Graubünden steht für Vielfalt auf kleinstem Raum. Von Dorf zu Dorf wechseln die kulturellen Einflüsse, die Idiome, die Konfession und andere Merkmale gewachsener Gruppenzugehörigkeiten. In der Nachkriegszeit waren die Bündner Täler multiplen Prozessen des Wandels ausgesetzt. Das Buch fragt danach, wie unter diesen Bedingungen in der Literatur von 1945 bis 1990 Identität, Zugehörigkeit und Heimat reflektiert, konstruiert oder auch verworfen werden.
Nachgegangen wird der Frage anhand eines breiten Korpus von literarischen Texten verschiedenster Herkunft, verfasst auf Rätoromanisch, Deutsch und Italienisch. Ein grosses Gewicht kommt dabei der Landschaft zu, die als kulturelles und literarisches Produkt Wahrnehmungen des Eigenen und des Fremden massgeblich mitprägt. Beispielhaft hierfür werden der Wald als Sinnbild des Eigenen und die Wasserkraft als Sinnbild des Fremden untersucht – beide eingebunden in eine umfassende Nutzbarmachung natürlicher Ressourcen und eine zunehmende Touristifizierung. Das Buch erschliesst die Bündner Nachkriegsliteratur in ihrer beeindruckenden Vielfalt und Mehrstimmigkeit und leistet so nicht nur einen Beitrag zur regionalen Literatur- und Kulturgeschichte, sondern fokussiert exemplarisch die Intertextualität mehrsprachiger Literaturproduktion in einem definierten Raum.
Die Publikation entstand im Rahmen des von dem Institut für Kulturforschung Graubünden und der Professur für rätoromanische Literatur und Kultur an der UZH geleiteten SNF-Projekts «Ein Erfahrungsraum – Drei Literaturen. Lektüren des Umbruchs in Graubünden nach 1945».