Historische Statistik der Schweiz – Statistique historique de la Suisse – Historical Statistics of Switzerland
Gebunden
1996. 1221 Seiten
ISBN 978-3-905311-30-3
CHF 198.00 / EUR 117.00 
Vergriffen
  • Kurztext
  • Autor/in
  • Einblick
  • In den Medien

«Es begab sich einst, dass ein noch sehr junger und kaum belesener Mann zum Kaiser von China gekrönt wurde. Seiner Bildungslücken schmerzhaft bewusst, versammelte er bereits unmittelbar nach der Thronbesteigung die Historiker des Hofes um sich und erteilte ihnen den Auftrag, ein grosses Geschichtsbuch über das Reich zu verfassen, dessen Herrschaft ihm anvertraut worden war. Nach einigen Jahren wurde ihm ein mehrbändiges Werk überreicht, das er sich sofort zu lesen anschickte. Infolge dringender Staatsgeschäfte musste er die Lektüre jedoch schon nach wenigen Minuten unterbrechen und konnte sie in der Folge nicht mehr aufnehmen. Da wandte er sich erneut an die Hofhistoriker und trug ihnen auf, ihre Erkenntnisse und Schlussfolgerungen in einem schmalen Bändchen zusammenzufassen. Die gelehrten Männer beeilten sich, dem Willen des Herrschers zu entsprechen; da sie sich aber nicht darüber einig zu werden vermochten, wo sie mit den Streichungen ansetzen sollten, vergingen Jahrzehnte, bis der Kaiser die Kurzfassung des Monumentalwerks endlich in Händen hielt. Alt, krank und schwach geworden, bereitete ihm das Lesen jetzt keinen Genuss mehr. So rief er zum dritten Mal seine Hofhistoriker zu sich und bat sie, ihm den Inhalt des Buches in einem einzigen Satz mitzuteilen. Und er erhielt zur Antwort: Sie wurden geboren, litten und starben.» (Aus dem Vorwort)

Das interessierte Publikum und auch die Fachwelt können zu Recht die Erwartung hegen, dass ein mit «Historische Statistik» überschriebener Zahlenband mehr bieten sollte als den statistischen Nachweis, dass Menschen geboren werden, leiden und sterben. Die Autoren haben es als ihre Aufgabe angesehen, diese Mehrleistung zu erbringen, wobei sie sich stets auch der Gefahr bewusst waren, dass ein allzu weit getriebener Perfektionismus die Herausgabe des Buches ad infinitum verzögert hätte. Unter diesen Umständen ist schliesslich ein Produkt entstanden, das für sich in Anspruch nehmen darf, eine Vielzahl von Entwicklungen und Zäsuren in der jüngeren Geschichte dieses Landes abzubilden und im einen oder anderen Fall vielleicht gar einer Deutung zugänglich zu machen. Vorgelegt wird eine einmalige Datenfülle, ein Werk, das Jahrzehnte lang Standards setzen wird. Sämtliche Kommentare und Tabellen sind zweisprachig (Deutsch und Französisch), alle Kommentare zudem auf Englisch.

Inhalt

Einleitung (Prof. Hj. Siegenthaler)
Areale, Witterungsverhältnisse und Umweltbelastung
Bevölkerungsstand
Ehe, Geburt und Tod
Krankheiten und Todesursachen
Wanderungen und Einbürgerungen
Beschäftigung
Löhne
Preise
Land- und Forstwirtschaft
Energiewirtschaft
Industrie und Gewerbe
Aussenhandel
Gastgewerbe
Verkehr und Nachrichtenübermittlung
Geld und Kredit
Privat- und Sozialversicherung
Nationale Buchhaltung
Investitionen, Bautätigkeit und Grundstückmarkt
Private Unternehmungen
Private Haushalte
Öffentliche Finanzen
Soziale Statistik
Rechtswesen
Politische Statistik
Kultur und Medien
Bildung und Wissenschaft


Pressestimmen

«Das informativste Buch seit der Erfindung der Bibel.»
Cash


«Ein im vollsten Sinn des Wortes gewichtiges Werk: rund fünf Kilo schwer und unentbehrlich für Historiker, Publizisten, Schulen oder Bibliotheken. Das Buch ist ein hierzulande ebenso neuartiges wie umfassendes Grundlagenwerk.»
Neue Luzerner Zeitung


«Statistische Daten sind stumme Zeugen, die direkt weder Erklärungen liefern noch Zusammenhänge erläutern. […] Dazu gehören auch allerlei makaber und skurril anmutende Datenreihen, wie etwa jene über Selbstmord, Unfälle und Mord. […] Bei diesem Werk handelt es sich um nichts weniger als einen grossen Wurf.»
Die Weltwoche


«Ein umfassendes Werk, das nicht so leicht veraltet und auch für Handels- und Geographielehrer und -lehrerinnen nützlich ist. Es gehört darum in die Bibliothek jeder Mittelschule.»
Basler Schulblatt

Besprechungen

Schweizer Geschichte in Zahlen

Monumentale historische Statistik

Die papierene Datenbank, die in dem unvermeidlicherweise alles andere als
handlichen Handbuch «Historische Statistik der Schweiz» versammelt worden
ist, hat eine doppelte Funktion: Einerseits soll sie vorliegende
Information bezifferbarer Art leichter und schneller zugänglich machen;
andererseits soll sie aber auch Anregung zur Auseinandersetzung mit
Quantifizierungsversuchen und mit der Frage der Quantifizierbarkeit
überhaupt sein. In beidem ist sie vielleicht eine Spätfrucht des Aufbruchs
der amerikanischen «Kliometrik» und der französischen Annales- Schule vor
bald drei Jahrzehnten.

Ein messendes Land

Die Dienstleistungsfunktion der Datenvermittlung wird erbracht einerseits
durch den kritischen Zusammenzug bereits bestehender Statistiken (zum
Beispiel aus den Jahrbüchern und aus der Zeitschrift für schweizerische
Statistik) und andererseits durch die Gewinnung neuer Daten aus
Primärquellen (zum Beispiel zur Frage der Branchenwertschöpfung). Zur
Problematik des Quantifizierens bemerkt Hansjörg Siegenthaler in der
Einleitung, der Enthusiasmus der ersten Stunden sei verflogen, an seine
Stelle sei ein kritischerer und subtilerer Umgang mit den Problemen
getreten. Quantifizierungen seien keine Ausweise besonderer Verlässlichkeit
und in einigen Fällen nicht mehr als hypothetische Konstrukte; Versuche,
den Datenbeständen Antworten zu entlocken, die sonst offenbleiben müssten.
Der gängigen Meinung, dass die Statistik in der Schweiz rückständig sei und
wegen schlechter Voraussetzungen hinter anderen Statistiken zurückbleiben
werde, wird entschieden widersprochen. Die lange Zeit geringe
Bürokratisierung habe zwar zu Lücken und Schwächen in der amtlichen
Statistik geführt. Die Arbeiten für diesen Band hätten aber insbesondere
bezüglich der Primärquellen einen eigentlichen embarras de richesses
gezeigt. Die Schweiz sei wie andere moderne Gesellschaften seit langem auf
Zahlen und Zählungen aller Art eingeschworen und in ihren Entscheidungen an
Quantifizierungen orientiert gewesen.

Von A bis Z

Erfasst werden die Vorgänge etwa seit 1800; die Zeiten davor werden
weitgehend ausgeklammert. Die ein ganzes Alphabet in Anspruch nehmende
Einteilung der Materie in 26 Bereiche folgt, wenn man von den neuerdings
eher beachteten Umweltfragen absieht, den traditionellen Kategorien und
gibt neben den demographischen den wirtschaftlichen Aspekten breitesten
Raum. Die Angaben zum Kapitel Verkehr und Nachrichtenübermittlung
beschränken sich leider auf den Aspekt des Mengenwachstums und geben keine
Auskunft über die in diesem Fall wichtigen Destinationskategorien. Die im
22. Kapitel zusammengefasste Sozialstatistik enthält aufschlussreiche
Zahlenreihen zur Flüchtlingspolitik (beispielsweise über Beruf und kantonale
Niederlassung der Ungarnflüchtlinge aus dem Jahr 1957), zur Auslandhife
seit 1945 (beispielsweise über die Schweizer Spende für das europäische
Ausland in den Jahren 1945 bis 1948 nach Beträgen, Güterkategorien und
Destinationen) und zu den Arbeitskämpfen (deren mittlere Phase von 1906 bis
1930 als die mit Abstand konfliktreichste erscheint). Im 24. Kapitel, in der
Politischen Statistik, findet man neben den Angaben zu den Wahlen und
Abstimmungen auch Tabellen zu den Bundesräten, zu den diversen Stufen der
Einführung des Frauenstimmrechts, zu den Altersklassen und Bildungsniveaus
der Mitglieder der Bundesversammlung. Das 25. Kapitel erfasst und
vermittelt unter dem Titel «Kultur und Medien» Daten zum Bibliothekswesen,
Buchhandel und Pressewesen, zu Kino, Theater und Konzerten, zu
Ausstellungen, zoologischen Gärten und - zuletzt - zur Radio-Hitparade der
Jahre 1968 bis 1990. Das letzte, 26. Kapitel ist dem Bildungswesen aller
Stufen gewidmet.
Jeder Bereich wird eingeleitet durch spezifische Quellen- und
Literaturverzeichnisse sowie mit dreisprachigen Kommentaren zum eigentlichen
Tabellenteil (wobei die dritte Sprache Englisch ist). In der Einleitung
vermisst man die in den anderen Teilen vermittelten Literaturangaben, die
über die Publikationen zur Geschichte der schweizerischen Statistik Auskunft
gäben. Mit einem Hinweis auf die Themennummer der Schweizerischen
Zeitschrift für Geschichte 45, 1995/1) sei dieser Mangel etwas ausgeglichen.

Staatlicher Raster

Die Statistiken beziehen sich zum grössten Teil auf die Ebene des Bundes. Da
und dort werden auch die Kategorien «Kanton» und «Stadt» berücksichtigt.
Auf die regionale Kategorie konnte man nicht eintreten, weil die Zahlen den
politischen und nicht den sozioökonomischen Raumeinheiten entsprechen.
Besonders präsent ist die Stadt Zürich. Die privilegierte Berücksichtigung
des Flughafens Kloten dürfte materiell gerechtfertigt sein. Hingegen könnte
befremden, dass im Bereich der Theater, Konzerte und Ausstellungen nur den
stadtzürcherischen Aktivitäten statistische Existenz zugebilligt wird. Im
Falle der Zoologischen Gärten erscheint immerhin auch die baslerische
Einrichtung. Die Vorzugsstellung der Limmatmetropole wird u. a. mit der
besonders guten Quellenlage und Forschungssituation einleuchtend
gerechtfertigt. Sie ist zugleich ein Beleg für den bekannten sich selber
verstärkenden Kumulations- und Konzentrationseffekt.
Zur Konzentration auf den nationalen Rahmen: Siegenthaler verweist,
ebenfalls nachvollziehbar, auf die Tatsache, dass sich ein Grossteil der
international vergleichenden Geschichtsschreibung auf den Nationalstaat als
massgebliche statistische Einheit bezieht und dass weiterhin die wichtigsten
Entscheidungen über die institutionellen Bedingungen allen individuellen
Handelns weiterhin innerhalb der Grenzen des Nationalstaates fallen. - Im
übrigen versteht sich von selbst, dass man diesem wertvollen Werk eine
grosse Verbreitung, einen festen Platz in der Gesellschaft sowie
regelmässig neue Auflagen und - dem Wunsch auch der Herausgeber entsprechend
- eine weitere Perfektionierung wünscht.

Georg Kreis

Historische Statistik der Schweiz. Unter der Leitung von Hansjörg
Siegenthaler, hrsg. von Heiner Ritzmann-Blickenstorfer. Chronos-Verlag,
Zürich 1996. 1221 S. Fr. 198.-.

Abgedruckt mit freundlicher Genehmigung der NZZ.
Neue Zürcher Zeitung INLAND 21.06.1997 Nr. 141 17


Lang erwartet, liegen sie nun seit Anfang 1997 vor: annähernd fünf Kilogramm Buch, Resultat eines langjährig-engagierten Projekts, die weit verstreuten, indes sehr viel reichhaltiger als ursprünglich vermutet existierenden statistischen Quellen zur Entwicklung der Schweiz besser zugänglich zu machen. Das Unternehmen ist geglückt, das Buch hat längst seinen hohen Gebrauchswert für die historische Forschung wie für die tagespolitische Auseinandersetzung bewiesen - die AutorInnen von Dissertationen machen ebenso Gebrauch davon wie Christoph Blocher in seinen historischen Belehrungen.
Demographische Daten in reicher Vielfalt, Wirtschaftsdaten zu Preisen und Löhnen, Landwirtschaft und Industrie, Beschäftigung und Aussenhandel, Geld und Kredit, Daten zur nationalen Buchhaltung, zur konjunkturell so aufschlussreichen Bautätigkeit, aber auch Daten aus Rechtswesen, Kultur, Politik und Bildung: als interessierter Leser schwelgt man in einer Fülle von Informationen, die zwar nicht unzugänglich, aber bisher nur mit beträchtlichem Aufwand zu beschaffen waren. Breit dokumentiert sind das 19. und 20. Jahrhundert, die demographischen Daten reichen zeitlich vereinzelt auch weiter zurück. Dass es trotz dem beeindruckenden Umfang des Buches Lücken gibt, darauf weist Hansjörg Siegenthaler in seinem Vorwort hin, das in dieser Hinsicht um Verständnis ersucht für den Entscheid, das Buch nun herauszubringen, statt noch ewig an seiner Verbesserung zu arbeiten. Eine zweite, wo sich dies aufdrängt in Details korrigierte, vielleicht da und dort ergänzte Auflage wird für die Zukunft angekündigt - Rückmeldungen aus dem Kreis der BenützerInnen sind erbeten.
Auf Fehlendem soll hier in der Tat nicht insistiert werden. Einen Moment des Nachdenkens verdient indes die Grundkonzeption des Buchs. Diese orientiert sich sehr stark an den Parametern des wirtschaftlichen Wachstums, was mit der Entstehungsgeschichte des Werks zusammenhängt, das eng verbunden ist mit der von Hansjörg Siegenthaler inspirierten und unermüdlich durchgehaltenen Arbeit an der Forschungsstelle für schweizerische Sozial- und Wirtschaftsgeschichte in Zürich. Als diese Arbeit in den 70er Jahren begann, mangelte es weitgehend an zuverlässigen Kompilationen derartiger Wachstumsdaten. Die HistorikerInnen hatten sich bis dahin schlicht nicht darum gekümmert. In der Bereitstellung einer Fülle entsprechenden Zahlenmaterials liegt die Leistung dieser «Historischen Statistik». Ihre Grundkategorien sind ökonomisch-statistischer, nicht soziologischer Art. Was die letzteren betrifft, ist eine gewisse Unbeholfenheit der Herausgeber nicht zu übersehen, was ihnen zum Teil selbst aufgefallen zu sein scheint - man konsultiere die einleitenden Bemerkungen zum Abschnitt «Soziale Statistik», der nicht zufällig zu den kürzesten zählt. Die Komposition dieses Abschnitts könnte zum Spott animieren: «sozial» wird es offenbar dort, wo es um die statistischen Spuren der «kleinen Leute» geht, die gelegentlich armengenössig werden, dann unter Umständen auswandern oder sich einer Gewerkschaft anschliessen, um am Ende gar zu streiken. Weshalb finden die Millionäre keinen Platz in der «sozialen Statistik»? Daten zur sozialen Schichtung und zur sozialen Ungleichheit fehlen keineswegs in dem Buch, sind aber aufgrund seiner Voraussetzungen dünn gesät. Über die Einkommens- und Vermögensverteilung erfahren wir nichts. Bisweilen lässt sich im Eigenbau herausdestillieren, was auf den ersten Blick zu fehlen scheint. Das Stichwort «Professionen» sucht man vergebens im übrigens sehr sorgfältig durchgearbeiteten Register; unter «Anwälten» und «Ärzten» wird man hingegen fündig, letztere sind im Abschnitt «Krankheiten und Todesursachen» untergebracht, womit wir beim schwarzen Humor angelangt wären. Kurz gesagt: etwas mehr soziologische Phantasie anstelle des wachstumsorientierten ökonomischen oder des konventionellen statistischen Denkens, das sich schlicht am Aufbau des Statistischen Jahrbuchs der Schweiz orientiert, wäre dem stärker sozialgeschichtlich interessierten Leser entgegengekommen.
Anzumerken bleibt, dass sich diverse kleine Fehler oder Uneinheitlichkeiten im Tabellenteil eingeschlichen haben, wie es bei einem Werk solchen Umfangs unvermeidlich ist. Dies erschwert gelegentlich die Benutzbarkeit, bei einigem Nachdenken, Konsultation der sehr nützlichen einleitenden Texte zu den 26 Kapiteln (mit Literatur- und Quellenhinweisen) beziehungsweise beim Vor- und Zurückblättern lässt sich das Gemeinte indes im allgemeinen gut erschliessen. Um zwei Beispiele zu nennen: die Statistik der Betriebsgrössen figuriert unter dem verwirrlichen Titel «Unternehmenskonzentration» (651). Ob nun «Arbeiter und Angestellte» (646) beide Geschlechter umfassen oder nur die Männer (die Frauen sind weiter unten erkennbar separat aufgeführt) lässt sich erst durch Zurückblättern und Konsultation der vorangehenden Tabelle erkennen: offensichtlich sind beide gemeint. Solche Kritik an Details soll aber keineswegs meinen überaus grossen Respekt vor der imponierenden Leistung überdecken. Das Buch schafft ganz neue Arbeitsgrundlagen, vor allem aber begrenzt es die permanente Zeitverschwendung, die darin begründet lag, dass bisher jede Generation forschender Individuen dazu verurteilt war, sich aufs neue ihren Weg durch den Dschungel historisch relevanter Statistiken zu bahnen. Den gelegentlichen Rückgriff auf die Originalpublikation kann das Buch im übrigen nicht ersetzen; der lohnt sich nach wie vor, ist nun aber durch diesen grundlegenden Wegweiser enorm erleichtert.

Mario König (Basel)
traverse - Zeitschrift für Geschichte - Revue d'histoire 1998 / 02