Bertolt Brecht und die Schweiz
Theatrum Helveticum, Band 10
Gebunden
2003. 600 Seiten, 200 Abbildungen s/w.
ISBN 978-3-0340-0564-7
CHF 68.00 / EUR 62.00 
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  • Einblick
  • In den Medien
  • Buchreihe
Werner Wüthrich, Schriftsteller und Theaterautor, gibt in seiner umfangreichen Monographie einen Überblick über zahllose Bezüge Brechts und seines Werkes zur Schweiz. Er berichtet von neuen Funden und Entdeckungen, die fraglos in die Theatergeschichte des 20. Jahrhunderts eingehen werden. Wo es keinen Widerspruch gibt, herrscht etwas anderes vor, Langeweile, jedoch nicht in diesem Buch. Denn Brecht heisst Auseinandersetzung, Provokation, Einspruch und Widerspruch. Wo immer der Stückeschreiber aus Deutschland hinkam, war er unbequem und hat polarisiert.
Das Verhältnis Brechts zum Exilland Schweiz erinnert an den sprichwörtlichen Elefanten im Porzellanladen. Die offizielle Schweiz fürchtete sich vor dem unbequemen Mann, was hier zum ersten Mal genauer erforscht und dokumentiert wird. Diese neueste Brecht-Untersuchung zeigt einige handfeste Theaterskandale auf, aber auch den weiten Weg vom Skandalautor und Ärgernis zum modernen Klassiker. Trotz polizeilicher Überwachung mit Berichten an den Bundesrat, trotz mehrerer Boykotte und trotz mehrerer Skandale kann kein anderes Land so viele und so wichtige Brecht-Uraufführungen verzeichnen. Brecht und die Schweiz - das ist eine der spannendsten Etappen der neueren Theatergeschichte, mit vielen Missverständnissen und überraschenden Wendungen. Eines scheint unbestreitbar: Bertolt Brecht bescherte der Schweiz, ihren Theatern, ihren Verlagen und ihren Kulturen wesentliche Impulse und Höhepunkte.
Werner Wüthrich, geboren 1947, studierte Theaterwissen­schaften, Germanistik und Philosophie in Wien. Seit 1972 ist er freiberuflicher Theaterautor und Schriftsteller und zählt heute zu den renommierten Exilliteratur- und Brecht-Forschern. Im Chronos Verlag erschien 2003 die Monografie «Bertolt Brecht und die Schweiz».

Bücher im Chronos Verlag

Inhalt
Brecht in der Schweiz
Bertolt Brechts Stationen in der Schweiz: Basel. Zürich und Carona. Zürich und Feldmeilen. Chur. Basel. Die stillen Tage von Feldmeilen

Funde und neue Erkenntnisse
Schweizer Stoffe und andere Anregungen: Die Basler Fastnacht - eine Utopie Brechts 1949 als Realität.
Als kommunistischer Agent im Visier des Staatsschutzes: Die Akte Nr. E 4320 (B) 1978/121 Bd. 25, Dossier C.8.2878.
«Mein Verlag in der Schweiz»: Brecht und der Bühnenverlag Kurt-Reiss A.G. Basel
Brecht und die Schweizer Buchhändler, Verleger und Presse.
Brecht, ein Autor gegen das Bürgertum und sein Stadttheater: Brecht auf den Brettern einer anderen Kultur (I);
Arbeiterkultur, Proletkult, Volksbühnen, Underground, Kellerkultur.
Brecht und der Schweizerfilm: Geld aus Zürich rettet «Kuhle Wampe».
Brecht auf Mittelwelle Radio Beromünster: Nach Ursendung «Das Verhör des Lukullus»; Jeremias Gotthelf statt Bert Brecht.
Boykott und Courage: Brecht, das Schauspielhaus Zürich und andere Berufstheater.
Brecht und die Suisse Romande: Brecht auf den Brettern einer anderen Kultur (II);
Théâtre Prolétarien, Théâtre Populaire und das neue Volkstheater.

Chronologie der Brecht-Rezeption 1923–1998

Unbekannte Dokumente, Interviews, Erinnerungen an Brecht
Chronik
Verzeichnis der Erstpublikationen, der Aufführungen (Theatrographie, Videographie, Radiographie)

Pressestimmen
«Werner Wüthrichs Studie ist eine schier unerschöpfliche Fundgrube neuer Erkenntnisse, gut erzählter Geschichten und wunderbarer Fotos über Brecht und die Schweiz.» Felix Schneider in der NZZ am Sonntag
Besprechungen
B. B. und kein Ende Neue Funde aus Brechts Schweizer Zeit Fast ging's ihm wie dem Hans im Kinderreim: Was er suchte, fand er nicht, und was er fand, hatte er nicht gesucht - der Schriftsteller und Brecht-Forscher Werner Wüthrich. Erst wollte er nur seine Wiener Dissertation in erweiterter Form neu vorlegen, schliesslich ist daraus eine breit angelegte Darstellung von Brechts Aufenthalten in Basel, Zürich, Chur, Carona und seiner Schweizer Zeit, 1947 bis 1949, entstanden. Den entscheidenden Impuls lieferte die Entdeckung im Nachlass von Brechts Gastfamilie, dem Romanistenpaar Reni und Hanswalter Mertens-Bertozzi in Feldmeilen. Hier fanden sich Schachteln mit Originaldokumenten, Büchern, Typoskripten, Korrespondenzen und Bühnenmanuskripten, ebenso die Koloman-Wallisch-Kantate, mehrere Skizzen und zwölf unbekannte Keuner-Geschichten. Da indessen die Stiftung Archiv der Akademie der Künste in Berlin in Ankaufsverhandlungen für das Bertolt-Brecht-Archiv steht und Rechtsfragen abzuklären sind, können zu den Inhalten der Textkonvolute noch keine Einzelheiten bekannt gegeben werden. Ferner barg der Nachlass des befreundeten Ignaz Gold siebzig Fotos der «Puntila»-Uraufführung, die eine andere Sicht auf diese Inszenierung einleiten. Auf jeden Fall zeigte sich Erdmut Wizisla, der Leiter des Bertolt-Brecht- Archivs, donnerstags an der Medienkonferenz im Kornhaus Bern über den neuen Stand der Forschung begeistert. Wüthrichs Publikation erweitert die Quellensituation erheblich, hat doch der Autor neue Zeitzeugen befragen und wichtige Indizien sichern können. So stellt sich etwa ein erstaunlicher Zusammenhang zwischen Brechts und Jakob Bührers Galilei-Figur her. Aufschlussreich ist ferner die Tatsache, dass Brecht entgegen der bisherigen Annahme in der Schweiz bleiben wollte, den Plan einer Wanderbühne hegte und später von einem Haus am Genfersee sprach. Doch der verfemte Dichter sollte aufgrund eines internen Geheimberichts, welcher der Schweizerischen Bundesanwaltschaft seit 1939 vorlag und Brecht als «Stalin-Agenten» bezeichnete, unmittelbar vor der Zürcher «Puntila»-Uraufführung, am 5. Juni 1948, ausgewiesen werden, was der sozialistische Politiker Hans Oprecht im letzten Moment verhindert hat. Beatrice Eichmann-Leutenegger Werner Wüthrich: Bertolt Brecht und die Schweiz (Band 1). Unter Mitarbeit von Stefan Hulfeld. Theatrum Helveticum 10, hrsg. von Andreas Kotte. Institut für Theaterwissenschaft der Universität Bern. Chronos-Verlag, Zürich 2003, 600 S. - Im März 2004 wird im Museum Strauhof, Zürich, eine Ausstellung zum Thema «Bertolt Brecht und die Schweiz» eröffnet. Abgedruckt mit freundlicher Genehmigung der NZZ Neue Zürcher Zeitung FEUILLETON Samstag, 04.10.2003 Nr.230 46 (c) 1993-2003 Neue Zürcher Zeitung AG Blatt 1

Neue Blicke auf Brechts Zürcher Aufenthalt Erstaunliche Funde im Strauhof Zürich ausgestellt Die Ausstellung «Bertolt Brecht und die Schweiz» im Zürcher Strauhof wirft ein neues Licht auf den Zürcher Aufenthalt des Schriftstellers zwischen 1947 und 1949. Ausgangspunkt ist ein umfangreiches Konvolut mit unbekannten Dokumenten, Briefen und Manuskripten, auf das der Brecht-Forscher Werner Wüthrich vor zwei Jahren stiess. Offenbar wollte sich Brecht eine Zeitlang in der Schweiz niederlassen. Für Werner Wüthrich ist es immer noch ein Rätsel, warum alles so lange unter Verschluss blieb. Als Bertolt Brecht im Mai 1949 nach einem negativen Bescheid der Behörden aus der Schweiz abreiste, hinterliess er im Arbeitsraum seiner Exil- Wohnung beim Ehepaar Mertens-Bertozzi in Feldmeilen eine Reihe von Dokumenten, Briefen, Manuskripten und Büchern. Brechts ehemalige Gastgeberin und Mitarbeiterin Reni Mertens-Bertozzi inventarisierte 1979 beim Räumen der Wohnung dieses Depot und bewahrte es als «Schätzkästli von Brecht» in Zürich auf. Erst am 9. Januar 2002, bei einem Besuch bei Marina Mertens in der Nähe von Zürich, stiess der Brecht-Forscher Wüthrich auf dieses Depot und entdeckte in der Folge weitere unbekannte Dokumente, die Brechts Zürcher Aufenthalt in den Jahren 1947 bis 1949 in ein anderes Licht rücken. Für Literaturliebhaber, Brecht-Verehrer, sonstige Philologen und Neugierige ist die Ausstellung «Bertolt Brecht und die Schweiz», die bis Ende Mai im Zürcher Strauhof zu sehen ist, in der Tat «aussergewöhnlich» - nicht nur, weil Wüthrich die neuen Erkenntnisse mit viel Wissen und Begeisterung umgesetzt hat. Wüthrich hat unter anderem nachgewiesen, dass die Schweiz für Brecht nicht nur eine Zwischenstation im Exil bedeutete, obgleich er 1933 nach einem ersten Aufenthalt im Tessin festgehalten hatte: «Die Schweiz ist teuer, hat keine Städte und ist eine Theaterdekoration (aber ohne Bühnenarbeiter).» Während seines zweiten Aufenthalts zwischen November 1947 und Mai 1949 war es Brechts fester Wille, in der Schweiz zu bleiben. Doch der politische, in den Augen der westlichen Geheimdienste gefährliche Autor, der angeblich Agent des Kommunismus war, durchlebte in der Schweiz schwierige Jahre, wie die ausgestellten Polizeiprotokolle belegen. Nach verschiedenen Denunziationen wurde Brechts Wohnung von der Kantonspolizei abgehört. Die politische Kontroverse um Brecht und seine Inhalte kommt in den Diskussionen um die Uraufführung von «Herr Puntila und sein Knecht Matti» im Zürcher Schauspielhaus exemplarisch zum Ausdruck. Kurz nach der Premiere am 5. Juni 1948 kam das Gerücht auf, das stark umstrittene Volksstück werde wegen «kommunistischer Tendenzen» in Zürich verboten. Daraufhin beschloss Brecht, der mit der Ausweisung rechnete, seine Inszenierung heimlich filmen und fotografieren zu lassen. Diese Aufnahmen, die erstmals öffentlich gezeigt werden, sind einer der Höhepunkte in der Ausstellung. - Die in sieben Bereiche gegliederte Ausstellung zeigt im Erdgeschoss den öffentlichen und im ersten Stock den privaten Brecht. Auftakt bildet ein Faksimile des 120 Positionen umfassenden Konvoluts (darunter 15 neue Keuner-Geschichten, die in einer Spezialausstellung im Herbst in Berlin präsentiert werden, und 500 Briefe). Nach einer biografischen Einführung, die durch aussagekräftige Zitate, Bilder, Zeitungsartikel und Erstausgaben bereichert wird, folgt eine Auseinandersetzung mit der Theaterarbeit auf Zürichs Bühnen. Brecht hatte sowohl fürs Schauspielhaus als auch fürs Volkshaus-Theater gearbeitet. In der oberen Etage trifft man auf Brechts Schreibtisch in Feldmeilen, der das «Warten» im Exil mit Diskutieren, Recherchieren, Besuche-Empfangen, Stoffesammeln und Schreiben überbrückte. Einige der Aufsätze, Gedichte und Briefwechsel werden gezeigt, so auch die Entwürfe für eine Kantate, die Brecht mit Eisler zum 15. Jahrestag der Erhängung des österreichischen Revolutionärs Koloman Wallisch aufführen wollte. Die Ausstellung befasst sich schliesslich mit der Uraufführung der «Antigone des Sophokles» in Chur (1948), dem «Verhör des Lukullus», einem Hörspiel von 1940 für Radio Beromünster und dem schweizerischen Freundeskreis von Brecht. Wüthrich hat mit seiner Ausstellung gleich mehrere Fliegen auf einen Schlag erwischt: Erstens gelangen aufgrund des Konvoluten-Funds fast täglich neue Dokumente und Erkenntnisse ans Tageslicht, so dass die Brecht-Forschung zusätzlich angetrieben wird. Zweitens vermag die Ausstellung ihr Versprechen einzulösen: Die Beziehungen zwischen Brecht und der Schweiz sind weitaus vielfältiger und spannender, als bisher angenommen wurde. Und drittens regt die Ausstellung zum Wiederentdecken Brechts an. Pascal Ihle Zürich, Strauhof bis 31. Mai. - Werner Wüthrich: Bertolt Brecht und die Schweiz. Chronos-Verlag, 2003. 600 S., Fr. 68.-. Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der NZZ Neue Zürcher Zeitung ZÜRCHER KULTUR Dienstag, 16.03.2004 Nr.63 50 (c) 1993-2004 Neue Zürcher Zeitung AG Blatt 3

Diese Buchreihe fördert die Publikation von Texten zur Grundlagenforschung in der Theaterwissenschaft. In Aufsatzbänden bleibt bei einer Vielfalt der Gegenstände auch eine methodische Variationsbreite gewahrt. Sie bereiten als Sondierungen das Terrain für Monografien vor, für historische Längsschnitte, in denen eine Theaterform über einen längeren Zeitraum untersucht, und für historische Querschnitte, in denen das Nebeneinander, die Wechselwirkungen verschiedener Theaterformen in einem relativ kurzen Zeitraum erforscht werden