Unter Kriegsrecht

Die schweizerische Militärjustiz 1914–1920

Die Schweiz im Ersten Weltkrieg, Band 4
Gebunden
Erscheint im Dezember 2018. ca. 520 Seiten, ca. 8 Abbildungen s/w.
ISBN 978-3-0340-1479-3
ca. CHF 68.00 / EUR 68.00 
  • Kurztext
  • Autor/in
  • Einblick
  • Buchreihe

Die Militärjustiz war im schweizerischen Bundesstaat häufig umstritten. Die Jahre des Ersten Weltkriegs markieren jedoch einen Höhepunkt dieser Auseinandersetzungen. Militärisch blieb die Schweiz zwar von den zerstörerischen Auswirkungen dieses Kriegs verschont. Die zunehmend intensivere Kriegsführung wirkte sich aber stark auf den neutralen Kleinstaat aus. Die Exekutivorgane des Bundesstaates wurden mehr gestärkt als in manchen kriegführenden Ländern, so dass von einer Implosion des Verfassungsrechts gesprochen werden muss. In diesem staatlichen Ausnahmezustand, dem sogenannten Vollmachtenregime, spielte die Militärjustiz eine zentrale Rolle.
Untersucht wird die Militärjustiz in einem demokratischen Rechtsstaat, der durch die bundesrätlichen Vollmachten stark eingeschränkt war. Der Bundesrat übertrug die Ahndung von Vergehen gegen die meisten seiner Notrechtsbeschlüsse zwischen 1914 und 1920 der Militärgerichtsbarkeit, wodurch diese in Bezug auf ein ganzes Spektrum von Delikten auch für die Zivilbevölkerung zuständig wurde. Die Militärjustiz wurde damit zur Basis einer neuen Rechtsordnung, die im Verlauf des Kriegs keineswegs statisch blieb, sondern eine Entwicklung nahm, die tief in die zivile Gesellschaft hineinreichte. Sie wirkte nicht nur als Zentralinstanz zur Festigung und Förderung der Disziplin in einer durch Drill und Schikanen strapazierten Truppe. Vielmehr war sie auch Mittel und Ursache für Skandalisierungsdynamiken im öffentlichen Raum und diente im Gegenzug als Instrument der Einschüchterung und Zurückdrängung der Arbeiterbewegung. Gestützt auf eine reiche Quellenbasis zeigt der Autor, dass es bei den damit verbundenen Auseinandersetzungen um weit mehr ging als nur den Modus operandi einer Sondergerichtsbarkeit.

studierte Geschichte und Sozial­anthropologie an der Universität Bern. 2017 promovierte er mit der Publikation «Unter Kriegsrecht» und wurde dafür mit dem Institutspreis für die beste Dissertation 2016/17 ausgezeichnet.

Inhalt

1 Auf dem Weg in den Weltkrieg   
1.1 Die Militärjustiz im Spannungsfeld von Politik, Militär und Recht   
1.2 Die Konzeption der Militärgerichtsbarkeit für den Ernstfall
1.3 Rechtliche Grundlagen
1.4 Die quantitative Dimension der schweizerischen Militärgerichtsbarkeit im Ersten Weltkrieg
1.5 Die drei Phasen des schweizerischen Militärjustizsystems 1914–1921

2 Expansion des Militärjustizsystems (1914/15)
2.1 Kriegsausbruch, Vollmachtensystem und Militärgerichtsbarkeit
2.2 Gerichte, Rechtspersonal und Rechtspraxis in der «Stunde des Ernstes»
2.3 «Der Krieg zieht sich in die Länge»: erste zögerliche Anpassungen
2.4 Fokus I: Militärjustiz und Pressezensur

3 Rekalibrierung des Militärjustizsystems (1916/17)
3.1 Unter zunehmendem politischem Druck: die Militärjustizinitiative
3.2 Rückbau der Kompetenzen, Einleiten der Reform
3.3 Anpassungen im Strafvollzug
3.4 Fokus II: Militärjustiz und Dienstverweigerung

4 Repolitisierung des Militärjustizsystems (1918–1921)   
4.1 Für die «innere Sicherheit»: die Landesstreikverordnung
4.2 Die Militärjustiz und der Landesstreik
4.3 Über den Krieg hinaus: die Militärjustiz bleibt im Dienst
4.4 Fokus III: Die Landesstreikprozesse

Schlussbetrachtung


Diese Publikationsreihe umfasst sechs Dissertationen zur Geschichte der Schweiz im Ersten Weltkrieg. Die Arbeiten verbindet ihre transnationale Perspektive, welche auf die vielfältigen Austausch- und Interaktionsprozesse zwischen der Schweiz und den kriegführenden Ländern fokussiert. Obwohl die Folgen des Ersten Weltkriegs für die weitere Entwicklung des Landes ausgesprochen wichtig waren, stand seine Erforschung lange im Schatten des Zweiten Weltkriegs und machte erst nach der Öffnung zahlreicher Archive seit den 1970er-Jahren Fortschritte. Hundert Jahre nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs findet dieser Zeitraum nun auch in der Schweiz die ihm gebührende Aufmerksamkeit.