Gefühlsmedien

Das Nürnberger Ehepaar Paumgartner und seine Familienbriefe um 1600

Medienwandel – Medienwechsel – Medienwissen. ISSN 2504-1045, Band 39
Broschur
Erscheint im März 2018. ca. 276 Seiten, ca. 8 Farbabbildungen
ISBN 978-3-0340-1434-2
ca. CHF 48.00 / EUR 48.00 
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  • Einblick
  • Buchreihe

«Erbare, tugendreiche […] freundliche und hertzallerliebste, verthrauhtte jungfraw brautt» schreibt der Nürnberger Kaufmann Balthasar Paumgartner 1582 an seine Verlobte Magdalena Behaim. Es ist der Auftakt einer sechzehnjährigen, 169 Briefe umfassenden Korrespondenz, welche einen einzigartigen Einblick in damalige Arbeits- und Besitzverhältnisse, Geschlechterrollen und Verwandtschaftsbeziehungen bietet. Wie hierbei über Gefühle geschrieben wurde, war stark von zeitgenössischen Bedingungen des Briefmediums um 1600 geprägt. Der medien- und emotionsgeschichtliche Zugang ermöglicht einen neuen Blick auf den Briefwechsel, welcher bis heute als Meilenstein in der historischen Entwicklung ehelicher Gefühle gilt.

Petra Hornung Gablinger studierte Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft und Geschichte an der Universität Zürich und promovierte hier Anfang 2017 zu Emotionen in frühneuzeitlichen Privatbriefen. Von 2011 bis 2013 war sie Doktorandin im NCCR «Mediality» (Universität Zürich).
Inhalt

Einleitung I. Der eheliche Briefwechsel Paumgartner als Angelpunkt
II. Emotions- und mediengeschichtliche Ansätze
III. Untersuchungszugang
IV. Die Briefe der Nürnberger Patrizierfamilien Behaim und Paumgartner um 1600
V. Aufbau

Die Briefe und ihre Funktionsweise I. Der soziale Wert des Briefes
1. Kommunikative Normallage im Kaufmannsmilieu
2. Schreiben lernen und Bildung
3. Briefe schreiben: Das «Conceptionale» des Lukas Friedrich Behaim

II. Das Transportwesen im Wandel
1. Das institutionalisierte, anonymisierte Botenwesen
2. Botengänge durch Bekannte und Familie
3. Frauen als Mittlerinnen

III. An der Schwelle von Geheimhaltung und Teilnahme
1. Geheime Briefe
2. Gemeinschaftsbriefe
3. Exkurs: Anna Büschler und Erasmus von Limpurg – geheime Liebesbriefe?

IV. Formale Merkmale der Briefe
1. Sprachliche Merkmale
2. Adressierung auf der Briefaussenseite

V. Zwischenfazit

Die Briefe als Beziehungen I. Liebe, Ehe, Verwandtschaft
1. Familiale Beziehungen in Briefen
2. Ehe und Liebe

II. Partnerwahl
1. Heiratsfreunde, Tanten als Fürsprecherinnen und andere Akteure
2. Der richtige Partner: Kriterien
3. Eheschliessungen im Spiegel einer breiteren Öffentlichkeit

III. Eheanbahnung und Liebeswerben
1. Liebesbriefe nach Nürnberg – und an wen?
2. Hochzeit feiern

IV. Verheiratete Familien als emotional community
1. Freund und Feind
2. Grußkultur

V. Das Ehepaar Paumgartner
1. Ökonomische Partner
2. Ethos Sparsamkeit
3. Das Haus, oder: variable Haushalte
4. Vom Ende einer Ehe

VI. Die Ehe und ihre Beziehungsgeflechte
1. Geschwister: Konflikte mit Bruder Caspar Paumgartner
2. Der Vater Balthasar Paumgartner senior
3. Die Mutter Magdalena Behaim (geb. Römer)

VII. Zwischenfazit

Die Briefe als Gefühlsmedien I. Gefühle – medialisiert
1. «... mitt einem kleinen brieflin besuchen»: Möglichkeiten des Briefmediums
2. Grenzen geschriebener Gefühle

II. Briefe schreiben als emotionale Praxis
1. Hände, Schrift, Handschrift
2. Schriftbildlichkeit
3. Schreibprozesse: Entstehungsmomente und der Körper
4. Aufmerksamkeit über Briefe

III. Eine Sprache der Intimität – nicht nur zwischen Ehepartnern
1. Der appellative Charakter von Anreden und Bitten
2. Die Briefe als Herzensangelegenheit
3. Der Tod – eine kollektive Erfahrung
4. Nähe angesichts des Todes: Trauer um Friedrich Behaim
5. Im Zwiespalt mit dem Schriftregime: der Tod des Sohnes Balthasar

IV. Erinnern und Vergessen
1. Zeit und Zeiten
2. Räume
3. Der Körper

V. Dinge in den Briefen, oder: emotionale Objekte
1. Nähe über Textilien
2. Intime Geschenke und der Körper
3. Exkurs: Ursula Frehers Brautbriefe – Materialisierung von Liebe
4. Melonen, Strümpfe und ein Pony: affektiver Warenverkehr

VI. Zwischenfazit

Die Briefe bei Georg Steinhausen I. Gefühle für Georg Steinhausen
1. Emotionsgeschichtliche Annäherung(en)
2. Georg Steinhausen: Stationen und Werke

II. Geschichtsschreibung und Geschichtsforschung
1. Quellenmaterial und die Arbeit im Archiv
2. Das »Archiv für Kulturgeschichte«: kulturgeschichtliche Totale und diverse Leserschaft
3. Populäre Geschichtsschreibung: Darstellung und Vermittlung

III. Der Briefwechsel im Spiegel von Georg Steinhausens Arbeiten
1. Der Kaufmann, oder: von gutem und schlechtem Wirtschaften
2. Ehe, Verwandtschaft und der Ort der Frau

IV. Der Historiker als emotionales Wesen
1. Der Brief – romantisiertes Relikt
2. Georg Steinhausen und seine Geschichte der Gefühle

V. Zwischenfazit

Schlusswort


Diese Buchreihe vereinigt Studien des gleichnamigen Nationalen Forschungsschwerpunkts sowie mediengeschichtliche Arbeiten. Sie rückt die Zeit vor der Ausbreitung der Massenmedien und insbesondere die medialen Verhältnisse der Vormoderne ins Zentrum. Damit ermöglicht sie Einblicke in die Andersartigkeit älterer Kommunikationsformen und erlaubt es gleichzeitig, Voraussetzungen für die mediale Formierung der Neuzeit zu ergründen.