Die epistemologischen Jahre

Philosophie und Biologie in Frankreich, 1960–1980

Interferenzen – Studien zur Kulturgeschichte der Technik, Band 24
Gebunden
2018. 392 Seiten, 10 Abbildungen s/w.
ISBN 978-3-0340-1382-6
CHF 48.00 / EUR 48.00 
  • Kurztext
  • Autor/in
  • Einblick
  • In den Medien
  • Buchreihe
  • Service

Epistemologie – hinter diesem Wort verbarg sich im intellektuellen Paris der 1960er- und 1970er-Jahre mehr als nur eine philosophische Teildisziplin, die nach dem Wissen fragt. Epistemologie avancierte bei Strukturalisten, Marxisten, Dekonstruktivisten und vielen anderen kritischen Geistern, die sich damals zwischen der Universität, dem Café und der Strasse im radikalen Denken übten, zum vorherrschenden akademischen Diskurs der Stunde. Als Zauberformel der Philosophie stand sie für eine intellektuelle Haltung, mit der man die Welt des Denkens vermeintlich auf den Begriff bringen konnte.
Von der Epistemologie ging eine Provokation aus: die Philosophie könne ihre Themen und Fragen nur aus der Beschäftigung mit dem zeitgenössischen wissenschaftlichen Denken hervorholen. Georges Canguilhem, Michel Foucault, Louis Althusser und Co. haben daher über die modernen Naturwissenschaften nachgedacht, sich von ihnen inspirieren und anleiten lassen, sie aber auch hinterfragt und kritisiert. Da sich zur selben Zeit die Molekularbiologen durch die Entdeckung des genetischen Codes anschickten, Grundfragen des Lebens neu und vor allem selbständig zu bestimmen, ergab sich eine brisante Konstellation. Wer besass künftig die Deutungshoheit?

Onur Erdur zeichnet in seinem Buch die Geschichte dieses Aufeinandertreffens von Philosophie und Biologie in ihren unterschiedlichen Etappen und Facetten nach, indem er den Protagonisten in die Hörsäle und vor die Fernsehkameras, in die Wirren des Pariser Mai 1968 und bis hin nach Kalifornien folgt.

hat in Freiburg im Breisgau, Basel und Zürich Historische Anthropologie, Politikwissenschaft und Geschichte studiert und war danach Mitarbeiter am Institut für Geschichte der ETH Zürich. Seit 2017 arbeitet er am Institut für Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Besprechungen

«Onur Erdur erhellt in seinem vorzüglichen, aus seiner Dissertation an der ETH Zürich hervorgegangenen Buch den seinerseits sehr lebhaften Austauschraum zwischen den Diskurslandschaften des philosophischen und des biowissenschaftlichen Wissens in Frankreich von – en gros – 1960–1980. [...]

Onur Erdurs Buch stellt einen brillanten Wurf dar: Es durchmustert erstmals systematisch und zugleich mit wissenschaftshistorischer Virtuosität die auffällige Tendenz der modernen französischen Philosophie zu einer philosophischen Reflexion auf die Biowissenschaften, zu deren Leitparadigma in den 1960er Jahren die Molekularbiologie aufgestiegen war. Methodisch navigiert der Autor dabei höchst originell zwischen den Registern einer kulturwissenschaftlich und wissenssoziologisch informierten Intellektuellengeschichte der ‹epistemologischen Schule von Paris› und einer historischen Reflexion auf die Verhältnisbestimmung zwischen Wissenschaft und Philosophie in den Jahrzehnten seines Untersuchungszeitraums. Von unschätzbarem Wert ist überdies Erdurs Erschließung zuvor unerforschten Quellenmaterials, insbesondere von Nachlassmaterial Monods, Jacobs, Althussers und Canguilhems. [...]

Diese Überlegung kann jedoch nur den Status einer ergänzenden Rückfrage an das grandiose Buch von Onur Erdur haben, dessen fein gezeichneten Genealogien eine veritable Gegengeschichte zu jeder angestammten oder neueren ‹Saga von den französischen Intellektuellen› (François Dosse) ergeben.

N.T.M. Zeitschrift für Geschichte der Wissenschaften, Technik und Medizin, 2019, 27, Thomas Ebke

«That being said, and thanks again to its scope, its great scholarship, its philosophical scrutiny, and its particular style of historical and philosophical enquiry, which sheds a new light upon many episodes, Erdur's work is a major, brilliant contribution to the history of scientific and intellectual life in France.»

Berichte zur Wissenschaftsgeschichte 41 (4/2018), Claude Debru

«Für die Wissenschaftsgeschichte und die Kulturwissenschaften allgemein ist Erdurs Buch ein lang erwarteter Beitrag [...]. Es ist gut strukturiert und klar formuliert [...]. Darüber hinaus bietet sich die Studie für einen akademischen Unterricht an, der explizit an den Verbindungen zwischen den Disziplinen, auch über Fakultätsgrenzen hinweg, interessiert ist.»

Schweizerische Zeitschrift für Geschichte 69/2 (2019), Marianne Sommer

Die in dieser Reihe erscheinenden Studien untersuchen technische und wissenschaftliche Entwicklungen in der Neuzeit. Sie fragen nach dem historischen Entstehungskontext und gehen der Frage nach, inwiefern verschiedene soziale Gruppen diese technischen Entwicklungen als Möglichkeit sozialen Wandels wahrgenommen, ausgehandelt und bisweilen genutzt oder vergessen haben. Der Ansatz erlaubt es, Innovationen als technisch und gesellschaftlich voraussetzungsreiche Prozesse zu verstehen und zu erklären.