Widerspruch, Gegenrede und Protest sind in der Erforschung der Rhetorik der Frühen Neuzeit kein prominentes Thema. In unserer modernen Auffassung ist Widerspruch mit Aufrichtigkeit, Unerschrockenheit, Authentizität konnotiert – und damit, wiederum in unserer modernen Auffassung, wesentlich a-rhetorisch. Die Rhetorik des Widerspruchs speist sich in der Frühen Neuzeit aus zwei Bereichen, die ihre Wurzeln ausserhalb der Rhetorik haben: aus der Theorie des Paradoxons, wie sie in der Dialektik diskutiert und entwickelt wurde; und aus der Parrhesie, der freimütigen Rede, die gemeinhin (und vor allem nach Foucault) als antirhetorisch gilt.
Am Übergang vom Mittelalter zur Renaissance werden jedoch beide in die Rhetorik eingemeindet. Das Buch zeichnet zum einen die Anstrengungen nach, die im 15. und 16. Jahrhundert unternommen wurden, um das Paradox, das Argument gegen die allgemeine Meinung, in der Rhetorik fruchtbar zu machen. Zum anderen zeigt es, wie das freimütige – oder, wie wir heute vielleicht eher sagen würden – ungefilterte Aussprechen unbequemer Wahrheit sich in unterschiedlichen Genera und Medien festsetzte und zu einem hoch rhetorischen Muster proklamierter Dissidenz wurde.
Die Schriftenreihe repräsentiert die Breite der mediävistischen Forschung an der Universität Zürich und darüber hinaus.