Schizophrenie
Entstehung und Entwicklung eines psychiatrischen Krankheitsbilds um 1900
Broschur
2013. 390 Seiten, 53 Abbildungen s/w.
ISBN 978-3-0340-1111-2
CHF 48.00 / EUR 43.00 
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Das Krankheitsbild «Schizophrenie», 1908 vom Schweizer Irrenarzt Eugen Bleuler geprägt, gehört heute zu den erfolgreichsten Konzepten der Psychiatrie. Auch als Metapher findet der Begriff breite Verwendung. Warum aber war die Entwicklung dieser Diagnose um 1900 nötig geworden? Wie kam es zu ihrem Erfolg? Und was verrät uns das Krankheitsbild über die Zeit seiner Ausformulierung?
Dieses Buch zeichnet Problemlagen und Erfahrungsräume nach, die das Entstehen des Schizophreniekonzepts ermöglicht haben: die Krise der Anstaltspsychiatrie im Fin de Siècle, das Auftauchen neuartiger psychischer Symptome, der psychodynamische Therapieansatz der «Zürcher Schule» und die Resonanzeffekte, welche die «schizophrene Assoziationsstörung» zur Krise des politischen Liberalismus in der Schweiz unterhielt. Die Studie macht anschaulich, wie sozialer Wandel und der Wandel von Krankheitsvorstellungen ineinandergreifen. Als Beitrag zu einer integralen Geschichte der Psychiatrie, die ihren Gegenstand an die Sozial- und Kulturgeschichte zurückbindet, eröffnet das Buch unerwartete Perspektiven auf das Verhältnis von Wahnsinn und Gesellschaft.

ist Historikerin und hat mehrere Projekte zur Sozial- und Wissenschaftsgeschichte der Psychiatrie durchgeführt. Gegenwärtig arbeitet sie als Lehrbeauftragte an verschiedenen Universitäten und ist als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Geschichte der ETH Zürich tätig.


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Inhalt
I Konstitution
1. Der politische Liberalismus und die Irrenfrage
1.1. Die Anordnung von Wahnsinn und Gesellschaft in der Aufklärung
1.2. Psychiatrie in der Schweiz: Ein Projekt des politischen Liberalismus
1.3. Funktionswandel der Irrenanstalten im Kontext der Sozialen Frage
1.4. Fazit. Die verspätete Krise der Anstaltspsychiatrie

2. Die Krise der Psychiatrie um 1900
2.1. Verwahren oder Heilen? Legitimationsprobleme der Anstaltspsychiatrie
2.2. «Hirnmythologie». Die Krise des naturwissenschaftlichen Paradigmas
2.3. Die Dementia-praecox-Frage. Die Suche nach einer einheitlichen Beschreibung psychischer Störungen
2.4. «Der bürgerliche Tod». öffentliche Psychiatriekritik, Skandale und ein Direktionswechsel im Burghölzli
2.5. Fazit. Soziale Fragen an die Psychiatrie

II Konstruktion
3. «Framing Disease». Rahmenbedingungen der Schizophrenielehre
im Kontext der Zürcher Psychiatrie
3.1. Eugen Bleuler als Ausgangspunkt
3.2. Ein Hirnanatom als Irrenarzt. Der Schritt in die psychiatrische Praxis
3.3. Kooperation statt Delegation. Ein sozialpsychiatrisches Programm
3.4. Von der Praxis zur Theorie. Bleulers Eintritt ins akademische Feld
3.5. Fazit. Der Bedarf nach einem «einheitlichen Gesichtspunkt»

4. Schizophrenie als Assoziationsstörung
4.1. Schizophrenie und Sprache
4.2. Assoziation. Knotenpunkt des Schizophreniekonzepts
4.3. Die «Genossenschaftsanstalt». Grundlage des psychodynamischen Ausbaus der Dementia praecox zur Schizophrenie
4.4. Fazit. Assoziation und Sozialisierung der Psychiatrie

III Konsolidierung
5. Das Burghölzli als Experimentalsystem
5.1. Das Denkkollektiv der Zürcher Schule im «Weltkloster Burghölzli»
5.2. Medien der Fallwerdung
5.3. Vom Experiment zum Test. Die Assoziationsstudien
5.4. Fazit. Das Assoziationsexperiment als Stabilisator der Schizophrenielehre

6. Resonanzräume des Schizophreniekonzepts
6.1. Eine Frage der «natürlichen Association». Die moralisch-medizinische Interpretation der Sozialen Frage
6.2. .Boundary work.. Psychiatrisches Expertenwissen und behördliche Expansionspolitik
6.3. Die Mobilisierung der Schizophrenielehre im Ersten Weltkrieg
6.4. Fazit. Verwissenschaftlichung und Popularisierung

Pressestimmen
«Selten sind die Bedingtheiten für das Zustandekommen eines Krankheitsbildes so vielschichtig ausgeleuchtet und schliesslich zusammengeführt worden.» Martina Lenzen-Schulte, Frankfurter Allgemeine Zeitung

«Der Zürcher ‹Irrenarzt› Eugen Bleuler, der 1939 starb, prägte um 1908 den Begriff sowie das Krankheitsbild der Schizophrenie und setzte sich mit allen Kräften für dessen Etablierung ein. Weshalb ihm dies gelang und was für ihn und seine Mitstreiter ‹Schizophrenie› bedeutete, legt Brigitta Bernet in ihrer herausragenden Dissertation dar. […] Eine bestens lesbare Studie.» Urs Hafner, NZZ

«Vor allem die Exegese von Texten Eugen Bleulers und die eindringliche Schilderung der Arbeit in seiner Reformanstalt Burghölzli machen die Studie über weite Strecken zu einer wissenschaftlichen Biografie Bleulers. Im Zentrum aber stehen die Krankheitsbilder, die Emil Kraepelin seit den 1890er-Jahren mit dem Terminus ‹Dementia praecox› umschrieben und Bleuler seit 1908 ‹Schizophrenie› genannt hat. Schon diese Begriffsgeschichte liest sich bei Bernet spannend wie ein Kriminalroman. […] Der Wert von Brigitta Bernets Buch liegt nicht im Aufzeigen von grundsätzlich Neuem, sondern in der Art der Verknüpfung von biografischen, kultur- und sozialhistorischen, wissenschafts- und medizingeschichtlichen Fragestellungen.» Ralf Forsbach, Sehepunkte

«Brigitta Bernets ursprünglich als Dissertation an der Universität Zürich vorgelegte Arbeit ist eine facettenreiche Analyse der Genese und Wirkungsweise der für die Geschichte der Psychiatrie so bedeutsamen Diagnose der Schizophrenie […] – eine theoretisch sehr gut fundierte und detailgenau analysierte Studie zur Entstehung dieses Krankheitsbildes.» Sophie Ledebur, Berichte zur Wissenschaftsgeschichte

«Brigitta Bernet hat in ihrem Buch mustergültig gezeigt, dass Wissenschaftsgeschichte immer auch Gesellschaftsgeschichte sein muss, die, nicht nur an Personen, sondern immer auch an Strukturen, Zeiten, Räume und Orte rückgebunden werden sollte. Man kann darauf hoffen, dass ähnliche Arbeiten erstellt werden.» Jens Gründler, H-Soz-und-Kult