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Zensur und Pressefreiheit
Kommunikationskontrolle in Zürich an der Wende zum 19. Jahrhundert
Broschur
1995. 400 Seiten
ISBN 978-3-905311-77-8
CHF 58.00 / EUR 34.00 
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Die Untersuchung zur Geschichte der öffentlichen Kommunikation im Kanton Zürich zwischen 1750 und 1850 zeichnet quellennah die oft hindernisreiche Entwicklung nach von der Zensurpraxis des Ancien Régime über die erstmalige Pressefreiheitsgewährung in der Helvetik und die nachfolgende Reaktivierung der Vorzensur bis hin zur definitiven Verankerung der Pressefreiheit in der Zürcher Kantonsverfassung von 1831 und der Bundesverfassung von 1848.
Schwergewichtig befasst sich die Studie mit den praktischen Auswirkungen der jeweiligen Kommunikationsverfassungen. So werden die Konjunkturzyklen des expandierenden Pressewesens, die Praxis der Pressestrafjustiz sowie die vielfältigen Zensurtechniken und Zensurumgehungsstrategien untersucht. Es werden die spektakulärsten Zensuraffären neu aufgerollt und deren Bedeutung für den Strukturwandel von Gesellschaft und Staat beleuchtet. Behandelt wird ferner die Zensurpraxis im Bereich des Theaters, der Sektenprävention sowie der Gesundheits- und Wirtschaftspolizei. Im Sinne eines ebenso weiten wie differenzierten Zensurbegriffes werden schliesslich die funktionalen Äquivalente der Zensur thematisiert, so insbesondere die Pathologisierungskampagnen der alten Eliten gegen die «Aufklärungs- und Lesesucht» der Untertanen.

«Christoph Guggenbühls Doktorarbeit ist eine wertvolle und archivalisch reich unterbaute Fallstudie, die zugleich für andere Fälle steht. Sie zeigt, dass Zürichs Weg zur Pressefreiheit im gesamtschweizerischen oder gar europäischen Vergleich ein Marsch von mittlerer Länge blieb.»
Neue Zürcher Zeitung

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Pressestimmen
«Christoph Guggenbühls Doktorarbeit ist eine wertvolle und archivalisch reich unterbaute Fallstudie, die zugleich für andere Fälle steht. Sie zeigt, dass Zürichs Weg zur Pressefreiheit im gesamtschweizerischen oder gar europäischen Vergleich ein Marsch von mittlerer Länge blieb.» Neue Zürcher Zeitung
Besprechungen
Kommunikationskontrolle in Zürich Der windungsreiche Weg zur Pressefreiheit Nicht nur totalitäre, auch patriarchalisch autoritäre oder demokratisch etikettierte Regime glaubten und glauben, ohne Zensur nicht auskommen zu können. Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts griff mit der fortschreitenden Alphabetisierung und der Herausbildung einer öffentlichen Meinung auch jene Verknüpfung von «Kritik und Krise» (Koselleck) um sich, die sich in einer Vervielfältigung der damaligen Medien artikulierte, welche die Besorgnis der Obrigkeiten mobilisierte. Das geschah zu einer Zeit, da der Absolutismus sich im Zeichen der Aufklärung zu lockern begann. Der Prozess der Liberalisierung verlief freilich nicht geradlinig, sondern unter Rückschlägen - wie es dem Willen wechselnder Obrigkeiten entsprach. In Frankreich zum Beispiel wurde die Pressefreiheit 1789 geradezu exemplarisch verwirklicht, fiel aber schon 1792 der neuerrichteten Republik und ihrer terreur zum Opfer. Die Schweiz und der Kanton Zürich geben gleichsam ein zeitlich verkürztes und konzentriertes Abbild dieser Entwicklung. In einer gewichtigen Monographie, «Zensur und Pressefreiheit», widmet sich Christoph Guggenbühl der «Kommunikationskontrolle in Zürich an der Wende zum 19. Jahrhundert», wobei er einerseits tief ins Ancien Régime zurückgreift, anderseits bis gegen 1848 vorstösst. Die Normen altzürcherischer Zensur waren noch stark theologisch geprägt, die Verantwortlichen der «Censur-Kammer» Inhaber von geistlichen oder politischen Spitzenpositionen, die ihr Amt oft über Jahrzehnte wahrnahmen, was zwangsläufig zu einer Symbiose von Staatskunst und Konfession im Sinne göttlicher Herrschaftslegitimation führte. Die Infragestellung dieses Zustandes kam von aussen wie von innen her, da die Zensur zwar die wenigen Zeitungen und Zeitschriften zur Not noch kontrollieren konnte - mit dem Ergebnis, dass der Leser sich über Weltereignisse weit besser zu informieren vermochte als über das strikt abgeschottete Geschehen im eigenen Lande. Der wachsenden Bücherflut gegenüber erwiesen sich die zumeist älteren Herren jedoch immer mehr als hilflos. Die Umwälzung von 1798 zeigt dann plötzlich jene Dialektik, den Umschlag von der Pressefreiheit zur Hilflosigkeit angesichts der neuen Herausforderungen von populistischem Pluralismus und rasch reagierender Reaktion. Die Repression manifestiert sich in der Nachzensur und rein optisch in Form von Zensurlücken, die ihrerseits «als Projektionsflächen der Leserphantasien» die Opposition mobilisieren. Wenn der Verfasser für das Scheitern der Helvetik «Diffamierungskampagnen» als Teil von Widerstandsaktionen der alten «schreib- und diskursgewandten Eliten» verantwortlich macht, so wird damit - abgesehen von der Tatsache, dass auch die Helvetiker durchaus schreibgewandte Talente aufwiesen (man denke nur an Pestalozzi) - ein Feindbild aufgebaut, das Elemente einer Agententheorie enthält. Entscheidend war letztlich doch die Hypothek der Fremdherrschaft, welche das Experiment von 1798 diskreditierte - zumal das Volk auf äusseren Druck sehr empfindlich reagierte (und bis heute reagiert). Dieser Umstand gereichte auch der gouvernementalen Publizistik zum Schaden. Demgegenüber fiel die Wiederherstellung der Zensur unter der Vermittlungsakte (mit dem entsprechenden Gesetz von 1805) weniger schwer ins Gewicht als etwa die Zehntenfrage mit ihren Ungerechtigkeiten zwischen Stadt und Land. Der Einschnitt von 1814/15 war dann nur noch eine Formsache, wobei allerdings die Zensuren der Mediation und der Restauration sich dadurch von denen des Ancien Régime unterschieden, dass die Institution säkularisiert und damit auch modernisiert wurde. Im weiteren liessen sich die massgebenden Druckereien indirekt durch rotierende staatliche Aufträge bei der Stange halten und zur Loyalität zwingen. Die permanente Rivalität zweier Organe - der konservativen (und bis zur Bundesgründung von 1848 auflagenstärksten) «Freitagszeitung» und der liberalen «Zürcher Zeitung» (ab 1821 NZZ) mit David Bürkli und Paul Usteri als Leitfiguren - trug ohnehin dem Bedürfnis nach einer gewissen Meinungsvielfalt Rechnung. Das Presse- und Fremdenkonklusum von 1823 erschien zu Recht als Tribut an die Mächte der Heiligen Allianz und verstärkte den Druck, leitete ihn aber in den Augen der öffentlichen Meinung zugleich nach aussen ab. Die Schwächung des Metternichschen Systems höhlte denn auch das Konklusum aus und führte bereits 1829 dessen Ende herbei. Dadurch entledigte sich die Eidgenossenschaft der zensorischen Zwangsjacke und bekannte sich noch vor dem Durchbruch der Regeneration grundsätzlich zur Pressefreiheit. Für Zürich, das sich 1829 ein neues Pressegesetz gab, ein entscheidender Schritt, den Paul Usteri mit einer vielbeachteten Rede über die Pressefreiheit vorbereitet hatte. Von nun an galt eine Art Selbstzensur, für die - wie der Verfasser zutreffend feststellt - «eine Kaskadenhaftung von Verfasser, Verleger und Drucker» massgebend wurde, so dass man auch von einer Privatisierung der Kontrolle sprechen kann. Der Weg war gebahnt zur grundgesetzlichen Verankerung der Pressefreiheit in der Kantonsverfassung von 1831 und zum Artikel 45 der Bundesverfassung von 1848 (bzw. Art. 55 derjenigen von 1874), der allerdings durch seine Missbrauchsbestimmung immer noch Pforten offenhielt, die in der Folge in manchen (innerschweizerischen) Kantonen gerne genutzt wurden. Manchen Obrigkeiten fiel es eben schwer, auf naheliegende Instrumente der Meinungsbildung zu verzichten. Christoph Guggenbühls Doktorarbeit ist eine wertvolle und archivalisch reich unterbaute Fallstudie, die zugleich für andere Fälle steht. Sie zeigt, dass Zürichs Weg zur Pressefreiheit im gesamtschweizerischen oder gar europäischen Vergleich ein Marsch von mittlerer Länge blieb. Peter Stadler Christoph Guggenbühl: Zensur und Pressefreiheit. Kommunikationskontrolle in Zürich an der Wende zum 19. Jahrhundert. Chronos-Verlag, Zürich 1996. 452 S., Fr. 65.-. Abgedruckt mit freundlicher Genehmigung der NZZ. Neue Zürcher Zeitung NEUE BÜCHER 05.03.1997 Nr. 53 77