Migration macht Schule

Bildung und Berufsqualifikation von und für Italienerinnen und Italiener in Zürich, 1960–1980

Historische Bildungsforschung, Band 3
Gebunden
2017. 328 Seiten, 20 Abbildungen s/w.
ISBN 978-3-0340-1381-9
CHF 48.00 / EUR 48.00 
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Die italienischen Arbeiterinnen und Arbeiter, die nach 1945 in die Schweiz geholt wurden, begannen sich nach 1964 für die Bildung zu engagieren. Sie initiierten ein differenziertes Angebot an allgemeiner und beruflicher Weiterbildung und bauten schulergänzende Betreuung und Unterstützung für ihre Kinder auf. Ebenso diskutierten sie Berufsqualifikation und Schulbildung in der Emigration und brachten sich in bildungspolitische Debatten in der Schweiz ein.
Philipp Eigenmann legt dar, wie die Zugewanderten ihre päda­gogischen Bestrebungen trotz der damaligen restriktiven Haltung gegenüber ausländischen Arbeitskräften umsetzten. Mit ihren Aktivitäten verfolgten die Migrantinnen und Migranten verschiedene Ziele. Einerseits zielten sie mit den von ihnen gegründeten italienischen Weiterbildungsorganisationen auf einen besseren Arbeitszugang wie auch auf eine Demokratisierung von Bildungs- und Arbeitswelt. Andererseits zeigen die damaligen kontroversen Diskussionen darüber, ob die Kinder der Zugewanderten besser italienische Schulen oder die öffentlichen Regelklassen besuchen sollten, wie die unklare Bleibeperspektive den Umgang mit Bildung strukturierte. Die Untersuchung nutzt Quellen italienischer Emigrationsorganisationen aus dem Raum Zürich und wirft einen neuen Blick auf die Geschichte der Migration.

studierte Pädagogik, Soziologie und Philosophie. Er forscht als Oberassistent an der Universität Zürich zu (Berufs-)Bildung und Migration, zu Qualifikation und Beschäftigung sowie zu Lehrlingsbewegungen.

Aufsätze im Chronos Verlag

Inhalt

1. Migrantinnen und Migranten als Subjekte pädagogischer Entwicklungen

Im Qualifikationsdilemma. Berufsbildung in der Emigration

2. Selbsthilfe, Koordination und Konkurrenz. Aufbau und Institutionalisierung von italienischen Berufs- und Weiterbildungsangeboten
2.1. Selbsthilfe, partikulares Engagement und Koordination
2.2. Anbindung und Institutionalisierung
2.3. Konsolidierung und Konkurrenz

3. Beschäftigungsfähigkeit und sozialer Aufstieg. Kursangebot und Kursteilnehmer
3.1. Wachstum und Diversifizierung des Kursangebots
3.2. Die Branchen des Prekariats – ein beschränktes Qualifikationsangebot für die Zugewanderten
3.3. Zur Heterogenität der Kursinteressenten
3.4. Schneiderinnen und Sekretärinnen – Emigrantinnen in der Weiterbildung
3.5. Anstelle einer beruflichen Grundbildung – die zweite Generation der Zugewanderten

4. Bildungsurlaub, Gewerkschaftsschulung und gesellschaftliche Transformation. Zur Legitimation von Berufs- und Weiterbildung in der Emigration
4.1. Statistische Befunde sind politische Argumente
4.2. Bildungsurlaub nach dem Vorbild der «150 ore»
4.3. Berufs-, Allgemein- und Gewerkschaftsbildung als Mittel zur Demokratisierung
4.4. Emigrationsorganisationen als Agenten transnationaler Vermittlung

«Kalter Schulkrieg». Beschulung von Immigrantenkindern

5. Zwischen zwei Zukünften. «Scuole italiane» oder schweizerische Regelklasse
5.1. Pädagogische Folgen der Abkehr vom Rotationsprinzip
5.2. Italienische Emigrationsorganisationen zwischen permanenter Niederlassung und baldiger Remigration
5.3. Transnationale Wirkungen des italienischen Gesetzes Nr. 153

6. Wirken vor Ort. Informationsoffensiven, lokale Einflussnahme und Betreuungsangebote
6.1. Das «Centro Informazioni Scolastiche delle Colonie Libere Italiane» als Elternberatungsstelle
6.2. Elternkomitees als Türöffner zur lokalen Schulpolitik
6.3. Zur Angebotsvielfalt in der ausserschulischen Betreuung

7. Chancengleichheit und Klassenkampf. Bildungspolitische Programmatiken zur Beschulung der Emigrantenkinder
7.1. Zur Widersprüchlichkeit von Klassenkampf und Chancengleichheit
7.2. Klassenkampf! Die italienischsprachige Argumentation
7.3. Chancengleichheit! Die deutschsprachige Argumentation
7.4. Zur Vermittlung zwischen den sprachlichen Referenzräumen

8. Fazit – zum migrantischen Umgang mit Bildung

Anhang

9. Abkürzungsverzeichnis
10. Abbildungsverzeichnis
11. Quellen- und Literaturverzeichnis
11.1. Ungedruckte Quellen
11.2. Periodika
11.3. Gespräche
11.4. Gedruckte Quellen und Darstellungen


Pressestimmen

«Eigenmann gelingt es verdienstvollerweise, die Anstrengungen des migrantischen ‹Milieus› für die berufsbildende Aus- und Weiterbildung von Migrantinnen und Migranten und für die schulische Integration ihrer Kinder zu beschreiben und zu analysieren. Die allmählich realisierten Bildungsmöglichkeiten bezieht er, wenn auch nicht isoliert, auf diese Anstrengungen. Dies ist in der schweizerischen Migrationsgeschichte ein seltener, aber bedeutsamer Zugang, ist es damit doch möglich, transnationale Strategien und hybride Identitätsdefinitionen in ihren schweizerischen bzw. lokalen Prozesshaftigkeiten zu verfolgen. [...] Die Arbeit von Philipp Eigenmann ist für die Geschichte der schweizerischen Gesellschaft der Nachkriegszeit bedeutsam, weil sie die Möglichkeit weiter öffnet, diese schweizerische Gesellschaft als eine Migrationsgesellschaft zu verstehen und Migrantinnen und Migranten als konstitutiv für die weitere Entwicklung zu begreifen. Sie ist aber auch wichtig, weil sie eine Rückblende aus einer Diskussion heutiger Migrationsströme erlaubt, deren Charakteristika mit Hybridität von Identitäten und Leben in transnationalen Räumen beschrieben und diskutiert werden.»

H-Soz-Kult, 20. August 2018, Béatrice Ziegler