Demokratie und Revolten

Die Entstehung der direkten Demokratie in der Schweiz

Gebunden
2017. 2. Auflage 2017.
232 Seiten
ISBN 978-3-0340-1384-0
CHF 38.00 / EUR 36.00 
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Die Entstehung der direkten Demokratie in der Schweiz kann nicht einfach als organische Entwicklung gedeutet werden, die von der vormodernen Landsgemeinde zur Verankerung der Volksrechte wie Referendum und Initiative in den Kantonsverfassungen und später in der Bundes­verfassung führt. Diesem teleologischen Deutungsmuster wird eine alternative Sichtweise entgegengestellt. Sie begreift die Entstehung der direkten Demokratie als Resultat politischer und sozialer Kämpfe und versucht die «soziale Logik» der vielgestaltigen Protestbewegungen zu entschlüsseln. Im Zentrum stehen die Erfahrungen, Wahrnehmungsweisen, Interessenlagen und Bedürfnisstrukturen der historischen Akteure aus den unteren Gesellschafts­schichten. Diese erscheinen nicht nur als passive Objekte, sondern als Agierende und Reagierende. Die Studie konzentriert sich schwergewichtig auf die Sattelzeit und umfasst den Zeitraum von der Spätaufklärung bis 1874. Zudem werden die Defizite der schweizerischen Demokratieentwicklung im 20. Jahrhundert aufgezeigt.

ist emeritierter Titularprofessor für Geschichte der Neuzeit am Historischen Seminar der Universität Zürich. Seine Hauptforschungsgebiete sind Sozialgeschichte der Aufklärung, historische Protestforschung und Demokratieforschung. Er hat 2013 eine kommentierte Quellenauswahl zur Demokratiegeschichte der Schweiz veröffentlicht.

Bücher im Chronos Verlag


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Inhalt

1 Einleitung

2 Bausteine einer Geschichte der direkten Demokratie 2.1 Rückgriff auf Mythen
2.2 Rekurs auf vormoderne Partizipationsmodelle: Freie Gemeinden, Stadtrepubliken und Landsgemeinden
2.3 Sattelzeit: Französische Revolution als Schlüsselereignis

3 Politisierungsprozesse vor und nach der Französischen Revolution 3.1 Dynamisierung des klassischen Republikanismus am Fallbeispiel Zürich: Von der Jugendrevolte 1762–1768 zum Zunftkonflikt von 1777
3.2 Republikdiskurs und Landbevölkerung: Legitimationsmuster der Befreiungsbewegungen
3.3 Dynamisierung der alten Gemeindefreiheit: Wortmeldungen der Unterschichten in den Gemeinden und Utopie der freien Gemeinde
3.4 Dynamisierung des Landsgemeindemodells: Landsgemeindefieber und Landsgemeindewut
3.5 Dynamisierung des Geschlechterdiskurses von unten: Tugendhafte Republikanerinnen, rebellierende Fischweiber und rauchende Heimarbeiterinnen
3.6 Dynamisierung der Gleichheitsforderung und materielles Forderungspotenzial: Landsturm, Prügelmänner und Sackpatrioten
3.7 Orientierung am revolutionären Frankreich: Jakobinische Demokratisierungsimpulse

4 Bewegungen zu Beginn der Restaurationszeit 4.1 Unruhen im Berner Oberland: «Gottloses Pöpelvolk»
4.2 Protestbewegungen im Kanton St. Gallen

5 Regeneration: Rückgriff auf ältere Widerstandstraditionen 5.1 Ambivalenz der Volksbewegungen der Regenerationszeit: «Das Volk ist keine Puppe»
5.2 Angst der liberalen Elite vor dem Volk: Pöbelherrschaft und Ochlokratie
5.3 Das erste Volksveto: Fauler Kompromiss oder innovative Leistung?
5.4 Das St. Galler Modell als Vorbild für Basel

6 Aufstände der Modernisierungsverlierer: Widerstand gegen die Regenerationsregierungen 6.1 Der «Züriputsch»: Konservativer Umsturz und enttäuschte Hoffnungen
6.2 Die gescheiterte Vetobewegung im Aargau
6.3 Repression gegen die Vetobewegung im Kanton Solothurn: Das liberale «Kasernenregiment»
6.4 Katholizismus und Demokratie: Das Veto im Kanton Luzern

7 Transformationen der Landsgemeindemodelle 7.1 Glarner Verfassung: Die Liberalen stellen die Landsgemeinde auf ein neues Fundament
7.2 Verschmelzung von alter und neuer Freiheit im Kanton Schwyz: Hörner- und Klauenmänner
7.3 Wallis: Von den Zehnen zum Vetoreferendum

8 Vom Veto zum Referendum 8.1 Waadt: Direkter Weg zu Referendum und Initiative

9 Die «demokratische Bewegung» 1861–1869 9.1 Demokratische Bewegung in Zürich: Protestkultur und Kommunikationsverhältnisse
9.2 Ein Mediationskanton als Fallbeispiel: Der Kampf um Initiative und Referendum im Thurgau
9.3 Der Kampf zwischen Revi und Anti im Kanton Baselland
9.4 Demokratische Bewegung im Aargau: Ein fragwürdiger Volksmann
9.5 Die demokratische Bewegung im Kanton Bern: Der Aarberger Sturm als Auslöser
9.6 «Graue» und «Rote»: Demokratische Bewegung im Kanton Solothurn

10 Die Totalrevision der Bundesverfassung von 1874: Die Einführung des fakultativen Gesetzesreferendums

11 Die Einführung der Teilrevisionsinitiative 1891

12 Fazit: Demokratiegeschichte als Protestgeschichte 12.1 Manifestationsformen der Demokratiebewegungen
12.2 Protestträger und Anführer der Bewegungen
12.3 Vorstellungswelt der Protestierenden
12.4 Legitimationsmuster der Proteste

13 Die unvollkommene Demokratie 13.1 Exklusion und Inklusion: Internationale Impulse
13.2 Der lange Ausschluss der Frauen
13.3 Direkte Demokratie mit Unterbrüchen: Dringlichkeitsrecht und Notrechtsregimes

14 Schlusswort und Ausblick

15 Bibliografie 15.1 Ungedruckte Quellen
15.2 Gedruckte Quellen und Quellenwerke
15.3 Darstellungen
15.4 Lexika


Pressestimmen

«Graber erzählt mit einer Fülle von Quellen eine spannende Geschichte. Und er gibt mit seiner Analyse Denkanstösse für die Themen, welche derzeit die demokratische Welt bewegen, von der Mitsprache der Bürger bis zum Verhältnis zwischen Elite und Volk.»

Neue Zürcher Zeitung, Markus Schär

«Grabers Werk bietet einen lehrreichen Einblick in die unruhige, von Umbrüchen und Rückschlägen geprägte Entstehungsgeschichte der direkten Demokratie in der Schweiz. Der Fokus auf Widerstände von unten bietet eine ungewohnte Perspektive. Und die detailbewussten Schilderungen verleihen dem Buch eine Spannung, die es auch für Nicht-Historiker lesenswert macht.»

Luzerner Zeitung / St. Galler Tagblatt, Lukas Leuzinger

«Grabers Leistung wiederum ist es, die politkulturelle Eigentümlichkeit der schweizerischen direkten Demokratie herauszuarbeiten. Dabei widersteht er dem Versuch, sie zu einem einzigartigen Vorbild für andere zu stilisieren. Vielmehr bezeichnet er sie als unvollkommen. Denn die Inklusion gesellschaftlich randständiger Gruppen bedurfte stets internationaler Impulse. [...]
Was der Autor uns erzählt, ist ein farbenreiches Kaleidoskop aus Jugendrevolten, Zunftkonflikten, Utopien freier (Lands)Gemeinden, rebellierenden Fischweibern, Prügelmännern und Sackpatrioten, über die frühe demokratische Diskurse entstehen, zu oft als Pöbelherrschaft und Ochlokratie diskreditiert. Es ist aber auch eine Skizze der Genese von erfolgreichen und gescheiterten demokratischen Institutionen, die ihren lokalen oder kantonalen Kontext nur schwerlich überwinden konnten. Und es ist der Hinweis, dass internationale Verbindungen wie die des Waadtländer freisinnigen Staatsmannes Henry Druey zum Durchbruch der Volksrechte führten.»

Zoon Politicon, Claude Longchamp

«Rolf Graber nennt den Ausschluss breiter Bevölkerungskreise von der politischen Macht als die Triebfeder aller Demokratisierungsbestrebungen. [...] Um zu verstehen, was geschah, muss nach Graber die Geschichte des Protests in der Schweiz neu geschrieben werden. Denn Demokratie, insbesondere direkte Demokratie, musste stets erstritten und erkämpft werden.»

swissinfo.ch, Claude Longchamp

«Wie Graber eindrücklich zeigt, mussten die demokratischen Mitbestimmungsrechte stets einer widerwilligen Obrigkeit abgetrotzt werden, sei das innerhalb der Städte, wo das gemeine Volk mit den Eliten um Mitbestimmung rang, sei das die Landschaft, die von Städten unterdrückt wurde, oder die gemeinen Herrschaften, deren männliche Einwohner erst durch den Sturz des Ancien Régime und Napoleons politische Neuordnung der Schweiz zu gleichberechtigten Bürgern wurden. Anstösse dazu kamen oft von aussen, etwa in Form des Naturrechts.» [...] Grabers Fazit: ‹Als Kampf um Anerkennung ist das Projekt direkte Demokratie immer ein unvollendetes.›»

UZH Magazin, Thomas Gull

«Das Buch ist insgesamt ausserordentlich gelungen. Irritierend mag zunächst das Weglassen der Bundesstaatsgründung für die Demokratieentwicklung wirken. Aufgrund der thematischen Engführung auf die Protestgeschichte macht dies jedoch durchaus Sinn. Sein Ansatz, der die ideengeschichtliche Grundlage der Demokratieforschung zwar nicht ganz verlässt, jedoch stark zurückdrängt, vermag durch die Kontextualisierung der Protestformen der gängigen liberalen Erzählung ein sinnvolles Gegennarrativ gegenüberzustellen.»

H-Soz-Kult, 27. Februar 2018, Andreas Oefner

«Rolf Graber [...] legt mit ‹Demokratie und Revolten› ein neues Buch zur hiesigen Demokratiegeschichte vor. Sein Ziel kommt im Titel bestens zum Ausdruck: Weder um gängige Verfassungs- und Ideengeschichte geht es ihm, sondern um Protestgeschichte, eingebettet in sozialgeschichtliche Zusammenhänge. [...] Wegleitend ist Grabers Auffassung, dass die Schweiz in der frühen Neuzeit zu den revoltenreichsten Ländern Europas zählte. [...] Vordergründig ist Grabers Buch eine Relativierung der liberalen Meistererzählungen zum Beginn der direkten Demokratie. Denn diese sieht die demokratischen Ideen der hiesigen Liberalen am Anfang der Entwicklung. Graber weist in seinem neuen Buch nach, dass ältere Stränge des Protests gegen Oligarchien mit exklusiven Charakter zur schweizerischen Form der Demokratie führten. [...] Vielleicht führt die unübersehbare Nähe Grabers zu seinem Gegenstand aber auch zur Stärke des Buches. Denn es ist parteiergreifend. Gängigen Vorstellungen konservativer und liberaler Zeitgenossen, die befürchteten, alles Demokratische ende in einer Pöbelherrschaft, wie es die griechischen Politphilosophen für möglich hielten, widerspricht der Autor klar.»

Swiss Political Science Review (2018) Vol. 24(1), Claude Longchamp

«Rolf Grabers neues Buch präsentiert auf 200 dichten, gut lesbaren Seiten die eindrucksvolle Summe einer langjährigen Beschäftigung mit kollektiven politischen und sozialen Protesten in der Eidgenossenschaft des 18. und 19. Jahrhunderts. Aus der Lektüre ergibt sich das Bild einer geradezu tumultuös bewegten Schweiz, von einem eigentlichen ‹Laboratorium der direkten Demokratie›, die nicht einigen fortschrittlich-liberalen Köpfen, sondern harten interessenpolitischen Auseinandersetzungen entsprang. [...] Grabers Buch stellt nicht zuletzt eine Synthese der zahlreichen jüngeren Untersuchungen zu regionalen Konflikten dar. Seine Leistung besteht darin, die enorme Heterogenität dieser Bewegungen und die Resultate einer umfangreichen Forschungsliteratur in einen gemeinsamen Bezugsrahmen zu stellen. Dieser besteht, bei aller Vielfalt der Erscheinungsformen, im Kampf benachteiligter sozialer Gruppen um die Anerkennung ihrer Anliegen. [...] Doch gehört es zu den nicht geringsten Vorzügen dieses schönen und anregenden Buchs (es ging im Sommer 2017 in die zweite Auflage), dass es bei den LeserInnen zahlreiche Fragen auslöst, deren Beantwortung nicht gleich auf der Hand liegt und die von hoher Relevanz für unsere Gegenwart sind.»

Traverse 3/2017, Mario König