Ab 1945 wird der Kanton Graubünden zum Schauplatz tief greifender sozialer und wirtschaftlicher Veränderungen, die die Strukturen der noch überwiegend agrarisch geprägten Gemeinschaften erschüttern und das kulturelle Selbstverständnis nachhaltig verändern. Die Folgen dieses Umbruchs bilden ein zentrales Thema der Literatur dieser Zeit, insbesondere im Hinblick auf das patriarchale Gesellschaftsmodell und die Rolle der Frau. Das Buch untersucht Identitätskonstruktionen im Kontext sozialer, kultureller und sprachlicher Grenzräume. Im Zentrum steht die Frage, mit welchen literarischen Mitteln und zu welchem Zweck die Texte soziokulturelle Grenzerfahrungen verarbeiten und über Spannungsverhältnisse wie Inklusion und Exklusion, Identität und Alterität sowie Restriktion und Mobilität reflektieren.
Das Korpus basiert auf einem erweiterten Literaturbegriff und umfasst neben literarischen Texten auch Zeitschriften, Tagebücher und Korrespondenzen. Theoretisch verbindet die Studie intersektionale Perspektiven mit Édouard Glissants «Poetik der Relation» sowie mit Ansätzen der Cultural und Postcolonial Studies. Besondere Aufmerksamkeit gilt der Mehrsprachigkeit und ihren Dynamiken innerhalb der Gemeinschaft sowie den literarischen Formen ihrer Darstellung. Darüber hinaus richtet das Buch ein besonderes Augenmerk auf die intellektuellen Biografien der Autorinnen und Autoren, deren Lebens- und Erfahrungsräume die literarischen Auseinandersetzungen mit Grenz- und Identitätsfragen massgeblich prägen.
Die Publikation entstand im Rahmen des von dem Institut für Kulturforschung Graubünden und der Professur für rätoromanische Literatur und Kultur an der UZH geleiteten SNF-Projekts «Ein Erfahrungsraum – Drei Literaturen. Lektüren des Umbruchs in Graubünden nach 1945».
Das Buch erscheint in italienischer Sprache.