Totengräber der Demokratie

Kommunisten, Faschisten und Nationalsozialisten in der Deutschweizer Presse von 1918–1923

Die Schweiz und der Osten Europas, Band 7
Broschur
2002. 632 Seiten
ISBN 978-3-0340-0571-5
CHF 78.00 / EUR 49.80 
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«6) Verhaftet und als Geiseln festgehalten werden: der Bundesrat in corpore, die Präsidenten und die Vizepräsidenten des National- und Ständerates, der Gerichte in Bern und Zürich; ebenso die einflussreichen Beamten dieser Behörden und sämtliche hohen Militärpersonen einschliesslich ihrer Frauen und Kinder von 16 Jahren an. In gleicher Weise wird mit den Direktoren und Hauptredakteuren der bürgerlichen Blätter sowie andern Vertretern der Bourgeoisie verfahren. Beim geringsten Verdacht des Widerstandes oder des Verrats werden die Geiseln sofort auf öffentlichem Platze hingerichtet.»

Im April 1919 erschreckte dieses angeblich von Lenin verfasste 15-Punkte-Umsturzprogramm mit dem Titel Instruktionen für eine schweizerische Sowjetrepublik das Schweizer Bürgertum. Wenn schon renommierte Blätter wie die freisinnige «Neue Zürcher Zeitung» und das katholisch-konservative «Vaterland» solche beängstigenden Meldungen abdruckten, wer würde sich da nicht vor dem roten Ungeheuer fürchten, das nun von Russland aus seine Arme auch nach der Schweiz ausstreckte? Das «Volksrecht» und andere linke Zeitungen vermochten mit ihren Beteuerungen, dass diese Instruktionen von A bis Z erschwindelt und erlogen und von den Kommunisten viele gute Neuerungen zu erwarten seien, die Gemüter im bürgerlichen Lager nicht zu beruhigen.
Artikel für oder gegen den Kommunismus in ganz Europa gab es nach der Russischen Revolution im Herbst 1917 unzählige. Ab 1920 häuften sich aber auch Berichte über faschistische und nationalsozialistische Umtriebe.
Über die ersten Jahre des Zeitalters der Ideologien liegt nun ein nicht ganz übliches Geschichtsbuch vor. Die Ereignisse werden in der Form einer Forumszeitung mit Artikelauszügen aus den drei oben genannten Tageszeitungen wiedergegeben. Kurze Kommentare verbinden die meist längeren Zitate. So kommt der Charakter der damaligen Pressesprache gut zur Geltung. Die Lektüre der Artikel ermöglicht es, in die Zeit der wilden Nachkriegsjahre einzutauchen. Zahlreiche Zeitzeugen informieren über Stimmungen und Ängste, die damals herrschten. Es handelt sich demnach nicht um eine trockene Aufzeichnung von Fakten, durchsetzt mit Theorien und komplizierten Fachausdrücken, sondern um eine lebendige Geschichtsschreibung in einer einfachen, für jedermann verständlichen Sprache. Anekdoten, Ironie, Humor, Spott, Alltägliches und uns heute nebensächlich Erscheinendes finden darin ebenso Platz wie ernsthafte Berichte über dramatische Weltereignisse.

Marianne Leemann, geb. 1958, studierte Geschichte und Staatskunde und liess sich zur Mittelschullehrerin ausbilden. Heute ist sie Dozentin mit Schwerpunkt Geschichte und Politische Bildung an der Pädagogischen Hochschule Zürich.

Besprechungen

Schweizer Katholiken und die Moderne

Neuerscheinungen zu einer problematischen Beziehung

tmn. [...] In einer weiteren Fleissarbeit untersucht Marianne Leemann die Reaktion nicht nur des «Vaterlands», sondern auch der NZZ und des sozialdemokratischen «Volksrechts» auf die erstarkenden Links- und Rechtsextremismen in den Jahren des Umbruchs von 1918 bis zur vorläufigen Beruhigung 1923. Das Hauptgewicht liegt auf der Entwicklung in Russland, Deutschland, Italien und Ungarn, aber die innenpolitischen Kommentare, denen sie oft als Schablone diente, werden auch berücksichtigt. Stimmten die NZZ und das «Vaterland» in ihrer oft auch polemischen Ablehnung des Kommunismus überein, so wurde das freisinnige Blatt darob nicht blind gegenüber den rechten Gefahren und verurteilte oft zusammen mit dem «Volksrecht» die Exzesse von Faschisten, Freikorps und Nationalsozialisten, an denen das «Vaterland» kaum Anstoss nahm.
Stattdessen übernahm die konservative Zeitung bereitwillig und mit einem Hang zum Personalisieren die antisemitischen Stereotypen, mit denen deutsche Katholiken, namentlich in Bayern, gegen die «antinationalen» Sozialisten, die freimaurerische Verschwörung und namentlich die «Judäobolschewisten» polemisierten. Nur wenn italienische Irredentisten die territoriale Integrität der Schweiz in Frage stellten, protestierte das «Vaterland» in patriotischer Pose. Nach der Machtübernahme erhielt Mussolini in beiden bürgerlichen Blättern gute Noten, was das «Volksrecht» empörte, das seinerseits ab Ende 1920 zunehmend auf Distanz zur Sowjetunion ging. [...]

Marianne Leemann: Totengräber der Demokratie. Kommunisten, Faschisten und Nationalsozialisten in der Deutschschweizer Presse von 1918 bis 1923. Chronos-Verlag, Zürich 2003. 632 S., Fr. 78.-.

Abgedruckt mit freundlicher Genehmigung der NZZ
Neue Zürcher Zeitung POLITISCHE LITERATUR Samstag, 27.09.2003 Nr.224 89
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