühne des Neuen
Die Wandlungen des äusseren Erscheinungsbildes
Lebenswelten der Stadtgesellschaft
Freuden und Leiden des Alltags
Der Adel – Brückenkopf der abendländischen Kultur?
Bevölkerungsanteil, Schichtung und Struktur
Landsitz und Stadthaus
Zwischen Kartenspiel und Buchlektüre: Die Spannweite adliger Lebensart
Vorstellungswelten und Selbstbild des Adels
Zur Kaste erstarrt: Die Geistlichkeit
Der Staat als Priestermacher
Fjodor Karpinksi – der Alltag eines Stadtpriesters
Zwischen Tisch und Bank
Rückblick: Gespaltene Gesellschaft – getrennte Lebens- und Vorstellungswelten?

Sechstes Zeitbild – Gespaltene Gesellschaft und Modernisierung: Russische Alltagswelten 1880 bis 1914
Die ländliche Welt zwischen Wandel und Beharrung
Das häusliche Umfeld
Dorf und Dorfgemeinschaft: Der Mir in der Modernisierungsfalle?
Zwischen Defensive und Offensive: Mir und Aussenwelt
Die Welt aus der Sicht der «kleinen Leute»
Moloch Stadt
Nicht Stadt, nicht Dorf – die Industriesiedlung
Die Ungleichmässigkeit der Modernisierung in den Städten
«Laboratorium der Moderne» und Vorhof der Hölle – die Hauptstadt St. Petersburg
Moskau – konservierte Tradition und wirtschaftlicher Aufbruch
Beschaulichkeit und Tradition – Alltag in der Provinzstadt
Alltag im Rückblick: Tradition und Moderne als Prozess fortschreitender Überlappung

Siebentes Zeitbild – Zwischen Aufbruchstimmung und Angst: Russischer Alltag im Schraubstock der frühen Stalinzeit (1929–1941)
Umbruch auf dem Lande
Das Ende des Mir: Kollektivierung, «Entkulakisierung» und Entkirchlichung als Mittel zur Durchsetzung der Sowjetmacht auf dem Dorfe
Zwischen Resignation und Verzweiflung
Das Dorfleben zu Beginn der dreissiger Jahre
Das Ende des Bauernhofes
Neuer Wein in alten Schläuchen – das Kolchosedorf
MTS und Sowchose - Vorposten sozialistischer Wohnwelten auf dem Lande?
Vom «besseren» und «froheren» Leben im kollektivierten Dorf
Kolchosebauern und Aussenwelt
Die neue Zeit aus der Sicht der kleinen Leute
Moloch Sowjetstaat
Wohnwelten
In «Rekonstruktion» – Stadtwelten
Die Schauseite der Staatsmacht
Die düstere Seite der Staatsmacht
Fern und feindlich – die Wahrnehmung der Aussenwelt durch die Stadtmenschen
Zwischen Überlebenskampf und der Suche nach dem kleinen Glück: Die «private» Lebenssphäre
Lebensentwürfe, Überlebensstrategien und Vorstellungswelten zwischen Neuformung, Anpassung, Abkoppelung und Widerstand
Zwei Gegenwelten
Rückblick auf das Werden einer Fassadengesellschaft

Achtes Zeitbild – Von der Hoffnung zur Enttäuschung: Sowjetrussischer Alltag zwischen Chruschtschow und Gorbatschow (1964–1985)
Der Niedergang der ländlichen Welt
Das Dorf zwischen «Perspektive» und «Perspektivlosigkeit»
Landschaftswandel und Umweltzerstörung
Städtischer Alltag zwischen «Chruschtschowka» und Plattenbau
Das Wohnumfeld im Wandel
Das familiäre Umfeld
Das berufliche Umfeld
Der öffentliche Raum
Macht und Gesellschaft: Der politische Raum
Rückblick auf eine Gesellschaft in der Sackgasse

Neuntes Zeitbild – Epilog: Überleben im Umbruch. Russischer Alltag 1992–2000
Ende und zaghafter Neubeginn – das flache Land
Kolchoseaktionäre und Farmer
Eine Reise übers Land
Zwischen Aufbruch und Sowjetnostalgie – das Leben in der Stadt
«Boomtown» und «Aschenbrödel»
«Neue Russen» und alte Mentalitäten
Am Abgrund
Briefe aus der nordrussischen Provinz (1995–2002)

Tausend Jahre Alltag im Rückblick: Kontinuität und Wandel


Pressestimmen

«vorzüglich ausgestattet […] ein Opus magnum aus einem Guss und einer Hand.»
Die Zeit


«Das Buch will sich auch an Leser richten, die keine Fachhistoriker sind, und es tut dies mit einer klaren und gut verständlichen Sprache.»
NZZ am Sonntag


«Zu den im Westen am meisten zitierten Aussagen gehören die Worte des russischen Schriftstellers Fjodor Tjutschew: «Russland ist mit dem Verstand nicht zu verstehen. An Russland kann man nur glauben.» Goehrkes gut gegliedertes, materialreiches und leicht lesbares Werk zeigt, dass man Russland sehr wohl verstehen kann.»
Tages-Anzeiger


Die Forschungsleistung Carsten Goehrkes «ragt deutlich aus der Forschungslandschaft hervor und wird auf Jahre ein wichtiges Referenzwerk bleiben. Vor allem für die Lehre ist es fortan unverzichtbar. Zudem bleibt zu hoffen, dass das Werk dank seiner illustrativen Aufmachung und seiner guten Lesbarkeit auch den Weg in manche Privatbibliothek finden wird.»
H-Soz-u-Kult


«Goehrkes Russischer Alltag ist ein anspruchsvolles und einzigartiges Werk, das vollständig überzeugt.»
DAMALS


«Carsten Goehrke hat auf insgesamt gut 1200 Seiten Text – vorbildlich ergänzt durch Illustrationen, Fach- und Stichwortverzeichnisse sowie Literaturangaben – ein reichhaltiges Tableau erarbeitet, zu dem auch prägnante Quellentexte gehören.»
Der Bund


«Russland ist immer auch ein Laboratorium der Geschichte gewesen - und es ist Carsten Goehrkes Verdienst, das Spektakuläre des Alltags eines frühzeitlichen Reiternomaden, eines mittelalterlichen Bauern oder eines modernen Fabrikarbeiters nachgezeichnet zu haben.»
NZZ


Besprechungen

Herrschaft und Alltag

Russische Geschichte in neuen Darstellungen

Von Ulrich M. Schmid

Wer ist das Subjekt der russischen Geschichte? An dieser Frage erhitzen sich die Gemüter seit dem frühen 19. Jahrhundert. Der Vater der russischen Historiographie, Nikolai Karamzin (1766 bis 1826), legte nach über zwanzigjähriger Arbeit eine monumentale «Geschichte des russischen Staates» vor, deren programmatische Ausrichtung auf die Beschreibung offizieller Strukturen bereits im Titel anklingt. Karamzin hielt im Vorwort zu seinem vielbändigen Werk knapp und bündig fest: «Die Geschichte des russischen Volkes gehört dem Zaren.» Karamzin vertrat eine durchaus hegelianische Position: Der russische Staat erschien ihm als gültige Erscheinung eines vernünftigen Geschichtsverlaufs. Angesichts der repressiven Autokratie und der allgemeinen Misere der Bauern mochten sich jedoch vor allem nichtadlige Kreise mit Karamzins Geschichtsoptimismus nicht einverstanden erklären. 1829 veröffentlichte der Journalist Nikolai Polevoj (1796-1846) eine «Geschichte des russischen Volkes», in der die zaristische Herrschaft gerade nicht im Vordergrund des Erkenntnisinteresses stehen sollte.
Der Gegensatz von politischer Ereignisgeschichte und Kulturgeschichte blieb in historiographischen Darstellungen lange Zeit ungelöst. Erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts zog man aus der wechselseitigen Bedingtheit von individuellen Lebenswelten und historischen Strukturen die methodischen Konsequenzen - neuere Darstellungen der Geschichte Russlands begnügen sich nicht mit gesellschaftspolitischen Abstraktionen, sondern rücken den einzelnen Menschen als prominentestes Subjekt der Geschichte in den Blick.

DAS EXEMPLARISCHE IM BESONDEREN

Heiko Haumanns massgebliche «Geschichte Russlands» aus dem Jahr 1996 liegt seit kurzem auch in einer broschierten Ausgabe vor. Gegenüber der ersten Auflage hat der Basler Osteuropahistoriker die lebensweltliche Perspektive verstärkt - hinzugekommen sind etwa Kapitel über das Phänomen der Gottesnarren, über die kulturelle Konfrontation der Tschuktschen im hohen Norden mit den Vertretern der Sowjetmacht und über das tragische Schicksal eines Rückkehrers aus der Emigration während des Stalin'schen Terrors. Es gelingt Haumann, das Exemplarische im Besonderen aufzudecken: Gesellschaftliche, politische, ökonomische, konfessionelle und nationale Aspekte der russischen Geschichte verbinden sich zu einer übergreifenden Darstellung, in der das Gegenwärtige als Gewordenes erkennbar wird. (Das Buch hätte allerdings etwas mehr verlegerische Sorgfalt verdient: Auf S. 157 ist eine Abbildung vergessen gegangen, und im Inhaltsverzeichnis fehlen einige Seitenzahlen.)
Noch nachhaltiger als Haumann konzentriert sich Carsten Goehrke in seinem dreibändigen Werk «Russischer Alltag» auf die individuellen Lebenswelten. Der Zürcher Emeritus verzichtet weitgehend auf die Darstellung diachroner Entwicklungen und zeigt neun Querschnitte aus der russischen Geschichte. Diese «Zeitfenster» - wie Goehrke sie nennt - öffnen den Blick auf die konkreten Lebensumstände verschiedener historischer Akteure. So präsentiert Goehrke etwa den Alltag auf einem russischen Adelsgut im 18. Jahrhundert aus der Sicht sowohl des Besitzers als auch des leibeigenen Bauern. Ähnliches gilt für die Darstellung der Industrialisierung zu Beginn des 19. Jahrhunderts: Die vergangene Epoche gewinnt anschauliche Züge, wenn Goehrke den russigen Arbeitsplatz in einer Fabrik, die schwüle Enge eines Bordells oder die soignierte Eleganz des reichen Grossbürgertums skizziert.
Goehrke stützt sich auf zahlreiche, wenig bekannte Quellen und illustriert seine Schilderung mit wertvollem Bildmaterial. Für die schlecht dokumentierte Vormoderne hat Goehrke einen mutigen Ansatz gewählt: Er rundet seine Momentaufnahmen mit einem fiktiven Text ab, der eine konkrete Szene aus dem russischen Alltag zeigt. Ein solches Vorgehen ist nicht nur legitim, sondern auch methodisch aufschlussreich: Es zeigt, dass Geschichte letztlich immer nur in einer subjektiven Erzählung wiedergegeben werden kann: Die Forderung Leopold von Rankes, die Geschichtsschreibung müsse zeigen, «wie es eigentlich gewesen», erweist sich ein weiteres Mal als Illusion. Goehrkes Text bietet eine angenehme Lektüre, allerdings zieht der Verfasser bisweilen ein allzu saloppes Stilregister («die Bude einrennen», «ein Haus hinklotzen», «der Staat dopt seine Untertanen», «Bonzokratie»).
[...]

Carsten Goehrke: Russischer Alltag. Eine Geschichte in neun Zeitbildern vom Frühmittelalter bis zur Gegenwart. 3 Bände. Chronos-Verlag, Zürich 2003. Bd. 1: Die Vormoderne, 472 S. - Bd. 2: Auf dem Weg in die Moderne, 548 S.; je Fr. 60.-.
Heiko Haumann: Geschichte Russlands. Chronos-Verlag, Zürich 2003. 568 S., Fr. 48.-.

Neue Zürcher Zeitung LITERATUR UND KUNST Samstag, 31.01.2004 Nr.25 62
(c) 1993-2004 Neue Zürcher Zeitung AG Blatt 2
Abgedruckt mit freundlicher Genehmigung der Neuen Zürcher Zeitung


Das Spektakuläre des Alltäglichen

Carsten Goehrkes Geschichte des russischen Alltags

Der Zürcher Osteuropahistoriker Carsten Goehrke bricht in seiner breit angelegten Darstellung des russischen Alltags gleich mit zwei Dogmen der traditionellen Geschichtsschreibung. Zum einen verzichtet er weitgehend auf eine chronologische Ordnung und präsentiert seinen Stoff in «Zeitfenstern»: Goehrke macht eine Reihe von Momentaufnahmen und verwandelt so den Lauf der Geschichte in einen Wechsel von Zeitraffung und Zeitlupe. Zum anderen lenkt er den Blick auch auf bisher vernachlässigte Räume der russischen Geschichte. Seine Erzählung spielt sich nicht in den Regierungspalästen ab, sondern in Krankenhäusern, Kasernen, Bauernstuben und Privatwohnungen. Diese doppelte Neuausrichtung ermöglicht eine ganz neue Sicht auf die Vielfalt russischer Lebenswelten. Goehrke hat den Bogen weit gespannt: In den ersten beiden Bänden seines Werks wurde der russische Alltag auf dem Land und in der Stadt in sechs «Zeitbildern» vom 9. Jahrhundert bis zum Vorabend des Ersten Weltkriegs dargestellt (NZZ 31. 1. 04). Der dritte und letzte Band präsentiert in zwei ausführlichen Kapiteln die frühe Stalinzeit und die sogenannte «Stagnation» unter Breschnew. Das Überblickswerk endet mit einer etwas zu kurz und wahrscheinlich auch zu düster geratenen Schilderung des russischen Alltags nach dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums.

Der Stalinismus und die Zeit danach

Der Stalinismus darf als die von der historischen Forschung am besten dokumentierte Epoche der russischen Geschichte gelten. Goehrke kann in seiner Darstellung von Kollektivierung und Terror auf zahlreiche Vorarbeiten zurückgreifen, in denen die stalinistische Alltagskultur analysiert wurde. Der Autor bietet erstmals eine Gesamtschau der einzelnen Aspekte: Er verbindet die prekäre Wohnsituation der Menschen, die oft mit ihrer Familie nur ein Zimmer in einer Gemeinschaftswohnung («kommunalka») bewohnen konnten, mit den Sexualpraktiken der dreissiger Jahre. Ausserdem bezieht er die Umgestaltung des öffentlichen Raums auf die sogenannte Kultiviertheitskampagne, in deren Rahmen die Sowjetbürger zu Sauberkeit und Ordnung erzogen werden sollten. Schliesslich weist er in einem erschütternden Kapitel auf «Stalins jüngste Opfer» hin, nämlich die obdachlosen Strassenkinder, deren Eltern im Gulag verschwunden waren. Ihr nacktes Überleben sicherten sich diese Jugendbanden durch Überfälle oder Prostitution.
In den siebziger Jahren lässt sich eine gewisse Konsolidierung der Sowjetgesellschaft beobachten: Die Zeit der grossen ideologischen Kämpfe war vorbei, der gerontokratischen Führung ging es im Wesentlichen um die Sicherung der eigenen Herrschaft. Die Bevölkerung wurde mit bescheidenen Konsumangeboten geködert; gleichwohl prägten lange Schlangen vor den Geschäften das sowjetische Alltagsbild. Goehrke kontrastiert den Aufbau privater Netzwerke, die mit der Zeit ein eigenes Distributionssystem bildeten, mit der privilegierten Versorgung der Nomenklatura, die über eigene Läden, Schulen, Krankenhäuser und selbstverständlich auch Feriensiedlungen verfügte. Die Darstellung mündet in eine Charakteristik des «Homo sovieticus», der sich als soziokultureller Typus im Russland des 20. Jahrhunderts herausgebildet hat. Allerdings weicht Goehrke der Gefahr simplifizierender Kurzschlüsse aus und verweist auf die Kontinuität traditioneller bäuerlicher Verhaltensmuster, die bereits in der Zarenzeit eine starke soziale Kontrolle einschlossen.

Die Gegenwart

Die «Zeitbilder» des dritten Bandes weisen unterschiedliche Längen auf: Dem Stalinismus werden dreihundert Seiten gewidmet, der Breschnew-Ära immer noch hundert, während die postsowjetische Zeit dem Autor gerade einmal vierzig Seiten wert ist. Gerade die jüngste Vergangenheit bietet aber ein spannendes historisches Untersuchungsfeld: Das Jahr 1991 sollte im Rahmen einer Überblicksdarstellung nicht nur als Einschnitt, sondern auch als Übergang gedeutet werden. Der Bankrott der kommunistischen Ideologie und die Umstellung der administrativen Kommandowirtschaft auf einen Raubtierkapitalismus gehen Hand in Hand mit der Kontinuität eines patriarchalen Staates, der immer noch den Primat der Politik vor der Wirtschaft vertritt.
Auf der Mikroebene der individuellen Lebenswelt vermischt sich dabei Sowjetnostalgie mit der Erwartung eines besseren Lebens in einer offenen Gesellschaft. Dabei sollte man aber die retardierenden Tendenzen nicht über Gebühr betonen. Goehrkes Einschätzung, dass die ästhetischen Anschauungen der Russen sich seit dem Mittelalter kaum gewandelt hätten oder dass Werte wie Menschenwürde und Toleranz in der russischen Geschichte fehlten, ist wahrscheinlich zu einseitig. Russland verfügt über ein enormes kulturelles Potenzial, das sich in der Vergangenheit gerade abseits der staatlichen Selbstinszenierung immer wieder deutlich manifestiert hat. Zu erinnern ist dabei etwa an die Romane von Dostojewski, Tolstoi oder Turgenjew, an die künstlerische Avantgarde der 1920er Jahre und an die führende Rolle des russischen Films, der im 20. Jahrhundert immer wieder ästhetische Massstäbe gesetzt hat. Russland ist immer auch ein Laboratorium der Geschichte gewesen - und es ist Carsten Goehrkes Verdienst, das Spektakuläre des Alltags eines frühzeitlichen Reiternomaden, eines mittelalterlichen Bauern oder eines modernen Fabrikarbeiters nachgezeichnet zu haben.

Ulrich M. Schmid

Carsten Goehrke: Russischer Alltag. Eine Geschichte in neun Zeitbildern vom Frühmittelalter bis zur Gegenwart. Band 3: Sowjetische Moderne und Umbruch. Chronos-Verlag, Zürich 2005. 554 S., Fr. 60.-.

Neue Zürcher Zeitung FEUILLETON Mittwoch, 28.12.2005 Nr.303 42
Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der neuen Zürcher Zeitung
(c) 1993-2006 Neue Zürcher Zeitung AG Blatt 1