Fahndung nach dem Raster

Informationsverarbeitung bei der bundesdeutschen Kriminalpolizei, 1965–1984

Interferenzen – Studien zur Kulturgeschichte der Technik, Band 23
Gebunden
2017. 248 Seiten
ISBN 978-3-0340-1392-5
CHF 38.00 / EUR 38.00 
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Das Wissen über die öffentliche Sicherheit durchlief in der Bundesrepublik Deutschland zwischen 1965 und 1984 eine tiefgreifende Transformation. Als die Kriminalpolizei ihre Informationsverarbeitung digitalisierte und der Linksterrorismus die Bundesrepublik erschütterte, entstanden neue Verfahren, Medien und Denkweisen des Verbrechens und seiner Bekämpfung. Zwischen Rasterfahndung und Roter Armee Fraktion wurde das bundesdeutsche Sicherheits­dispositiv in die digitale Gesellschaft überführt.
Der Fahndungsapparat kam in den späten 1960er-Jahren ins Stottern. Die Statistik kontrastierte steigende Verbrechens- mit sinkenden Aufklärungsquoten. Polizisten, Kriminalisten und Politiker diagnostizierten eine Krise der Polizei. Um diese zu beheben, setzten sie zugleich auf die Rekonfiguration ihrer Informationsverarbeitung und ihres Verbrecherbilds. An der Figur des Partisanen und des Terroristen machten sie eine Mobilisierung und Flexibilisierung der Kriminalität dingfest. Dieser setzten sie die Modernisierung und Digitalisierung der polizeilichen Arbeit entgegen. Als in den 1970er-Jahren ein bundesweites Informationssystem entstand, prozessierten die Fahnder immer mehr Daten auf komplexere Weise. Dabei ergab sich ein Wechselspiel zwischen immer neuen Techniken, mit denen die Kriminalpolizei illegale Aktivitäten aufdeckte und das Verbrechen sie umgekehrt verbarg. Nach dem Deutschen Herbst 1977 kulminierte dieser Prozess in einer breiten Debatte über den Datenschutz. Bis 1984 zeigte sich, dass die Polizei mit der Rasterfahndung nicht nur nach Terroristen, sondern auch nach ihrer Position in der entstehenden digitalen Gesellschaft suchte.

ist Kulturwissenschaftler und -vermittler, Mitherausgeber von Max Frischs Ignoranz als Staatsschutz? und von Das Personal der Postmoderne sowie Verfasser diverser Beiträge zur Geschichte der Sicherheit. Doktorat an der ETH Zürich.

Aufsätze im Chronos Verlag

Inhalt

Dank

Einleitung

1 Der Fall Fabeyer
Akten
Meldedienst
Fahndung

2 Die Krise der Polizei
Schulbeispiel
EDV
Sofortprogramm

3 Die Konfiguration des Partisanen
Perseveranz
Mobilität
Urbanität

4 Der Fall Lorenz
Informationssystem
Fahndungsstille
Einzelhinweise

5 Das Problem der Fahndung
Rechenzentrum
Datenbanken
Rasterfahndung

6 Die Formation des Terroristen
Konspiration
Sympathie
Souveränität

Resümee

Bibliografie


Pressestimmen

«Denn der Verfasser spürt mit vielen klugen Gedanken und Beobachtungen der umfassenden Transformation der westdeutschen Kriminalpolizei von Mitte der 1960er- bis Mitte der 1980er-Jahre nach. [...] Innovativ verbindet Mangold Ansätze der in letzter Zeit auch für die Geschichte der Computerisierung relevant gewordenen Kulturgeschichte der Technik mit einer Wissensgeschichte der Sicherheit, die sich in diesem Fall an den soziologisch geprägten Surveillance Studies orientiert, um ‹Verfahren der Sicherheitsproduktion› (S. 19) zu fokussieren. Analytisch macht sich der Autor hierzu den Begriff des Sicherheitsdispositivs zu eigen, das als Akteurs-Netzwerk konzipiert wird, um die für die Untersuchung zentralen Ebenen der Polizeibehörden, der politischen Sphäre und des öffentlichen Diskurses sowie die beteiligten Akteure in ihren Interaktionen zu untersuchen. [...] Insgesamt handelt es sich um ein ideenreiches und anregendes Buch, das neben dem Wandel des westdeutschen Sicherheitsdispositivs mit Blick auf die Einführung von Computersystemen in der Kriminalpolizei die damit einhergehenden Ambivalenzen und organisatorischen Probleme wie die Vereinheitlichung der Informationserfassung in einem stark föderalistisch aufgebauten Polizeiwesen plausibel herausarbeitet.»

H-Soz-Kult, 22. Februar 2018, Christopher Kirchberg

Die in dieser Reihe erscheinenden Publikationen untersuchen technische Entwicklungen in der Neuzeit. Sie fragen nach dem historischen Entstehungskontext und gehen der Frage nach, inwiefern verschiedene soziale Gruppen diese technischen Entwicklungen als Möglichkeit sozialen Wandels wahrgenommen, ausgehandelt und bisweilen genutzt oder vergessen haben. Der Ansatz erlaubt es, Innovationen als technisch und gesellschaftlich voraussetzungsreiche Prozesse zu verstehen und zu erklären.