Die Hinterlassenschaft
Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Margit Gigerl
Schweizer Texte, Neue Folge, Band 54
Gebunden
Erscheint im November 2019. ca. 320 Seiten
ISBN 978-3-0340-1540-0
ca. CHF 48.00 / EUR 48.00 
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«Auch wenn diese Geschichte in der Schweiz spielt, ist sie weder als Anklage gegen die Schweizer gedacht noch als Exkulpierung jener Deutschen, die sich am Massenmord betei­ligt haben. Als Schweizer Bürger, der in der Schweiz lebt und dieses Land beim Namen nennt, statt eine Parabel zu konstruieren, meine ich aber auch, dass die grössere Schuld die kleinere nicht kleiner mache.»
(Motto zu «Die Hinterlassenschaft»)
Als «Die Hinterlassenschaft» von Walter Matthias Diggelmann 1965 im Münchner Piper-Verlag erschien – der Schweizer Benziger-Verlag wollte das in verschiedener Hinsicht unzeitgemässe «Pamphlet» trotz Vertrag nicht publizieren –, wurde der Roman in der Schweiz umgehend zu einem literarischen und politischen Ereignis und sein Verfasser im eisigen Klima des Kalten Kriegs systematisch in die kommunistische Ecke gedrängt.
Der «erfundene Tatsachenbericht» verschränkte mit ästhetischen Verfahren der Dokumentarliteratur den Antisemitismus und die restriktive Flüchtlingspolitik der Schweiz in den Dreissiger- und Vierzigerjahren mit dem helvetischen Antikommunismus der Fünfzigerjahre. Damit lancierte Diggelmann als einer der prononciertesten Repräsentanten der Littérature engagée die Kontroverse um die öffentliche Funktion der Literatur in der Schweiz neu – noch vor Alfred A. Häsler, Max Frisch oder Niklaus Meienberg.
Die vorliegende kommentierte Neuedition stellt Diggelmanns Buch in den Kontext aktueller historiografischer Forschungsergebnisse und Debatten um das politische und mentalitätsgeschichtliche Dispositiv der Schweiz im Kalten Krieg und macht es als kritischen Subtext des offiziellen Schweizer Gedächtnisdiskurses lesbar.


1927 unehelich geboren, Pflegekind. Nach abgebrochener Uhrmacherlehre 1944 Flucht wegen eines Bagatelldiebstahls nach Italien. Internierung bis Kriegsende in Süddeutschland. 1945 in der Schweiz unter Amtsvormundschaft und Einweisung für ein halbes Jahr in die Heil- und Pflege­anstalt Rheinau. Danach Gelegenheitsarbeiten und erste schriftstellerische Versuche. Seit 1962 freier Schriftsteller. 1979 starb Diggelmann im Alter von 52 Jahren an Krebs.


Margit Gigerl, geboren 1967, studierte deutsche Literaturwissenschaft und Geschichte an der Universität Zürich und ist seit 2014 Mitarbeiterin des Schweizerischen Literaturarchivs, wo sie unter anderem den Nachlass von Walter Matthias Diggelmann kuratiert.