Buchführung für die Ewigkeit

Totengedenken, Verschriftlichung und Traditionsbildung im Spätmittelalter

Gebunden
2014. 486 Seiten
ISBN 978-3-0340-1196-9
CHF 68.00 / EUR 62.00 
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Wie waren Gedenkpraktiken, Güterverwaltung und Geschichtsschreibung im Mittelalter miteinander verbunden? Anhand von Überlieferungsverbünden und Intertextualitätsbeziehungen zwischen nekrologischem, urbarialem und historiographischem Schriftgut aus dem Gebiet der heutigen Schweiz untersucht Rainer Hugener, wie zur administrativen Bewältigung des Totengedenkens neue Formen der Buchführung aufkamen, die nicht nur dem Seelenheil der Verstorbenen dienten, sondern auch der Herrschaftsdurchsetzung und dem Verwaltungsausbau. Mit Schlachtjahrzeiten und anderen Gedenkfeiern wurden zudem Geschichtsbilder verbreitet, die das historische Selbstverständnis im Untersuchungsraum nachhaltig geprägt haben. Die Studie betont die Bedeutung des kirchlichen Gedenkwesens für die Entwicklung «moderner» Verwaltungspraktiken und eröffnet zugleich einen neuen Zugang zu den Mythen über die Entstehung der Eidgenossenschaft. Abgerundet wird die Arbeit durch ein Inventar der Nekrologien und Jahrzeitbücher aus schweizerischen Klöstern und Kirchen.

Rainer Hugener, geboren 1976, Studium der Geschichte und Germanistik, danach Assistent am Historischen Seminar der Universität Zürich, seit 2011 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Staatsarchiv des Kantons Zürich mit einem Editionsprojekt im Rahmen der Sammlung Schweizerischer Rechtsquellen. Seit 2014 stellvertretender Leiter der Abteilung Editionsprojekte.

Aufsätze im Chronos Verlag

Inhalt

Vorwort

1 Einleitung

1.1 Fragen und Forschungsfelder
1.2 Gedenkwesen und Geschichtswissenschaft
1.3 Untersuchungsmaterial
1.4 Zeitrahmen und Untersuchungsraum
1.5 Überlieferungssituation und Archivlandschaft
1.6 Editionen und Gattungskonstruktion
1.7 Aufbau und Vorgehen

2 Formen und Funktionen der Gedenküberlieferung
2.1 Verbrüderungsbücher und Nekrologien
2.2 Vom Nekrolog zum Jahrzeitbuch
2.3 Von den Klöstern an die Pfarrkirchen
2.4 Herstellung, Aufbewahrung und Gebrauch
2.5 Zusammenfassung

3 Verwaltungstechniken und Administrationskultur
3.1 Nekrologien und Rödel
3.2 Vom Nekrolog zum Urbar
3.3 Jahrzeitbücher und Urbarien
3.4 Zusammenfassung

4 Gedenkpraktiken und Geschichtskultur
4.1 Jahrzeitbuch und Chronik
4.2 Von der Familienjahrzeit zur Schlachtgedenkfeier
4.3 Kirchliches Gedenken und kommunales Bewusstsein
4.4 Schlachtenkanon und Befreiungstradition
4.5 Zusammenfassung

5 Schlusswort
6 Abkürzungen

7 Gedenkaufzeichnungen aus dem Gebiet der Schweiz

8 Bibliographie
8.1 Editionen
8.2 Darstellungen

Register


Pressestimmen

«Bei Recherchen zu Adelsgeschlechtern, Klöstern und Kirchen in der heutigen Schweiz stiess Rainer Hugener wiederholt auf viele Fragen aufwerfende Nekrologien und Jahrzeitbücher. Die Forschung kann ihm dankbar dafür sein, dass er im Rahmen seiner Promotionsarbeit allen Fragen weiter nachgegangen ist, über 1000 Totenverzeichnisse und Gedenkaufzeichnungen aus dem Gebiet der heutigen Schweiz vom 8. bis zum 18. Jahrhundert aufgespürt und zum ersten Mal systematisch unter modernen geschichtswissenschaftlichen Fragestellungen untersucht hat. Als Ergebnis legt er eine gut lesbare Studie vor, die einen hervorragenden Einblick in die sozial- und kulturgeschichtliche Bedeutung der Gedenküberlieferung bietet. […] Insgesamt besticht die Studie durch ihre empirischen und methodischen Qualitäten. […] Das Buch bietet nicht nur für einschlägige Spezialisten eine äusserst anregende und instruktive Lektüre und mit dem im hinteren Teil befindlichen Findmittel aller bekannten vormodernen Gedenkaufzeichnungen aus dem Gebiet der heutigen Schweiz auch noch in forschungspraktischer Hinsicht eine wertvolle Unterstützung für alle zukünftigen Untersuchungen auf dem Gebiet des Totengedenkens.»
Bernd Giesen, Traverse


«Hugeners Studie argumentiert auf breitester Materialbasis und im konzise formulierten Anschluss an jüngere und ältere Fragekontexte. Das macht sie in hohem Masse anregend – und zwar weit über ihren eigenen geographischen Fokus auf dem Gebiet der heutigen Schweiz hinaus. Gerade Hugeners quellen- und überlieferungskritischen Ausführungen zeigen mustergültig, warum der Weg zu den Quellen auch in einem editorisch bereits so gut erschlossenen Gebiet wie der Eidgenossenschaft immer noch lohnt – und wie auch Editionen und die ihnen zugrunde liegenden quellenkundlichen Kategoriebildungen den Blick der Forschenden mitunter verstellen können. Diesem Buch wünscht man viele Leser.»
Hiram Kümper, Mediaevistik


«Collaborateur scientifique aux Archives de Zürich, auteur de nombre d'articles et contributions sur les documents mémoriels, Rainer Hugener propose avec sa thèse très fournie une synthèse de ses recherches. […] Elle insiste sur l'importance de l'influence de l'administration mémoriale dans l'essor de la scripturalité au 13e et 14e siècles et sur le rôle joué par la commémoration des morts dans la constitution d'une représentation de l'Histoire contrôlée par les autorités et destinée faire naître, à travers une conscience historique, un sentiment d'appartenance commune. Un catalogue, aussi complet qu'il est possible, fruit d'un énorme travail, rassemble tous les documents nécrologiques connus pour l'ensemble de la Suisse. Une bibliographie particulièrement abondante et un index achèvent un ouvrage dont il faut souligner l'intérêt.»
Marie-José Nohlen, Francia-Recensio


«Was sich Hugener vorgenommen und durchgeführt hat, ist schon quantitativ ehrfurchtgebietend. […] Der fast 100 Seiten umfassende Katalog der oft über viele Jahrhunderte geführten Nekrologe ist nicht nur als auf lange Zeit konkurrenzloses Findemittel zu begrüßen, sondern bietet auch übersichtlich und plausibel gestaltet zahlreiche weiterführende Informationen zu den jeweiligen Texten.»
Matthias Kirchhoff, Zeitschrift für deutsches Altertum


«Hugener’s achievement is the recognition of the importance of late-medieval documentary sources as material witnesses of the textualisation of the processes and protocols involved in the administration and observation of memorial provisions. His research involved the rigorous cataloguing of more than 1300 primary documents in the Swiss archives, dating from the eighth to the nineteenth centuries. This generous time frame was necessary to ensure that the long and often complex histories of individual endowments could be traced in full. Moreover, it allowed him to investigate correlations between the written records and their verbal transmission as part of publicly enacted memorial rituals and celebrations of military anniversaries. […] The catalogue of sources alone offers a major new resource for researchers of different disciplines. The study of textualisation will also have gained significant new impulses from Hugener’s book.»
Conny Bailey, Church Monuments


«Rainer Hugener ist in seiner Zürcher Dissertation gleichsam zu den Wurzeln der Memoria-Forschung zurückgekehrt, indem er zunächst eine Bestandsaufnahme der Gedenküberlieferung im Gebiet der heutigen Schweiz bis 1800 unternommen hat, die der Studie in einem mehr als tausend Einträge umfassenden Katalog beigefügt ist und als Basis für weitere Forschung dienen soll. Die Rückbesinnung auf die Überlieferungsgrundlagen des mittelalterlichen Totengedenkens geht jedoch nicht mit einer Verengung des Blicks einher, sondern wird in drei Untersuchungsschritten so weit entfaltet, dass der von der kulturwissenschaftlichen Memorialforschung postulierte Charakter des Gedenkens als ‹totales soziales Phänomen›, das alle Bereiche des Lebens von der Religion über Wirtschaft, Verwaltung, Politik und Kultur umfasste, an einigen Beispielen erkennbar wird. […] Die methodisch reflektierte Studie Hugeners zum spätmittelalterlichen Totengedenken im Schweizer Raum erweist sich somit auch als ein weiterer Beitrag zur Entstehung und Verbreitung des langlebigen eidgenössischen Befreiungsmythos, der nicht vermeintlich volkstümlichen Traditionen, sondern obrigkeitlichen Inszenierungen auf der Grundlage gelehrter Fiktionen entstammt.»
Steffen Krieb, Historische Anthropologie


«Eindrücklich wird anhand der Gedenküberlieferung geschildert, wie die Mechanismen im Kampf um die Deutungshoheit der Geschichte funktionierten. […] Durch die Einbindung der politischen Vergangenheit in die liturgische Praxis gewannen die Legenden um die Entstehung der Eidgenossenschaft eine sakrale Aura. Dies erklärt wohl, weshalb deren Anzweiflung bis heute als Sakrileg empfunden wird. Gerade dieser Teil macht diese Dissertation zu einem wichtigen und spannenden Beitrag zur Schweizer Geschichte.»
Guido Gassmann, Schweizerische Zeitschrift für Religions- und Kulturgeschichte