Strafjustiz im Spätmittelalter im Südwesten des Reichs

Schaffhausen und Konstanz im Vergleich

Gebunden
2015. 584 Seiten
ISBN 978-3-0340-1248-5
CHF 88.00 / EUR 80.00 
  • Kurztext
  • Autor/in
  • Einblick
  • In den Medien
  • Service

Der Autor beleuchtet die eigentümliche Urteilspraxis der Strafjustiz in spätmittelalterlichen Städten. Das finstere Blutgericht mit seiner martialischen Härte und Grausamkeit steht, wie die Forschung in den letzten Jahrzehnten gezeigt hat, nur für einen Teil der Strafjustiz. Der Rechtsalltag war weniger spektakulär. Die Richter mussten sich mit zahlreichen kleineren Delikten befassen. Sie fuhren nur ausnahmsweise grobes Geschütz auf, liessen oft Gnade vor Recht ergehen und passten das Strafmass den finanziellen und sozialen Verhältnissen des Verurteilten an. Dadurch waren die meisten Strafen verkraftbar. Diese Urteilspraxis war aber nur vordergründig mild. Im Hintergrund spielten ausgeklügelte Mechanismen von Macht und wirksamer gesellschaftlicher Disziplinierung. Der Strafvollzug war effektiv und die Durchsetzungskraft der städtischen Obrigkeit hoch.
Schauplätze der vorliegenden Arbeit sind einerseits die Strafgerichte in Schaffhausen. Andererseits blickt der Autor über die Stadtmauern, vor allem nach Konstanz, um die Profile der Strafjustiz im Rahmen eines umfassenden Städtevergleichs zu schärfen.

Kaspar Gubler studierte Allgemeine Geschichte, Staatsrecht und Publizistik an der Universität Zürich. Promotion zur städtischen Strafjustiz im Spät­mittelalter. Schwerpunkte in Kriminalitätsgeschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit.

Inhalt

1. Das eigentümliche Profil der Strafjustiz: Grausamkeit und Gnade 1.1. Forschungsstand: Strafjustiz zwischen Grausamkeit, Repression, Gnade und Schlichtung
1.2. Fragestellungen: Um- und Durchsetzung der Normen und Urteile, Profil der Strafjustiz
1.3. Vorgehen und Aufbau: Schaffhausen und der Blick über die Stadtmauer
1.4. Quellenlage: Schaffhausen und Konstanz als Glücksfall

2. Rahmenbedingungen 2.1. Verfassung: Zunftstadt und Stadt des Adels
2.2. Stadtbevölkerung: kleiner und ärmer, grösser und reicher
2.3. Wirtschaft: darbend und blühend
2.4. Verwaltung: zentral und dezentral
2.5. Gerichtsorganisation: dezentral und zentral
2.6. Zwischenbilanz: kontrastreiche Ausgangslage

3. Straf- und bussrechtliche Satzungen 3.1. Massgebende Satzungen: Schaffhauser Recht präziser
3.2. Richtebrief als Vorlage der Satzungen: nicht nur in Konstanz
3.3. Stellenwert der Satzungen im Rechtsalltag: unterschiedliche Praxis
3.4. Zwischenbilanz: ähnliche Rechtstraditionen, Unterschiede in Aufzeichnung und Handhabung des Rechts

4. Friedenssicherung im Innern 4.1. Organisation und Akteure
4.2. Verhaftungen, Untersuchungen, Gefängniswesen
4.3. Zwischenbilanz: wehrhafte und wohlgeordnete Städte, Sicherheitskräfte in neuem Licht

5. Delikte und Delinquenten nach Gerichtsinstanzen 5.1. Deliktverteilung, Geschlecht und Herkunft der Delinquenten
5.2. Delinquenz und Schichtzugehörigkeit
5.3. Zwischenbilanz: mehr Delikte in der kleineren Stadt?

6. Delikte und Sanktionen nach Gerichtsinstanzen 6.1. Gewaltdelikte: ritualisierte Gewaltanwendung, wenig Brachialgewalt
6.2. Wortdelikte: Angriff auf Ehre, Körper und religiöser Ebene
6.3. Eigentumsdelikte: Angriff auf Gut und Ehre
6.4. Wirtschaftsdelikte: Lebensmittelproduzenten und Warenverkehr im Fokus
6.5. Sittlichkeitsdelikte: Eheleben und Geldspiel im Fokus, wenige Sexualdelikte
6.6. Öffentliche Ruhe und Ordnung: empfindliche Räte
6.7. Zwischenbilanz: vergleichbare Delikte, ungleiche Sanktionshärte

7. Hintergrund der Rechtsprechung: Gottesgericht und weltliche Ehre

8. Strafzumessung nach Gerichtsinstanzen 8.1. Mechanismen: Gnadenpraxis, Ehrenteile und Ehrenhandel, Berechenbarkeit der Delinquenten
8.2. Verfahren und Merkmale: Herrschaftsdarstellung, Ehre, Geschlecht, Alter
8.3. Schaffhausen: Urteilspraxis zwischen Milde und Ausgrenzung
8.4. Konstanz: härtere niedergerichtliche Urteilspraxis
8.5. Basel, St. Gallen, Zürich: unterschiedliche Sanktionshärte
8.6. Zwischenbilanz: Gottesgericht, ehrbares Leben, weltliche Richter, ausgeklügelte Urteilspraxis

9. Straf- und Bussenvollzug nach Gerichtsinstanzen 9.1. Mechanismen: Gnadenpraxis, Ehrenteile, Ehrverbindungen, Ehrverpfändungen – Absichern gegenüber Delinquenten
9.2. Schaffhausen: effektiver Sanktionsvollzug aller Instanzen
9.3. Konstanz: effektiver Sanktionsvollzug der Niedergerichtsbarkeit
9.4. Basel, St. Gallen, Zürich: wenig effektiver Sanktionsvollzug?
9.5. Bedeutung der städtischen Busseneinnahmen: keine Geldquelle
9.6. Zwischenbilanz: effektiver Strafvollzug und starke Ratsherrschaft

10. Schaffhausen und Konstanz: hohe Durchsetzungskraft der Strafjustiz, geordnete Verhältnisse im Innern

Anhang
11. Währungseinheiten
12. Richtlinien für die Transkription
13. Verzeichnis der Grafiken und Tabellen
14. Bibliografie
15. Ausführliches Inhaltsverzeichnis


Pressestimmen

«Die neuere Strafrechtsgeschichte beschränkt sich nicht mehr auf die Darstellung aufgrund von Gesetzen, sie sucht vielmehr zu einem realistischeren Bild der älteren Strafrechtspflege zu kommen durch umfangreiche Heranziehung von Archivmaterial, wie Protokollbücher und Ratsprotokolle, Strafurteile und Urfehden in Urkunden- und Aktenform und Ähnliches. Dass auf diese Weise das spätmittelalterliche Strafrecht in einer ungleich genaueren, plastischen Anschauung gezeigt werden kann, beweist die vorliegende Zürcher Dissertation, die namentlich das Schaffhauser und Konstanzer Material umfassend auswertet.»

Zeitschrift für Württembergische Landesgeschichte 77 (2018), Raimund J. Weber

«Gublers Interesse gilt der städtischen Strafpraxis an der Wende zur Neuzeit. Anhand eines Vergleichs von Schaffhausen und Konstanz sucht er nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden bei der Androhung und beim Vollzug von Strafen im Spannungsfeld zwischen Repression und Gnade. [...] Dennoch bleibt festzuhalten, dass die Strafpraxis in Konstanz im Ganzen härter war als in Schaffhausen. Insgesamt zeigt Gubler, dass in beiden Städten die Strafjustiz ein effizientes Instrument der Herrschaftssicherung durch Gewährleistung öffentlicher Ordnung bildete.»

Archiv für Reformationsgeschichte, Beiheft Literaturbericht 46/47 2017/2018, von Mayenburg

«Insgesamt liegt eine sehr quellennahe, interessante und informative Studie zur Strafjustiz im Spätmittelalter vor. [...] Gubler vermag an einigen Stellen den Forschungskonsens zu ergänzen oder zu revidieren.»

Zeitschrift für Historische Forschung, 43. Bd., 4/2016, Regina Schäfer

«In seiner lebendig und sehr gut lesbar geschriebenen Diss. (Univ. Zürich) präsentiert G. eine reichhaltige Auswertung archivalischer Quellen, indem er detailreich und farbenfroh die Verhältnisse in den von ihm behandelten Städten, allen voran Schaffhausen, beschreibt [...] Der ma. Alltag erwacht zum Leben, wobei die Liebe zum Detail und die profunde Einarbeitung in den Stoff sich auch darin niederschlägt, dass G. faszinierende Nebenaspekte immer wieder en passant mit behandelt. [...] G. schreibt – und hierin liegt in erster Linie sein Verdienst und der Wert der Arbeit – v. a. eine Art Sozialgeschichte der spätma. Strafjustiz: Wieviele Straftäter waren arm, wieviele reich, wieviele Einheimische oder Auswärtige, Männer oder Frauen, und in Abhängigkeit davon, wie scharf fielen die Strafen aus bzw. ist eine unterschiedliche Begnadigungspraxis zu beobachten (S. 443–447)?»

Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters, Band 73–1 (2017), Bernd Kannowski