Umgebungen
Symbolischer Konstruktivismus im Anschluss an Hermann Weyl und Fritz Medicus
Legierungen, Band 8
Gebunden
2010. 416 Seiten
ISBN 978-3-0340-1006-1
CHF 58.00 / EUR 52.00 
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Hermann Weyl (1885–1955) ist einer der bedeutendsten Mathematiker und theoretischen Physiker des vergangenen Jahrhunderts. Seine Arbeiten sind in auffälliger Weise von umfassenderen philosophischen Überlegungen inspiriert und durchdrungen.
Die innermathematische Debatte um Intuitionismus und Formalismus versteht er entlang einer Auseinandersetzung zwischen husserlscher Phänomenologie und fichteschem Konstruktivismus, Koordinatensysteme beschreibt er als «notwendige Residuen der Ich-Vernichtung» und über den Begriff des Unendlichen (und mit Verweisen auf Meister Eckhart und Nikolaus von Kues) zeigt er Verbindungen zwischen Theologie und Mathematik auf. Den Umgang des Mathematikers mit Symbolen untersucht er mit heideggerschen Begriffen, und im Zuge der Etablierung von Allgemeiner Relativitätstheorie und Quantenmechanik greift er auf eine leibnizsche Materietheorie zurück, die er – in Anlehnung an den Deutschen Idealismus – in eine historische Dialektik des neuzeitlichen Materiebegriffs zu integrieren versucht.
Norman Sieroka zeigt in seinem Buch die Zusammenhänge und die Einheitlichkeit all dieser Überlegungen auf. Egal ob es um Mathematik, Physik, Subjektivität oder Symboltheorie geht, immer variiert Weyl einen Begriff der Aktivität, der sich jeweils auf eine bestimmte Form von Umgebung bezieht. Eine Person konstituiert sich über ihre Aktivität, ihr Handeln, in gesellschaftlichen Umgebungen; Materie ruft physikalische Wirkungen in einer raumzeitlichen Umgebung hervor; usw. Es sind hier die strukturellen Analogien, die Weyls Überlegungen auszeichnen und verbinden.
Ermöglicht wird diese Rekonstruktion durch die historische Betrachtung von Weyls eigener akademischer Umgebung, vor allem des intensiven Wechselverhältnisses mit dem Philosophen Fritz Medicus (1876–1956). Damit ist der Umgebungsbegriff nicht nur inhaltlich, sondern auch methodisch zentral für eine Arbeit, die wissenschaftshistorische und philosophisch-systematische Relevanz beansprucht und die immer wieder Anschlüsse der Positionen von Weyl und Medicus an gegenwärtige Debatten bietet.

geb. 1974, ist ordentlicher Professor für Theoretische Philosophie an der Universität Bremen. Er studierte Philosophie, Physik und Mathematik in Heidelberg und Cambridge und war fünfzehn Jahre an der ETH Zürich tätig. Er forscht insbesondere über das Thema Zeit und über Unterschiede und Gemeinsamkeiten in den Erkenntnismethoden verschiedener Einzelwissenschaften.

Inhalt
1 Einleitung
1.1 Variation, Analogie, Handlung und Krise
1.2 Konstellationsforschung, Anti-Fundamentalismus und Leben
1.3 Die Zürcher KonstellationWeyl-Medicus
1.4 Aufbau des Buches


Grundlagenkrise der Mathematik: Das Kontinuum als Medium freien Werdens

2 Das Kontinuumsproblem
2.1 Grundlagenkrise der Mathematik
2.2 Weyls Habilitationsvortrag von 1910
2.3 Weyls Kontinuumsschrift von 1918

3 Die Kontinua von Zeit und Raum
3.1 Kontinuum und Zeithof
3.2 Weyl als «revolutionärer» Intuitionist
3.3 Raumproblem und Infinitesimalgeometrie

4 Konstruktivismus statt Phänomenologie
4.1 Topologie und Mereologie des Kontinuums
4.2 Weyl als holistischer Formalist
4.3 Aktivität-Passivität (Fichte statt Husserl)


Krise des Individuums: Umgebungen und Offenheit gegen das Unendliche

5 Ich und Umgebungen
5.1 Ich-Begriff bei Fichte und Husserl
5.2 Die Analogie von den Koordinatensystemen
5.3 Primat gesellschaftlicher Umgebungen
5.4 Topologie der Intersubjektivität

6 Konkrete Umgebungen in Philosophie und Mathematik
6.1 Fichte-Interpretation als Politikum
6.2 Notwendiges Handeln in der Mathematik
6.3 Exakte und Ingenieurs-Wissenschaften bei Medicus

7 Freiheit und Gebundenheit
7.1 Die Doppelstellung des Ich
7.2 Evidenz und Schweben der Einbildungskraft
7.3 Moral, Entbildung und zwangloser Diskurs
7.4 Das Unendliche: Gott, Spiegel und Gesicht


Krise der reinen Gesetzesphysik: Materie als Agens

8 Was soll oder kann eine Philosophie der Natur?
8.1 Freiheit und Gebundenheit in der Natur
8.2 Materie: Passive Ausdehnung oder aktive Substanz?
8.3 Die Dimensionalität des Raumes

9 Weyls Agenstheorie – eine transzendentale Naturlehre
9.1 Das Bewusstsein als «Punktauge»
9.2 Materie als Agens

10 Wirkung und neuere Anwendungen der Agenstheorie
10.1 Rezeption unter Philosophen
10.2 Wechselwirkung mit Medicus
10.3 Anspruch und Rahmen einer Erneuerung
10.4 Materie als Agens in der neueren Physik
10.5 Feldtheoretische Transzendentalphilosophie


Krise der Anschauung: Symbolische Konstruktionen

11 Symbolische Konstruktion in der Physik
11.1 Das klassische Eichprinzip von 1918
11.2 Die komplexeWiedergeburt
11.3 Philosophische Relevanz von Eichprinzip und Quantenmechanik
11.4 Konstruktion und Holismus

12 Symbolische Konstruktion in der Philosophie
12.1 Unterschiede zur Phänomenologie
12.2 Symbolischer Idealismus und fehlende Einheit des Seins (Cassirer)
12.3 Lebenswelt und vortheoretischer Umgang mit Symbolen

13 Alltagsumgebungen und Kommunikation
13.1 Besorgender Umgang undWindbeutelei (Heidegger)
13.2 Kommunikation, Alltäglichkeit und Naturphilosophie


14 Anschlüsse
14.1 Experimente und das Erzeugen von Kontinuitäten
14.2 Umgebungen beiWeyl und in der Rezeptionsgeschichte
14.3 Objektivität und epistemische Situiertheit

Pressestimmen
«Sieroka's familiarity with Whitehead, Russell and McTaggart allows him to assemble a far larger and more comprehensive view of Weyl than we have ever had before. […] Umgebungen is a landmark work in Weyl studies and in modern philosophy and history of science. Building thoughtfully on the work that came before, Sieroka has taken our understanding of Weyl to a new high point, from which succeeding scholars will draw rich sustenance. Worthy of the highest praise for its many fine new insights and discoveries, Sieroka's book is also a tour de force of synthesis, multifaceted, wide-ranging, and comprehensive. […] One can only hope that this outstanding book will soon be translated into English so that it can be more easily accessible to the world-wide readership it richly deserves.» Peter Pesic, Studies in History and Philosophy of Science

«This deeply rewarding book is, and will remain, absolutely fundamental reading to anyone interested in Weyl's philosophical and scientific thought.» Thomas Ryckmann, HOPOS

In dieser Reihe erscheinen Arbeiten zur Philosophie, die in andere Gebiete wie die Astronomie, die Mathematik, die Soziologie oder die Filmwissenschaften ausgreifen. Sie sollen zeigen, wie auch in nicht philosophischen Gebieten philosophische Fragestellungen behandelt werden und inwiefern die Philosophie für die eigenen Projekten durch einen Blick über den Tellerrand gewinnen kann.