«Man hat es doch hier mit Menschen zu tun!»

Liechtensteins Umgang mit Fremden seit 1945

Gebunden
2012. 374 Seiten, 40 Abbildungen s/w.
ISBN 978-3-0340-1142-6
CHF 48.00 / EUR 39.50 
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Seit Beginn der Nachkriegszeit wurde Liechtenstein verstärkt zum Zielland von Zuwanderern aus ganz unterschiedlichen Kontexten. Gründe, nach Liechtenstein zuzuwandern, gab es einige: Die prosperierende Wirtschaft und die damit verbundene gute Arbeitsmarktlage, die Liebe oder aber auch der Zwang, aus der alten Heimat in eine neue flüchten zu müssen.

Die Studie geht der Frage nach, wie die liechtensteinische Gesellschaft mit den verschiedenen Migranten- und Flüchtlingsgruppen umging. Wer galt in Liechtenstein als «fremd»? In Bezug auf wen sprach die liechtensteinische Gesellschaft von «Überfremdung»? Und wem wurde der Zugang zur Gesellschaft Liechtensteins erleichtert, ermöglicht oder auch verwehrt? Gegliedert in drei Formen der Zuwanderung, nämlich die Heiratsmigration, die italienische Arbeitsmigration und die Flüchtlingsmigration, bereitet die Studie eine Vielzahl von staatlichen, institutionellen, aber auch privaten Quellen auf und spannt den Bogen von der unmittelbaren Nachkriegszeit bis in die Gegenwart.

Inhalt

I Zur Konstruktion von Fremdheit

1 Heranführung und Fragestellung
2 Forschungsstand und Quellenlage
3 Methodischer Zugang und Aufbau
4 Fremdheit als Konstrukt
5 Typologie Heiratsmigration – Arbeitsmigration – Fluchtmigration

II Einführung in die Migrationsgeschichte Liechtensteins seit der Mitte des 19. Jahrhunderts

1 Das 19. Jahrhundert – Liberale Zuwanderungspolitik
2 Jahrhundertwende bis 1945 – Ausländerrechtliche Anlehnung an die Schweiz
3 1945 bis heute – Wirtschaftliche Notwendigkeit, restriktive Zuwanderungspolitik

III Heiratsmigration – Der schwierige Umgang mit «eigenen» und «fremden» Frauen, 1950er Jahre bis heute

1 Hochzeit im Kleinstaat – Statistische Angaben zum Heiratsverhalten im 20. Jahrhundert
2 Bürgerrechtsverlust als Mechanismus der Ausländerregulierung? – Katholisches Verständnis und Überfremdungsängste im Einklang
3 «Eingeheiratete» Frauen als Gefahr für Liechtenstein? – Die Diskussionen um das Frauenwahl- und -stimmrecht
4 Liechtenstein wird multikulturell – Transnationale und transkulturelle Perspektiven der Integration
5 Fazit: Geschlechterspezifische Aspekte der Migration

IV Italienische Arbeitsmigration seit der Nachkriegszeit

1 Statistische Angaben zur italienischen Arbeitsmigration
2 Vom Bedarf an ausländischen Arbeitskräften, von Überfremdungsängsten und Plafonierungsbestrebungen
3 Verweigerte Familienbewilligungen als Integrationsbarriere?
4 Fremdenpolizeiliche Ausweisungen als Gradmesser von Toleranz
5 «Die Unterbringung kann noch als ausreichend angesehen werden» – Arbeits- und Wohnbedingungen von Saisonniers
6 Italienerinnen und die Benachteiligungen von ausländischen Arbeitnehmerinnen
7 Über die Notwendigkeit von Integrationsmassnahmen – Religiöse und soziale Betreuung von italienischen Arbeitskräften
8 Fazit: Vom Wunsch nach Arbeitskräften, die Liechtenstein nicht «überfremden»

V Fluchtmigration nach Liechtenstein seit 1950 – ausgewählte Beispiele

1 Zur Ausgangssituation nach 1945
2 Im ideologischen Kampf gegen den Kommunismus – ungarische, tschechoslowakische und chilenische Flüchtlinge
3 Indochinesische «boat people» – Wege der internationalen Zusammenarbeit im Flüchtlingswesen
4 Exjugoslawien zerfällt – Ein unerwarteter Zustrom von Flüchtlingen
5 Tibeter aus dem Nichts – Unklarheiten und viele Fragen
6 Fazit: Die Flüchtlingsgruppen und deren Akzeptanz im Vergleich

VI Zur Wahrnehmung von und zum Umgang mit Fremden in Liechtenstein

1 Die Rolle des Staates, der Verbände und der Bevölkerung in der Generierung von Wahrnehmungsmustern und Umgangsformen
2 Der Fremdheitsbegriff im liechtensteinischen Kontext
3 Wie viel Fremdheit ist zu viel? – Die liechtensteinische Überfremdungsdebatte
4 Zum liechtensteinischen Integrationsverständnis
5 Ausblick


Pressestimmen

«Migration ist ein Wort, das inflationär verwendet wird. Umso erstaunlicher, dass es doch immer wieder Beiträge gibt – wie dieses Buch – die begeistern.»

Anita Grüneis, Ostschweizer Kulturmagazin SAITEN

«Für die derzeitige Debatte über die von der Wirtschaft geforderte Lockerung der restriktiven Einwanderungsbestimmungen bildet die Aufarbeitung der Migrations- und Flüchtlingspolitik in der Nachkriegszeit eine wertvolle Grundlage.»

Günther Meier, NZZ

«Der Autorin gelingt es, die Perspektive der liechtensteinischen Gesellschaft in der Nachkriegszeit differenziert und auch in ihren Widersprüchlichkeiten zu rekonstruieren, da sie ihre Fragestellung nicht auf einen Migrationstypus beschränkt, sondern sie an den Feldern der Heirats-, der Arbeits- und der Fluchtmigration anlegt.
[…] Es gelingt der Autorin im Abschluss eine differenzierte Rekonstruktion von Fremdheitsvorstellungen in Liechtenstein entlang den Kriterien Ökonomie, Geschlecht, Identitätskonstruktion und Religion über die drei Bereiche der Heirats-, Arbeits- und Fluchtmigration hinweg.
[…] Die Arbeit leistet einen überzeugenden Beitrag zu einem umfassenden Verständnis von Migration, das sich weder auf die staatliche Ebene noch auf eine Wanderungsform beschränkt.»

Philipp Eigenmann, H-Soz-u-Kult

«Einen anderen und meines Erachtens weit produktiveren Umgang mit der Integrationsthematik wählt Martina Sochin D’Elia in ihrer in Fribourg entstandenen Dissertation. In ihrer Studie fragt sie nach der Wahrnehmung und dem Umgang mit Fremden seit dem Zweiten Weltkrieg und wählt drei Formen der Migration als Untersuchungsfelder: Heirats-, Arbeits- und Fluchtmigration. […]

Sochin D’Elia macht Integration als Regulationsbegriff sichtbar und zeichnet seine historischen Konjunkturen und Kontexte nach. Dass Integration nicht einfach steuerbar und das, was darunter zu verstehen sein soll, nicht einfach festlegbar ist, drückt die Autorin folgendermaßen aus: ‹Ausländische Personen benötigen nicht immer die Erlaubnis der Behörden, um sich in einer Gesellschaft zurechtzufinden, zu organisieren und sich eine neue Heimat zu schaffen.›»

Archiv für Sozialgeschichte 59 (2019), Maren Möhring