Die Schweiz in Ruanda
Mission, Entwicklungshilfe und nationale Selbstbestätigung (1900–1975)
Broschur
2014. 384 Seiten, 10 Abbildungen s/w.
ISBN 978-3-0340-1205-8
CHF 58.00 / EUR 52.00 
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Im 20. Jahrhundert knüpften die Schweiz und Ruanda enge Beziehungen. Anfängliche Kontakte zwischen Schweizer Missionaren und der ruandischen Bevölkerung festigten sich zu einer vielfältigen zwischenstaatlichen Zusammenarbeit. Die kolonialen und postkolonialen Verbindungen entstanden aus der Vorstellung, Ruanda nach westlichem Vorbild entwickeln zu können, und aus dem Wunsch beider Länder nach nationaler Selbstbestätigung.
Die ersten Schweizer in Ruanda waren Missionare. Sie beteiligten sich am Aufbau der katholischen Kirche in Ruanda und besetzten leitende Positionen, darunter das Bischofsamt. Nach der Unabhängigkeit Ruandas 1962 bestimmte die Schweizer Entwicklungshilfe Ruanda zu ihrem Schwerpunktland in Afrika. Sie baute die grösste Produzenten- und Konsumgenossenschaft des Landes (Trafipro) auf. Zudem entsandte die Schweiz zwischen 1963 und 1975 fünf Präsidentenberater nach Kigali. Das Buch stellt die lange Verflechtungsgeschichte der beiden Staaten ins Zentrum, in deren Verlauf es zwischen 1959 und 1973 auch zu Massenverbrechen und Fluchtbewegungen kam. Der Autor analysiert die vielfältigen Interessen auf staatlicher und individueller Ebene sowie die von Widersprüchen geprägte schweizerische Hilfe.
Neben öffentlichem Archivmaterial basiert die Studie vor allem auf privaten Briefen, Tagebüchern und Fotos sowie auf Interviews mit damals tätigen Missionaren und Entwicklungsfachleuten aus der Schweiz und aus Ruanda.

Lukas Zürcher ist Historiker und arbeitet an der Universität Zürich. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Geschichte der Entwicklungshilfe, Kirchen- und Missionsgeschichte sowie Afrikanische Geschichte.

Inhalt
1 Koloniale Mitarbeit: Schweizerischer Missionseinsatz im Königreich Ruanda

1.1 Herkunft, Werdegang und Tätigkeitsfelder der ersten Schweizerinnen und Schweizer in Ruanda
Kardinal Lavigerie, die Weissen Väter und die Weissen Schwestern
Die ersten Weissen Väter aus der Schweiz
Die Vorreiter und Wegbereiter André und Jean Perraudin
Die ersten Schweizer Protestanten und Geschäftsleute

1.2 Die Erfindung von Hutu und Tutsi im Zeichen politischer Zentralisierung, kolonialer Herrschaft und christlicher Mission
Ethnogenese im vorkolonialen Ruanda
Ethnogenese im kolonialen Ruanda
Ethnogenese im Vorfeld der Dekolonisation

1.3 Die katholische Kirche Ruandas unter Erzbischof André Perraudin
Perraudins Ernennung zum Bischof von Kabgayi
Politische Spannungen und ethnische Gewalt
Von der Gewalt zur Revolution

1.4 Koloniale Analogiebildungen zwischen der Schweiz und der «Schweiz Afrikas»


2 Gegenseitige Partnerwahl: Integrationsbemühungen zweier Kleinstaaten in die postkoloniale Welt

2.1 Die Schweiz als Vorbild und Modell

2.2 Ruanda als «Pays de la Liberté, de la Discipline et de la Gaîté»

2.3 Auf dem Weg zur bilateralen Zusammenarbeit
Erste offizielle Kontakte
Auswahlverfahren und Selektionskriterien
Abklärungsreise nach Ruanda und Selektionsentscheid

2.4 «Ethnische Säuberungen» im Paradies: Die schweizerische Entwicklungshilfe auf dem Prüfstand
Eskalation der Gewalt zum Jahreswechsel 1963/64
Reaktionen der Staatengemeinschaft und der internationalen Presse
Reaktionen der schweizerischen Presse

2.5 Schweizerische Interpretationen und Rechtfertigungen der inner-ruandischen Gewalt
Individuelle Interpretationen und Rechtfertigungen
Politische Interpretationen und Rechtfertigungen
Tiefe Opferzahlen, geopolitische Einordnungen und historische Analogien


3 Widersprüchliche Zusammenarbeit: Konstruktionen von Gleichheit und Differenz im Zeichen schweizerischer Selbstvergewisserung

3.1 Die Entwicklungshilfe der Schweiz auf der Suche nach maximalem Prestige

3.2 «Wir sind nicht Lückenbüsser»: Das Dilemma bei der Projektauswahl
Vielfältige Einsatzmöglichkeiten
Schwierige Entscheidungsfindung

3.3 «Experten» und «Freiwillige»: Schweizerische Vorstellungen idealer Entwicklungsfachleute
Die Erfindung des «Experten»
Die Erfindung des «Freiwilligen»

3.4 «Harte Afrika-Schweizer»: Wege und Abwege zwischen Tatendrang und Handlungsfreiheit
Selbstbestätigung, Leistungswille und Handlungsdruck
Handlungsfreiheit mit Konfliktpotential

3.5 Grenzen schweizerischer Anpassungs- und Integrationsfähigkeit in Ruanda
Infrastrukturaufbau in Ruanda
Kontakte zur ruandischen Bevölkerung
Freiwilligendienst in Bedrängnis


4 Hartnäckige Hilfe: Schweizerisches Engagement im Bann der Kontinuität

4.1 «Suis-je consulté? Non»: Die Funktion der Schweizer Präsidentenberater in Ruanda
Hans Karl Frey
Marcel Charles Heimo
Etienne A. Suter
Josef Anton Graf
August R. Lindt

4.2 Das Entwicklungsprojekt Trafipro und die Grenzen der Zusammenarbeit
Gründungsphase und erster Niedergang
Schweizerische Deutungsmuster der Geschichte der Trafipro
Der erste Wiederaufbau
Der zweite Wiederaufbau
Konsolidierung auf tiefem Niveau
Folgen der Beständigkeit

4.3 Konfrontationen von Schweizerinnen und Schweizern mit organisierter Gewalt
Staatliche Gewalt gegen Tutsi
Ruandische und schweizerische Einordnungen der innerruandischen Gewalt
Schweizerische Konfrontationen mit Gewalt
Schweizerische Reaktionen auf die Gewalt

4.4 Schweizerischer Umgang mit Gewalt und die Ambivalenzen anhaltender Kooperation
Individuelle Verarbeitungsmuster
Politische Verarbeitungsmuster
Gewaltverarbeitung am Collège officiel in Kigali
Gewaltverarbeitung in der Trafipro

Schlusswort: Grundzüge der postkolonialen Schweiz in Ruanda
Drei Phasen intensiver Verflechtung
Entwicklungslinien bis in die Gegenwart


Pressestimmen
«Das flüssig geschriebene, sehr gut dokumentierte Buch zeigt vor allem, wie unbeholfen die Schweizer Entwicklungshilfe in ihren ersten Jahren agierte.» Walter Ludin, iTe

«Die gesellschaftspolitische Bedeutung dieser Analyse ist nicht hoch genug zu veranschlagen: Zum einen operiert die aktuelle schweizerische Gesellschaftsanalyse allzu oft mit der simplen Dichotomie einer ‹weltoffenen solidarischen Schweiz› versus einer ‹isolierten Scheuklappenschweiz›, die den Neutralitätsmythos hochhalte. Zürchers Analyse unterläuft diese Dichotomie, indem er zeigt, dass es doch gerade die ‹solidarische und humanitäre Schweiz› war, die mit dem verbrecherischen Hutu-Regime kooperierte. Zum anderen zeigt Zürchers Fallstudie, dass Ruanda lediglich eine extreme Ausprägung eines allgemeineren Problems ist. Nicht überall, so lässt sich nach der Lektüre folgern, ist helvetische Entwicklungshilfe mit Verstrickungen in einen Völkermord verbunden. Entwicklungshilfe heisst jedoch überall, dass die Schweiz die oftmals konfliktgeladenen politischen Kräfteverhältnisse in ihren ‹Partnerländern› aktiv mitgestaltet. […] Die sorgfältigen Rekonstruktionen der Konkurrenz zwischen Belgien, Frankreich und der Schweiz um die prestigeträchtigsten Entwicklungsprojekte in Ruanda sowie ihrer Interaktionen mit den Hutu-Eliten liefern […] zahlreiche Anknüpfungspunkte für ein neues, transnationales Verständnis der Geschichte der (post-)kolonialen Frankophonie.» Bernhard C. Schär, H-Soz-u-Kult

«Lukas Zürcher hat eine gelungene Studie zu den Fallstricken der Entwicklungspolitik vorgelegt, die […] gut lesbar ist.» Philip Rosin, Frankfurter Allgemeine Zeitung

«Die Entwicklung der Beziehungen der Schweiz im 20. Jahrhundert zu dem afrikanischen Land Ruanda beschreibt der Historiker Lukas Zürcher als einen Prozess zunehmender politischer und kultureller Verknüpfung.» Sabine Steppat, Portal für Politikwissenschaft