Reinheit als Differenz

Identität und Alterität in Max Frischs frühem Erzählwerk

Gebunden
2016. 392 Seiten, 6 Abbildungen s/w.
ISBN 978-3-0340-1364-2
CHF 48.00 / EUR 43.00 
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Die Studie untersucht die literaturwissenschaftlich noch wenig erforschten frühen Erzählwerke von Max Frisch, namentlich den Romanerstling «Jürg Reinhart. Eine sommerliche Schicksalsfahrt» (1934), die längere Erzählung «Antwort aus der Stille» (1937) sowie die Romanfortsetzung der Reinhart-Geschichte «J’adore ce qui me brûle oder Die Schwierigen» (1943) und rekonstruiert deren Genese unter Einbezug bisher unbekannter Quellen. Einem diskursanalytischen Ansatz verpflichtet, befragt sie diese Werke mit dem Analyseinstrumentarium der Gender und Postcolonial Studies nach Entwürfen von Ethnizität, Nationalität, Geschlecht und Klassenzugehörigkeit. Im Spannungsfeld von ‹Reinheit› und ‹Differenz› kontextualisiert sie die drei Primärtexte und deren Konstruktionen von Identität und Alterität in den einschlägigen Diskursfeldern. «Antwort aus der Stille» wird im Alpen- und Alpinismusdiskurs der Zeit verortet, einschließlich seiner nationalistischen, genderpolitischen und sexistischen Weiterungen; «Jürg Reinhart» im antisemitischen, im Orient-, im Balkan- und im Slawendiskurs; «J’adore ce qui me brûle» im zeitgenössischen Emanzipations- und Geschlechterdiskurs sowie ganz besonders im Eugenikdiskurs und seinen sozialdarwinistischen Implikationen.

studierte Neuere deutsche Literaturwissenschaft, Geschichte und Erziehungswissenschaft in Bern und Berlin. Promoviert wurde er 2015 an der Universität Bern. Heute arbeitet er als Gymnasiallehrer in Bern.

Inhalt

Einleitung

1 Frischs Verleugnung des Frühwerks am Beispiel von Jürg Reinhart, Antwort aus der Stille und Vorbild Huber 2 Situierung der Studie innerhalb der Forschung zum Frühwerk Max Frischs
3 Fragestellung, Theorie und Methode
4 Überblick über die Gliederung der Studie

I Antwort aus der Stille (1937)

1 Zur Neuausgabe und Rezeption der Erzählung

2 Alpen, Alpinismus und nationale Identität
2.1 Schweizer Alpenmythos und Topographie des Handlungsortes
2.2 Bergsteigen im Schweizer «Nationalmonument»

3 Alpinismus und Männlichkeit
3.1 Leutholds «männliche Tat»
3.2 Bergsteigen als Initiationsritual, als Arbeit und Kampf

4 Alpinismus als Askese und Religionsersatz
4.1 Exkurs: Die Profanierung der Alpen und Entheroisierung des Alpinismus in Frischs späteren Erzähltexten

5 Frauen am Berg
5.1 Barbara und Irene: ‹Heilige› und ‹Hure›
5.2 Irene und die «tapferen Käfer»: Zum sozialdarwinistischen Subtext

II Jürg Reinhart (1934)

1 Zur Entstehungs- und Publikationsgeschichte der beiden Jürg-Reinhart-Romane

2 Jürgs ‹Swissness›

3 Jürgs «männliche Tat» und die adligen Damen

4 Der Orient des Stambuler Basars
4.1 «Drecktürke[n]» und ein spanisches «Jüdlein»
4.2 Frischs «Stambul»-Kapitel im Vergleich mit Karl Mays Von Bagdad nach Stambul (1888)
4.3 Vom orientalisierten Stambul in Jürg Reinhart zur griechischen Hirtenidylle in J’adore ce qui me brûle

5 Der Balkan: «frauenverachtende[ ] Balkanmenschen» und edle norddeutsche Adelige

6 Die Slawen
6.1 Doktor Svilos und Doktor Heller
6.2 Der Slawendiskurs in Jürg Reinhart 6.2.1 ‹Untergang des Abendlandes› und ‹Aufgang des Ostens›
6.2.2 Slawische ‹Tiefherzigkeit›: Konfessionelle Ressentiments und Jürgs Vorliebe für slawische Volksmusik

III J’adore ce qui me brûle oder Die Schwierigen (1943)

1 Yvonne – Frischs erste emanzipierte Frauenfigur?

2 Yvonne als Turandot oder das «Heimweh» der Frau «nach der Gewalt» des Mannes

3 «Fragen der Herkunft» und die ‹feinen Unterschiede› des Bürgertums

4 «Verkettung[en] des Blutes»: Zum sozialdarwinistischen und eugenischen Gedankengut
4.1 «[D]ie Gesunden, die Erhalter des Lebens»
4.2 Alkoholismus und Degeneration: Spuren von Frischs Naturalismusrezeption (Gerhart Hauptmann und Henrik Ibsen)
4.3 Die ‹Selbstauslöschung› des ‹Halblings› Reinhart

Zusammenfassung

Bibliographie


Pressestimmen

«Eine starke Studie, die Schmid da vorlegt, gerade auch in Sachen Bergliteratur. Denn er kennt sich da bestens aus, zitiert aus Büchern, die normalerweise nicht im germanistischen Seminar stehen. Schmid schüttelt den Rucksack von Balz und Irene und natürlich von Max ganz gehörig aus, findet Neues und Vergessenes, untersucht die Auslegeordnung mit modernen Geräten.»
Daniel Anker, Bergliteratur.ch