Die Bleiche der Zeit
Ein Zürcher Oberländer Textilareal im Wandel
Gebunden
2010. 144 Seiten, 100 Abbildungen s/w.
ISBN 978-3-0340-1035-1
CHF 44.00 / EUR 27.50 
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Im 19. Jahrhundert entstand im Zürcher Oberland entlang den Flüssen die ländliche Textilfabrikation. Auf den nahe gelegenen Wiesen und Auen wurden die Tücher zum Bleichen an der Sonne ausgelegt. Das Dorf Wald war schon lange ein Zentrum der Heimindustrie, als die Gebrüder Kaspar und Johannes Honegger Mitte des 19. Jahrhunderts ihre eigene Weberei gründeten.
Nach einem Brand der Fabrik gingen die Brüder ab 1860 getrennte Wege, und so gilt dieses Datum als Beginn der Firma Otto & Johannes Honegger. 1873 baute Johannes Honegger die Fabrik «Bleiche», die lange Zeit grösste Weberei der Schweiz.
Gestützt auf unveröffentlichte Quellen aus Firmen-, Dorf- und Familienarchiven, mit Liebe zum Detail und versehen mit zahlreichen Abbildungen erzählt das Buch vom Wandel der Zeit in einem ländlichen Industriegebiet. So ist ein exemplarisches Stück Wirtschaftsgeschichte der Schweiz entstanden. Denn die Textilindustrie war von Anfang an in die Weltwirtschaft eingebunden, und so spiegelt sich im Dorf die Welt. Es ist aber auch eine Sozialgeschichte, die von Paternalismus und Arbeiterbewegung, von Streiks und Entlassungen handelt.
Die vom «Gründervater» errichteten Gebäude – die wuchtigen Fabriken, die behäbigen Fabrikantenvillen und die turmförmigen Kosthäuser für die Arbeiterfamilien – prägen bis heute das architektonische Bild und die räumliche Aufteilung des Bleicheareals.
«Die Bleiche der Zeit» verfolgt die Entwicklung von den Anfängen der Industrialisierung über Expansionsphasen und Krisenzeiten bis zur Schliessung der Textilfabrikation im Jahr 1988 und der Umnutzung des Areals in ein lebendiges Zentrum mit Lofts, «Bleichibeiz», Hotel und Wellness-Angeboten.
Toby Matthiesen ist es gelungen, die Geschichte dieses Textilzentrums, der Arbeiterschaft und der neuen Kapitalisten der Gründerzeit anschaulich und spannend zu schildern und mit allgemeinen kulturgeschichtlichen Erörterungen zu verknüpfen.
Toby Matthiesen, geb. 1984, studierte Islamwissenschaft, Geschichte und Politikwissenschaft in Zürich, Bern und London. Er schreibt an der School of Oriental and African Studies (SOAS) in London eine Doktorarbeit zu den Schiiten in Saudi-Arabien und publiziert in verschiedenen Zeitschriften.
Inhalt
Die Firma Gebrüder Honegger 1853–1860
Die Anfänge der Industrialisierung in Wald
Johannes Wild: Der erste Fabrikant in Wald
Die Gebrüder Kaspar und Johannes Honegger und ihre erste Firmengründung
Der Brand von 1860 und die Trennung der Brüder

Die Firma Johannes Honegger 1860–1903
Der Bau der Bleiche: Die grösste Weberei der Schweiz
Der Streit um den Bahnhof und die Tösstalbahn
Die Konsolidierung der Firma und die Expansion nach Albino in Italien
Das Familienleben der Honegger: Eine Fabrikantenfamilie im späten 19. Jahrhundert
Brautsuche, Liebesbriefe und die Eheanbahnung zwischen Otto Honegger und Adele Sonderegger
«Werte Herren Prinzipale»: Patriarchalismus und die Anfänge der Arbeiterbewegung

Die Firma Johannes Honegger's Söhne 1903–1919
Die Honegger in Italien: Mondänes Leben in der Schweizer Kolonie
Die Trennung von Albino: Betrug, Kriegswirren udn die Probleme der Konzernbildung
Der Kurzstreik von 1907 und die Bildung der Arbeiterkommission
Mobilmachung und Arbeitskräftemangel im Ersten Weltkrieg
Die Bleiche brennt aus: Eine Katastrophe mitten im Krieg

Die Firma Otto & Joh. Honegger 1919–1988
Der Verband der Textilindustriellen von Wald: Ein eingeschworener Club der Fabrikanten
Ein Generationenwechsel bei den Honegger: Die jungen Nachfahren übernehmen den Betrieb
Der Bleichestreik von 1931/32: Einer der längsten Streiks in der Schweizer Textilindustrie
Der Streik wird gebrochen: Ein Gutachten der ETH gibt den Unternehmerns recht
Der Kriegsausbruch, ein verheerendes Hochwasse und die Umstellung auf Kunstseide
Die Boomjahre der Nachkriegszeit und die vierte Generation der Honegger
Ein Leben in der Firma: Italienische Arbeiter ersetzen langsam die Schweizer
Die Gründung der Aktiengesellschaft und die Restrukturierung nach 1974: Der Versuch, die Walder Textilindustrie zukunftsfähig zu machen
Die OJH schliesst ihre Tore: Der globale Strukturwandel in der Textilindustrie und die Einstellung der Betriebe in Wald

Die Umnutzung nach der Schliessung 1988–2010
Das Bleicheareal als Pionierprojekt in Zürcher Oberland
Sonderbauvorschriften und die Umnutzung der Bleiche: Die Einstellung der Textilproduktion erfordert ein radikales Umdenken
Die «Bleichibeiz» und erste Lofts: Das neue Zentrum des Bleichequartiers nimmt Gestalt an
Designhotel und «BleicheBad»: Genuss und Entspannung im Fabrikbach
Überbauungspläne «Claridapark» und Bleiche: Ein neuer Ortskern im ehemaligen Industriegebiet

Pressestimmen
«Das Stück Industriegeschichte ist aber nur ein Teil des Buches. Nicht minder spannend – der Einblick in die Archive hat sich da gelohnt – ist die Familiengeschichte.» Karl Hotz, Schaffhauser Nachrichten

«‹Die Bleiche der Zeit› veranschaulicht die Hochs und Tiefs, welche die Geschichte der Textilindustrie prägten. Ausserdem erzählt der Autor eine Familiengeschichte, die an eine Tellerwäscherkarriere erinnert. […] Toby Matthiesens Werk ist nicht nur eine Firmen- und Familiengeschichte: Ausführlich schildert er auch soziale Aspekte und den Alltag der Fabrikarbeiter.» Nicole Zurbuchen, Tages-Anzeiger

«Ein grosser Gewinn des Buches besteht darin, dass dem Autor, selbst ein Abkömmling der Industriellendynastie Honegger, die Firmen- und Familienarchive zugänglich waren. So lässt er die Leser anhand von Liebesbriefen mitverfolgen, wie damals im Milieu der Fabrikanten eine Ehe angebahnt wurde. Matthiesen fördert aber ebenso zahlreiche Zeugnisse über das Leben der Arbeiterschaft zutage, etwa während des Bleichestreiks im Herbst 1931.» Stefan Hotz, Neue Zürcher Zeitung

«Der Autor nimmt verschiedene Perspektiven ein: diejenige des Patrons und Firmengründers Johannes Honegger, der sich dank Erfindungsreichtum und Risikofreude aus einfach Verhältnissen emporarbeitet, oder diejenige des einfachen Walder Arbeiters des 19. Jahrhunderts, der unter schwierigen Bedingungen lebt. […] So ist ein Buch entstanden, das die Firma in ihrem sozialen Umfeld zeigt und deshalb über die Firma hinaus interessant ist.» Michael von Ledebur, Zürcher Oberländer