Die «Protokolle der Weisen von Zion» vor Gericht

Der Berner Prozess 1933–1937 und die «antisemitische Internationale»

Veröffentlichungen des Archivs für Zeitgeschichte des Instituts für Geschichte der ETH Zürich, Band 10
Gebunden
2017. 648 Seiten, 39 Abbildungen s/w.
ISBN 978-3-0340-1385-7
CHF 54.00 / EUR 54.00 
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1933 erhoben der Schweizerische Israelitische Gemeindebund und die Israelitische Kultusgemeinde Bern vor dem Berner Amtsgericht Klage gegen die Verbreiter der «Protokolle der Weisen von Zion». In dem weltweit beachteten Verfahren suchten die Kläger die Entstehung des Textes lückenlos zu rekonstruieren und damit das einflussreichste Dokument des modernen Antisemitismus als Fälschung zu entlarven. Die antisemitischen Beklagten wollten hingegen die «Echtheit» der «Protokolle» nachweisen. Dabei konnten sie auf ein weit verzweigtes Netzwerk zurückgreifen, dessen Verbindungen von Berlin, Paris und Wien bis nach Los Angeles und ins mandschurische Harbin reichten.
Beide Seiten trugen eine Vielzahl von Dokumenten und Zeugenaussagen zusammen, die sich heute in über 30 Archiven auf drei Kontinenten befinden. Der Autor hat diese Materialien erstmals zusammengeführt und ausführlich kommentiert. Der Band wirft Licht auf die bislang kaum erforschte «antisemitische Internationale» der Zwischenkriegszeit und zeichnet ein differenziertes Bild der Vorgeschichte, des Verlaufs und der Hintergründe des Berner Prozesses. Dadurch wird die vorherrschende Sicht auf die Herkunft und Frühgeschichte der «Protokolle» grundlegend revidiert, wobei die Frage der Urheberschaft sich wieder als offen erweist.

ist Historiker und Slavist an der Ruhr-Universität Bochum. Er ist Verfasser zahlreicher Publikationen zur russischen Philosophie und Geistesgeschichte, zum utopischen und apokalyptischen Denken in Russland, zum russischen Rechtsextremismus und Antisemitismus sowie insbesondere zu den «Protokollen der Weisen von Zion».

Aufsätze im Chronos Verlag

Inhalt

Dank
Vorwort
Editorische Notiz
Abkürzungen und Archivsiglen

I. Forschungsgeschichte

II. Quellenlage

III. Einleitung: Die Protokolle der Weisen von Zion, die «antisemitische Internationale» und der Berner Prozess 1. Die Protokolle der Weisen von Zion: Inhalt, frühe Verbreitung und Rezeption
2. Die «antisemitische Internationale» in der Zwischenkriegszeit
3. Der Berner Prozess 1933–1937

IV. Chroniken 1. Chronik Berner Prozess
2. Chronik Basler Prozess

V. Dokumente

VI. Kurzbiografien

VII. Quellen und Literatur 1. Unveröffentlichte Quellen
2. Veröffentlichte Quellen und Literatur

Personenregister


Pressestimmen

«Hagemeister's remarkable study, the result of decades of dedicated research, should be read by all those who have an at least reasonably good knowledge of German and are interested in National Socialism, international Communism, Russia, antisemitism, disinformation strategies and/or matters listed in the second pararaph above. It should be noted that even today there are well educated, if not very intelligent, Russian scholars (Iurii Begunov, Oleg Platonov, for example – see the name index) who take the Protocols deadly seriously. Antisemitism still has a future – and not only in Russia.»

SEER, Journal for Labour and Social Affairs in Eastern Europe 96, 4, October 2018, Martin Dewhirst

«Michael Hagemeister, a German historian and Russianist at Bochum University, has dedicated nearly thirty years to clarifying the origins, diffusion, and reception of the Protocols of the Elders of Zion. […] The present book gives readers all they will need to arrive at an evidence-based appreciation of the history of the Protocols. [...] Having combed the often disorganized holdings of thirty archives in ten countries, Hagemeister presents virtually day-by-day entries regarding the public actors, the operatives in the murky background, the research carried out in the trial context, witness testimony, and extensive correspondence between major and minor actors. […] Hagemeister makes a strong case that the untangling of the many, many lies told about the Protocols, as well as the transmission of honest misconceptions about it, must deal with the great body of evidence produced by the Bern trial. […] In the era of ‹fake news› and ‹alternative facts›, there is much to be learned from a careful reading of this book. Serious students of the Protocols owe Michael Hagemeister a debt of gratitude.»

Holocaust and Genocide Studies, 32/2, September 2018, Richard S. Levy

«Michael Hagemeister, durch zahlreiche, archivalisch bestens belegte bedeutende Arbeiten und Vorstudien in diesem Forschungsfeld ausgewiesen, widmet sich – nach der 2011 erschienenen verdienstvollen Studie Sibylle Hofers – auf breiterer Basis den Schweizer Gerichtsverfahren der 1930er Jahre. [...] Der Prozess wird in seiner Vorgeschichte, seinem Gesamtzusammenhang und seinem Verlauf detailliert einschließlich unbekannter Hintergründe, Prozess-Strategien, Recherchen, Gutachten und des Vorgehens der Prozessparteien erstmalig auf breitester Basis analysiert. [...] Die Arbeit ragt daher auch durch ihren unvergleichlich hohen Quellenwert über das meiste, was bisher zu diesen Problemfeldern an Forschung vorlag, weit hinaus. [...] Wer immer sich nach Hagemeisters eindrucksvoller historischer Kärrnerarbeit in punkto Quellenschürfung, Dokumentation und Kommentierung mit dem Thema befassen wird, kann an dieser Grundlage nicht vorbeigehen. [...] Die Ergebnisse, die personellen, wissenschaftlichen, prozessualen und persönlichen Netzwerke sind angesichts eines national wie international nicht abflauenden Antisemitismus von wesentlicher, nicht nur historischer oder kulturgeschichtlicher Bedeutung.»

Zeitschrift integrativer europäischer Rechtsgeschichte, Juni 2018, Prof. em. Dr. jur. Albrecht Götz von Olenhusen, Düsseldorf

«Die große Zahl der Akteure und ihre wechselseitigen Beziehungen werden schließlich in prägnanten Kurzbiografien präsentiert. [...] Hagemeister beschränkt sich nicht auf Vorgeschichte, Verlauf und Ende des letztlich mit milden Geldstrafen bzw. Freisprüchen beendeten Gerichtsverfahrens, sondern schlüsselt detailliert die Entstehungsgeschichte der ‹Protokolle› auf. [...] Kenntnisreich schildert Hagemeister, wie der bereits vor der Oktoberrevolution 1917 verschiedentlich veränderte Text im Kontext der Furcht vor einer internationalen Umsturzwelle leninistischer Prägung zu einer Art Deutungsmuster und Rechtfertigungsbibel für das eigene Handeln von Antisemiten in ganz Europa avancierte. [...] Gleichwohl handelt es sich bei dem vorliegenden Band um eine verdienstvolle und in sich geschlossene, logische Darstellung der Geschehnisse. Erstmals werden so alle Akteure hinter den ‹Protokollen› in ihren wechselseitigen Beziehungsverhältnissen sichtbar gemacht, und die unermüdlichen Aufklärer, die den Berner Prozess erst möglich gemacht haben, erhalten eine umfängliche historiografische Würdigung.»

Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 4/2018, Florian G. Mildenberger

«Der Prozess von Bern war nicht vergebens, sondern ein wichtiger Baustein im Kampf gegen Antisemitismus, der nun umfassend dokumentiert vorliegt.»

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18. Mai 2018, Michael Wildt

«En tant que slaviste spécialiste de la pensée d’extrême droite en Russie, Hagemeister montre notamment de manière très convaincante le rôle que les Russes exilés au lendemain de la Révolution jouèrent dans la diffusion des thèses antisémites dans le monde occidental, que ce soit à New York, Paris, Berlin ou encore Rome. Ces hommes et ces femmes trouvaient dans les Protocoles une explication plausible aux événements qui avaient bouleversé leur pays. [...] Le procès de Berne, de même que l’appel qui suivit, ne conduisit à aucune décision de justice significative. Surtout, le tribunal s’estima incompétent pour déclarer si le document était authentique. Mais, comme le souligne Hagemeister, les années de procédure ne furent pas vaines, car la somme des témoignages collectés par les deux parties est considérable, ce qui ne peut, à terme, que servir le travail de l’historien.»

Revue d’Histoire de la Shoah, 2018/1 (Nr. 208), Anne Quinchon-Caudal

«Michael Hagemeister, Historiker und Slawist an der Universität Bochum, hat den Berner Prozess, die Vorgänge vor und hinter den Kulissen, die Taktiken und internen Differenzen, die Beziehungsgeflechte, die Belege, Zeugnisse, Vermutungen, Behauptungen, Phantasien und Lügen gründlich untersucht.»

Neue Zürcher Zeitung, 31. August 2017, Christoph Wehrli

«Der Band enthält neben der solide recherchierten Einleitung von Michael Hagemeister als Hauptteil eine Chronik des Berner sowie des Basler Prozesses (S. 135 - 447), die auch zahlreiche wertvolle Auszüge aus Quellen bietet, darunter auch Briefe der Beteiligten, die in ihrer Gesamtheit ein faszinierendes Bild zeichnen. [...] Dieses Buch ist eine gerade aufgrund seiner nüchternen und dokumentarischen Note spannende Lektüre und sollte das Interesse all jener finden, denen an einer entsprechenden Aufklärung über die sogenannten Protokolle der Weisen von Zion gelegen ist. Eine wichtige Studie also auch für die Antisemitismus-Forschung, weshalb das Werk auch in zeitgeschichtlich orientierten Bibliotheken vertreten sein sollte. Der Umstand, daß das Buch sich im wesentlichen auf einen Prozeß in der Schweiz bzw. in Bern (denn nur dort hatte die Klage aufgrund der rechtlichen Situation so erhoben werden können) bezieht, sollte nicht zu dem Trugschluß verführen, es handele sich dabei nur um ein lokal- oder regional-geschichtliches Thema. Vielmehr ist durch den internationalen Zuschnitt der Prozeßbeteiligten sowie der damit einhergehenden Bemühungen um Aufhellung der Entstehung der Protokolle ein mindestens gesamteuropäisches Interesse gegeben.»

Informationsmittel (IFB): digitales Rezensionsorgan für Bibliothek und Wissenschaft, Till Kinzel