Theaterkritik in der deutschsprachigen Schweiz
Materialien des Instituts für Theaterwissenschaft Bern (ITW), Band 6
Broschur
1998. 374 Seiten
ISBN 978-3-905312-96-6
CHF 38.00 / EUR 34.00 
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Forschungen zur Geschichte der Theaterkritik sind Mangelware. Das trifft insbesondere auf die Schweiz zu. Die Gründe dafür sind mannigfach; sie liegen unter anderem in der Provinzialität eines grossen Teils des Schweizer Theaterlebens wie in einer zurückhaltenden journalistischen Kultur, die der Entfaltung stilistischer und argumentativer Brillanz nicht eben förderlich war und ist.
Als Quellen der Theatergeschichtsschreibung sind Theaterkritiken von grosser Bedeutung; oft sind sie die einzigen Zeugnisse längst vergessener Aufführungen. Zugleich ist die Theaterkritik als Subsystem der Presse dem medienwissenschaftlichen Blick zugänglich. Beide Aspekte wurden in der vorliegenden Untersuchung verschränkt. Zwei repräsentative Deutschschweizer Tageszeitungen, der Zürcher «Tages-Anzeiger» und der Berner «Bund», wurden für die Jahre 1948/49, 1970/71 und 1992/93 jeweils von September bis Juni auf ihre theaterkritischen Veröffentlichungen hin durchgesehen. Die Streuung der Stichproben über einen Zeitraum von 45 Jahren erlaubt es, die Entwicklung der Theaterkritik in der Deutschschweiz mittels quantitativer Faktoren zu beschreiben. Eine möglichst vollständige Erfassung der Pressereaktionen auf drei Basler Uraufführungen weitet den Blick aus auf die gesamte Schweizer Presse und ihre Mechanismen.

studierte Theaterwissenschaft an der Universität Bern und arbeitete danach viele Jahre als Theaterkritiker und Kulturjournalist. Heute ist er als Lektor, Korrektor und Autor sowie als Theaterexperte in der Kulturförderungskommission des Kantons Zürich tätig.


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Besprechungen

Theaterkritik in der Schweiz

Studie von Tobias Hoffmann-Allenspach

Mz. In seiner Untersuchung «Theaterkritik in der deutschsprachigen Schweiz
seit 1945» benützt Tobias Hoffmann-Allenspach Theaterkritiken (verstanden
als Berichterstattung über Schauspiel, Oper und Ballett) nicht als
Informationsquelle zu Aufführungen, sondern er macht die Theaterkritik als
solche zum Gegenstand. Es geht dabei um Fragen wie: In welcher Art und in
welchem Umfang wurde in den letzten fünfzig Jahren in der Deutschschweiz
über die Theaterarbeit Bericht erstattet? Haben sich in diesem Zeitraum
quantitativ messbare Veränderungen ergeben? Gibt die Placierung (Feuilleton,
Lokalteil, Kulturseite) Auskunft über die Wertschätzung des Theaters durch
die Redaktionen?
Um die unübersehbar vielfältige Materialfülle auch nur einigermassen in den
Griff zu bekommen, musste sich Hoffmann-Allenspach streng beschränken. Er
untersucht die Kritiken, die in den Spielzeiten 1948/49, 70/71 und 92/93 im
Zürcher «Tages-Anzeiger» und im Berner «Bund» erschienen sind, sowie die
allgemeine deutschschweizerische Berichterstattung über drei markante Basler
Aufführungen aus diesem Zeitraum. Auf rund dreihundert Seiten wird
akribisch genau der Umfang der einzelnen Kritiken festgehalten, wird
ermittelt, wer geschrieben hat, wird der Anteil ausgerechnet, den die
Berichterstattung über lokale, regionale und ausländische Aufführungen im
Gesamtvolumen der kritischen Beiträge einnimmt, sowie der Anteil an
«Kritik- Raum» für die «grossen Bühnen» (Schauspielhaus, Oper,
Stadttheater) und für die freien Produktionen. Eindrücklich wird durch
diese rein quantitativ feststellende Studie sichtbar, wie komplex diese
Materie ist, wie facettenreich - und wie sie sich eigentlich in solchen
Rastern kaum einfangen lässt. Die Ausweitung des Aufführungsangebotes in
diesem Zeitraum spiegelt sich im markanten Zuwachs an unterschiedlichsten
Produktionen ausserhalb der «Staatstheater».
Diese minuziöse Aufarbeitung stellt im Bereich der beiden untersuchten
Zeitungen eine «quantitativ ausgerichtete theaterhistorische Studie» dar.
Um die Geltung dieser Befunde auf die «Theaterkritik in der
deutschsprachigen Schweiz seit 1945» auszuweiten, fehlt aber eine
wissenschaftliche Fundierung, wie sie den Einzeluntersuchungen zugrunde
liegt.

Tobias Hoffmann-Allenspach: Theaterkritik in der deutschsprachigen Schweiz
seit 1945. Herausgegeben von Andreas Kotte in Zusammenarbeit mit der
Schweizerischen Gesellschaft für Theaterkultur (SGTK) und dem Institut für
Theaterwissenschaft der Universität Bern (ITW) als «Materialien des ITW
Bern 6» und als «Schweizer Theater-Jahrbuch 59/1998». Chronos-Verlag,
Zürich 1998. 347 S., Fr. 38.-.

Abgedruckt mit freundlicher Genehmigung der NZZ.
Neue Zürcher Zeitung FEUILLETON 10.12.1998 Nr. 287 48

Das ITW Bern begreift sich als Partner der in der Fédération internationale de la recherche théâtrale und in der Gesellschaft für Theaterwissenschaft e. V. vereinigten theaterwissenschaftlichen Institute. Folgerichtig werden in der Reihe auch Ergebnisse aus Lehre und Forschung auch anderer Institute präsentiert: Textsammlungen zum Studium der Theaterwissenschaft, Kongressmaterialien, Lizentiatsarbeiten zur Fachgeschichte, zur Theaterpraxis oder zur Methodendiskussion. Ebenso ist an Erstausgaben von Stücken oder an wichtige Übersetzungen gedacht, die Eingang in den theaterwissenschaftlichen Diskurs finden sollen.