Krisenzeit
Liechtenstein in den Dreissigerjahren 1928–1939
Broschur
2000. 1162 Seiten
ISBN 978-3-905314-17-5
CHF 79.00 / EUR 47.00 
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Die grosse Weltkrise der Dreissigerjahre des 20. Jahrhunderts ergriff auch Liechtenstein. Hier ist erstmals die für das kleine Land schwierige, oft tabuisierte Spanne der Zeitgeschichte umfassend, wissenschaftlich, anschaulich und spannend dargelegt. «Krisenzeit» legt Verständnisgrundlagen auch für die Kriegszeit und bis heute.

Band 1 zeichnet die Bevölkerungsentwicklung nach; die politische Wende Ende der 20er Jahre, mit Rheineinbruch, Sparkassaaffäre, Regierungssturz und Wechsel auf dem Thron; die Wirkungen der Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit, Krisenmassnahmen, Arbeitsbeschaffung und deren Finanzierung; die Verteilungskämpfe der Parteien; das Hereinschwappen des Nationalsozialismus mit Rotter-Entführung und Antisemitismus; die Erneurungsbewegung «Liechtensteiner Heimatdienst» und die Entstehung der «Vaterländischen Union»; die Gesetzgebung des Jahrzehnts; die Rolle des Fürsten.

Band 2 behandelt die Aussenpolitik, die Märzkrise 1938, die Anschlusspläne, Hitlers Haltung zu Liechtenstein; die Notkoalition der Parteien; die einheimische nationalsozialistische «Volksdeutsche Bewegung»; Thronwechsel; die militärischen Bemühungen der Schweiz um Liechtenstein, Ellhornhandel und die schweizerische Verstimmung; den Berlinbesuch des Fürsten, den Anschlussputsch 1939 und die patriotische Reaktion; die Einbürgerungs- und Flüchtlingspolitik; die Stimmung vor dem Kriegsausbruch 1939.

«Krisenzeit»: Die liechtensteinische Perspektive erlaubt auch ungewohnte Einblicke in Zustände und Politik der Nachbarländer Schweiz, Österreich und Deutschland. Exemplarisch spiegelt Liechtenstein die grössere Welt und deren Zeitgeschichte.
PD Dr. Peter Geiger, geb. 1942, wohnhaft in Schaan, Forscher am Liechtenstein-Institut seit 1987 (Geschichte der 1930er Jahre, Zweiter Weltkrieg), bis 2008 Dozent an der Pädagogischen Hochschule St. Gallen, Privatdozent an der Universität Fribourg, 2001-2006 Präsident der Unabhängigen Historikerkommission Liechtenstein Zweiter Weltkrieg, ab 2010 Co-Vorsitzender der Liechtensteinisch-Tschechischen Historikerkommission.

Bücher im Chronos Verlag

Pressestimmen
«Die eigene Vorgeschichte ohne äusseren Druck auszuloten – hierzu bietet Geigers ‹Krisenzeit› unerlässliche Hilfe. [...] Nicht nur durch historische Langzeitbeobachtung und Statistik eröffnet Geiger neue Bezugsrahmen zur Einordnung damaliger Landespolitik. Erstmals bis in einzelne Entscheidungsabläufe, in Motivation und Sozialprofil der Beteiligten aufgefächert, finden sich Vorgänge, die lange tabuisiert oder im Kollektivgedächtnis vereinfacht wurden: der Zusammenbruch der Landessparkasse 1928, die versuchte Entführung der deutsch-jüdischen Gebrüder Rotter 1933, die Spitzelaffäre um den Journalisten Carl von Vogelsang 1937 sowie der nationalsozialistische Putschversuch vom März 1939. [...] Geiger behandelt diese durchaus bekannten Schlüsseldramen der Landesgeschichte auf breiterer Quellenbasis und vor neuen Hintergründen.» Jürgen Schremser, NZZ
Besprechungen
Liechtensteins prägende Krisenzeit Wirtschaftsnot und NS-Druck 1928 bis 1939 Seit 1987 arbeitet der in Liechtenstein geborene Schweizer Historiker Peter Geiger an einer Geschichte der liechtensteinischen dreissiger und vierziger Jahre. Unter dem Titel «Krisenzeit» ist jetzt seine Darstellung des Vorkriegsjahrzehnts 1928 bis 1939 verfügbar. Konflikte und Weichenstellungen Geigers zweibändige Landesgeschichte umfasst einen Zeitraum, der noch nie in dieser Gründlichkeit untersucht und zur Diskussion gestellt worden ist. Wichtige Vorarbeiten hierzu leisteten deutsche Historiker. Sie machten erstmals die heiklen Beziehungen des Fürstentums mit Hitlerdeutschland zum Thema und brachen so mit parteipolitischer Legendenbildung und Volksfama. Wo die Deutschen vor allem eigene Akten einbrachten, geht es Geiger um die Zusammenschau aller aus- und inländischen, amtlichen wie privaten Quellen. Ambitiös ist auch die Darstellungsperspektive: Wirtschaftskrise, soziale Spannungen und politische Verhärtungen der Jahre 1928 bis 1939 werden im Zusammenwirken geschildert, ihre Betitelung «Krisenzeit» wird zum Zeichen einer Epoche. Es gelingt Geiger, die Jahre der Krise als konfliktgeladene Prägezeit des modernen Liechtenstein plausibel zu machen. Von dort her wird manches verständlicher: die Anbindung an die Schweiz, die mehrheitliche Absage an die politische Grosslösung, wirtschaftlicher Sonderstatus und Protektionismus, schliesslich das emotional stark besetzte Zusammendenken von Fürst und Landeswohl. In den Jahren der Krise freilich waren diese «Entscheidungen» strittige Optionen. Ökonomische Abhängigkeiten Das Werk gilt einem an sich überschaubaren Objekt «Liechtenstein». Der 160-Quadratkilometer-Staat zählte in den dreissiger Jahren um die 11 000 Einwohner, war ein geistig enges, bäuerlich-kleingewerblich versorgtes Entwicklungsland. Was das damalige Liechtenstein weitläufig macht, ist seine teils selbstgemachte, teils unausweichliche Einbettung in europäische und weltweite Kontexte. Der Autor macht diesen Umstand zu einer seiner Darstellungsprämissen. Laut Geiger traf die Weltwirtschaftskrise Liechtenstein etwas verzögert 1932, aber mit anhaltenden Folgen bis Anfang der vierziger Jahre. Auch hier orientierte sich die behördliche Krisendämpfung an Beschäftigungs- und Investitionsmassnahmen im Ausland. Die seit 1923 bestehende Zollverbindung mit der Schweiz war für Liechtenstein existentiell. Die Anteile an den Zollerträgen zählten zu den Stützen des schmalen Landesbudgets. Andererseits, so Geiger, gelang während der dreissiger Jahre keine weitgehende Öffnung des schweizerischen Arbeitsmarktes. So bemühte sich die Regierung ab 1936 um Arbeitsplätze im Deutschen Reich. Geiger verfolgt das Wechselspiel ökonomischer Abhängigkeiten und aussenpolitischer (Neu-)Orientierung. Gerade unter dem letzten Aspekt gewinnen die Entwicklungen in den dreissiger Jahren eine auch im kleinen Raum erstaunliche Brisanz und Beschleunigung. Sollte Geigers Text ein Monument des stummen Gedenkens sein? Von einer öffentlichen Debatte ist im Fürstentum noch wenig spürbar. Dabei hätte Liechtensteins Kleingesellschaft anders als Österreich oder die Schweiz die Chance, die eigene Vorgeschichte ohne äusseren Druck auszuloten. Hierzu bietet Geigers «Krisenzeit» unerlässliche Hilfe. Die Gliederung der Bände folgt in weiten Zügen der politischen Chronik und wirtschaftlichen Zäsuren. Andererseits werden grundlegende Daten zur Bevölkerungsbewegung und der Verlauf der Wirtschaftskrise über längere Zeiträume präsentiert. Arbeitsmangel und Erwerbsverlust werden so ohne ideologischen Filter in ihren ökonomischen wie sozialen Folgen erfasst. Ausserdem lässt sich über grössere Zeitstrecken ein Eindruck kontinuierlicher Modernisierung unterhalb politischer Gegensätze gewinnen. Der Anschlussputsch von März 1939 Nicht nur durch historische Langzeitbeobachtung und Statistik eröffnet Geiger neue Bezugsrahmen zur Einordnung damaliger Landespolitik. Erstmals bis in einzelne Entscheidungsabläufe, in Motivation und Sozialprofil der Beteiligten aufgefächert, finden sich Vorgänge, die lange tabuisiert oder im Kollektivgedächtnis vereinfacht wurden: der Zusammenbruch der Landessparkasse 1928, die versuchte Entführung der deutsch-jüdischen Gebrüder Rotter 1933, die Spitzelaffäre um den Journalisten Carl von Vogelsang 1937 sowie der nationalsozialistische Putschversuch vom März 1939. Geiger behandelt diese durchaus bekannten Schlüsseldramen der Landesgeschichte auf breiterer Quellenbasis und vor neuen Hintergründen. Seit dem Anschluss Österreichs 1938 lag Liechtenstein in grossdeutscher Nachbarschaft. Eine nationalsozialistische «Volksdeutsche Bewegung» formierte sich und versuchte in der Nacht vom 24. auf den 25. März 1939 die Angliederung Liechtensteins ans Reich zu erzwingen. Der entsprechende Machtwechsel in Vaduz sollte im Verein mit SA, Kraftfahrerkorps und Hitlerjugend aus Vorarlberg vollzogen werden. Auf beiden Seiten der Grenze wurden Stellungen bezogen, war man gewaltbereit. Gemessen am bisherigen Kenntnisstand zum Putschversuch 1939 erweitert Geiger den Quellenhorizont und verknüpft die März-Ereignisse mit Handlungslinien, die vielschichtiger sind als bisher dargestellt. Insbesondere die liechtensteinische «Deutschfreundlichkeit» gewinnt nach Geigers Untersuchung zusätzliche Dimensionen. Als entscheidend für das Misslingen des Putsches erwiesen sich die von Regierungsseite unterhaltenen Kontakte zu deutschen Partei- und Verwaltungsstellen. Diese signalisierten Desinteresse an einer Aktion «Liechtenstein». Die inoffiziellen Verbindungen liefen zu Gestapo, Sicherheitsdienst und ins Auswärtige Amt, über Zwischenstellen letztlich zu Hitler selbst. Die liechtensteinischen Nationalsozialisten wurden gleichsam im eigenen Revier überboten. Solches war durchaus riskant, nährte eine Stimmung, in der neben Anpassung und Begeisterung Zweideutigkeiten und leise Bedenken keimten: Die entgegenkommende Diplomatie der Regierung gegenüber Berlin weckte Erwartungen in den Kreisen der Anschlussfreunde; deren damaliger Führer zögerte gleichwohl, die Aktion auszulösen. Widersprüchliche Nazifreundlichkeit Die Formen der Annäherung an das Deutsche Reich erscheinen komplexer als bisher. An der Ausgestaltung der liechtensteinisch-deutschen Beziehungen nach 1933 beteiligten sich ausserparlamentarische Rechtsgruppierungen ebenso wie Fürst und Regierungsparteien. Wie Geiger aufweist, wurde ein Zoll- und Wirtschaftsanschluss an Deutschland von Regierungschef Hoop 1938 und 1939 zumindest theoretisch erwogen. Sein Stellvertreter Vogt wiederum galt als reichsfreundlich, warnte in der Putschnacht aber die nationalsozialistischen Anführer vor einem Einbezug des Landes in einen künftigen Krieg. Auch bei erklärten Anhängern Grossdeutschlands finden sich Vorbehalte, bestimmt durch verwandtschaftliche Nähe, innenpolitisches Kalkül und eine im Putschversuch anklingende Unsicherheit, wie es nach einem Anschluss weitergehen solle. Das nationalsozialistische «Modell» erwies sich selbst als ambivalent: Es versprach völkische Heimat unter Fortsetzung einer grossräumigen bürokratisch-technischen Rationalisierung. Geiger zitiert den deutschen Generalkonsul Voigt, der vom «zwerghaften» Lebensideal der Liechtensteiner sprach. Das «Dritte Reich» dürfte beides provoziert haben: ängstliches Verharren in der staatlichen Provinz wie den Wunsch, diese aufzubrechen. Enge und Modernisierung Durch Peter Geigers «Krisenzeit» zieht sich der Eindruck der Enge im Grau der zwanziger und dreissiger Jahre: Enge durch Versippung, durch die Knappheit an Einkommen und Positionen, den geringen aussenpolitischen Spielraum und die tiefe innere Konfliktschwelle, die es allseits zu beachten galt. Den von Roland Ruffieux für die Schweiz festgestellten «caractère modernisateur de la crise» konstatiert Geiger auch für das Fürstentum. Das Liechtenstein der Jahre 1928 bis 1939 ist in dieser Perspektive bestimmt durch erstrittene Verteilungsmodelle für Arbeit, Einkommen und Einfluss (Proporzwahlrecht). Solches setzte wiederum Verbesserungen der technischen, wirtschaftlichen und administrativen Infrastruktur voraus oder setzte sie überhaupt in Gang. Substantiell bestritten wurde dieser Nachholbedarf von wenigen, wohl aber ideologisch umgedeutet. Geistige Enge und die Befangenheit der Lebensformen dauerten freilich an; bei allem Fortschritt im Instrumentellen scheint das kulturelle Leben von Uniformierung und stilisierter Bäuerlichkeit bestimmt. Hier gab es Anklänge an Völkisches. Liechtenstein prägte indessen ein Staatskatholizismus. Er bestimmte die Tabuschwellen, zensierte die Körperlichkeit und lieh seine Symbolik - wie Geiger anhand des Volksschul-Lesebuches 1939 zeigt - der bescheidenen Heimatidylle. Dagegen mögen Körperkult und Machtpolitik des Dritten Reiches für einige attraktiver, moderner gewirkt haben; eine scheinbare Emanzipation, die es nach 1945 unter liberaleren Vorzeichen neu aufzunehmen galt. Jürgen Schremser Peter Geiger: Krisenzeit. Liechtenstein in den dreissiger Jahren, 1928-1939. 2 Bände. Verlag des Historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein, Vaduz / Chronos-Verlag, Zürich 1997. 585 und 578 S., Fr. 79.-. Abgedruckt mit freundlicher Genehmigung der NZZ. Neue Zürcher Zeitung POLITISCHE LITERATUR 20.04.1998 Nr. 90 29