Der Mann mit zwei Köpfen
Broschur
2000. 104 Seiten
ISBN 978-3-905313-58-1
CHF 26.00 / EUR 14.50 
Vergriffen
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1995 erschien ein schmales Buch mit dem Titel «Bruchstücke. Aus einer Kindheit 1939-1948», das als Erinnerung eines Holocaust-Überlebenden gelten will. Es findet grossen Anklang, wird in mehreren Sprachen übersetzt und mit Preisen ausgezeichnet.
1998 entlarvt ein Schweizer Journalist, Sohn eines Holocaust-Überlebenden, die Geschichte als Betrug und löst damit eine heftige Kontroverse über Buch und Autor aus. Die Verleger nehmen im Herbst 1999 das Buch vom Markt. Der Autor Binjamin Wilkomirski, bekannt als Musiker, Klarinettenlehrer und Klarinettenbauer Bruno Doessekker, hält an der Authentizität seiner Geschichte fest.
Elena Lappin hat nicht nur die Geschichte von Wilkomirskis/Doessekker recherchiert, sondern ebensosehr die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte seines Buches. Sie befragte den Autor selbst ­ und auch das Buch, Menschen aus seinem Umfeld, renommierte Historiker und andere Holocaust-Forschende, Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, Leute, die zur Verbreitung des Buches und zum Bekanntwerden des Autors beigetragen haben ­ und nicht zuletzt sich selber. Sie zeigt, weshalb das Schweizer Adoptivkind Bruno Doessekker, Kind von Verdingkindern, sich die Identität eines jüdischen lettischen Kindes erschuf, das Jahre in polnischen Konzenttrationslagern verbrachte, in einem jüdischen Waisenhaus in Krakau lebte und schliesslich in der Schweiz zum Vergessen seiner vermeintlich jüdischen Wurzeln gezwungen wurde.

Elena Lappin ist britische Schriftstellerin und Journalistin. Sie wurde 1954 in Moskau geboren und wuchs in Prag sowie Hamburg auf. Nach Aufenthalten in Israel, Kanada und den USA lebt sie sie heute in London. Sie ist Herausgeberin mehrerer literarischen Anthologien, 1994­1997 war sie Chefredakteurin der Zeitschrift «Jewish Quarterly». 1999 erschien ihr erster Erzählband «Fremde Bräute».

Elena Lappin, 1954 in Moskau geboren, wuchs in Prag und Hamburg auf. Nach Aufenthalten in Israel, Kanada und den USA lebt sie heute in London. Herausgeberin mehrerer literarischer Anthologien, 1994-­1997 Chefradakteurin der Zeitschrift «Jewish Quarterly». 1999 erschien ihr erster Erzählband «Fremde Bräute» bei Kiepenheuer und Witsch.

Besprechungen
Biographie. Kein Spiel Stefan Mächlers Recherche über Binjamin Wilkomirski Lange bevor der Psychoanalytiker William G. Niederland mit der Studie «Folgen der Verfolgung. Das Überlebenden-Syndrom Seelenmord» ein Pionierwerk über die psychischen Beschädigungen (jugendlicher) Holocaust-Überlebender vorgelegt hat, war es sein 1965 publizierter Essay, welcher mittelbar zum Sturz eines Jahrhundertdenkmals führte. Niederlands psycho-biographische Studie von Heinrich Schliemanns oft fiktiven, ja phantasmagorischen «autobiographischen» Schriften senkte in die Fachwelt jenen Keim des Zweifels, aus welchem im Laufe der siebziger Jahre akribische Quellenforschungen erwuchsen. Als der Philologe William Calder III die Schliemann'sche Autobiographie als Fiktion offenbarte, war das Entsetzen der Öffentlichkeit gross: Man hatte mit dem Entdecker-Helden eine Integrationsfigur und ein Symbol verloren. Wurde am Fall Schliemann der Leitwert von der «hehren Wissenschaft» touchiert, so verhandelt man nun an der Causa Wilkomirski eine ideelle Übereinkunft des 20. Jahrhunderts: Respekt vor und Empathie gegenüber den (überlebenden) Opfern der Shoah. Erweisen Historikerstreit, Restitutionsdebakel und Querelen um das Berliner Holocaust-Memorial das Ringen um eine adäquate Form «öffentlicher» Erinnerungskultur, so schien mit der Memoirenliteratur ein authentisches Medium für die individuelle Vergegenwärtigung zuhanden: Die ungebrochene Konjunktur «Anne Franks», der Widerhall, den die literarisierten Erinnerungen von Ruth Klüger, Louis Begley und Imre Kertész finden, belegen den unstillbaren Hunger nach Exemplifizierung des Unvorstellbaren. Als im Jüdischen Verlag des Hauses Suhrkamp 1995 unter dem Titel «Bruchstücke. Aus einer Kindheit 1939-1948» ein in der ersten Person Singular verfasster Text über die traumatische Odyssee eines jüdischen Knaben herauskam, schien ein neues Kapitel in der Geschichte der Evokation des Grauens aufgeschlagen: Selten wurden Verstörung, Gewalt und Terror in so eindringliche Worte und Bilder gefasst wie in dem schmalen Band, selten wurden ultime physische und psychische Bedrohung auf so unerträgliche Weise suggeriert wie in dieser fragmentarischen Prosa. Was Wunder, dass - rund um den Erdball - die «Bruchstücke» für Aufsehen sorgten und mit ihnen der Autor Binjamin Wilkomirski, ein unter dem bürgerlichen Namen Bruno Doessekker in der Schweiz lebender Musiker. Entsprechend tragisch war die Fallhöhe, als Daniel Ganzfried im August 1998 in der «Weltwoche» deklarierte, Wilkomirski sei «nie als Insasse in einem Konzentrationslager» gewesen, sondern vielmehr ein 1941 als Bruno Grosjean in Biel geborener Schweizer Bürger. Die Aufregung darob war gewaltig und ist es bis zum heutigen Tage, als sich Ganzfrieds insistierende Artikel inzwischen auf den Vorwurf planmässig kalkulierten Betrugs eingeschossen haben. Anlass für die literarische Agentur Liepmann, die 1994 das Manuskript entgegengenommen und die Rechte weltweit vermittelt hatte, ihrerseits eine historische Überprüfung in Auftrag zu geben: Mit dem Band «Der Fall Wilkomirski. Über die Wahrheit einer Biographie» des Historikers Stefan Mächler liegen deren Ergebnisse nun auch öffentlich vor. Umwege In einer ausgreifenden, spiralförmig kreisenden Bewegung nähert sich Mächler der Frage nach der Authentizität des «Bruchstücke»-Textes. Der Studie ist es mitnichten um eine eilfertige Erledigung der vordergründigen Entscheidungsfrage «Lügt Wilkomirski?» zu tun: Mächlers Methode ist das geduldige Abschreiten der Hintergründe, und es erweist sich, dass es einer langen und langsamen Schrittfolge bedarf, um die Sprüche und Widersprüche, die Beobachtungen und Erkundungen, Zeugen und Zeugnisse in einer Gesamtdarstellung zu verstauen. Der Abschnitt «Wilkomirski erzählt» bietet auf breitestem Raum eine Bühne für die Selbstdarstellung von Person und Autor: Wo der extensiv zitierte Originaltext nicht hinreicht, fügt Mächler Passagen aus Selbstaussagen ein. Wir erkennen Strukturen und Muster von Wilkomirskis «Überzeugungsarbeit» und ahnen, warum den Inkongruenzen «seiner» Geschichte so schwer zu widersprechen gewesen ist. Im Schutz der Vorgabe einer fundamentalen Traumatisierung durch ungeheuerliche frühkindliche Erlebnisse schafft die strategisch placierte Gedächtnislücke einen unüberprüfbaren Raum, dient andererseits das einzelne «photographisch genau» memorierte Detail als historisches Echtheitszertifikat. Ein dem Kinde von unbekannter Hand aus Polen mitgegebener Löffel mit den Aufschriften «KL Lublin» / «Blockov 5» etwa vergegenständlicht einerseits das Dortgewesensein, lässt sich andererseits aber auch als aggressiv geführte Waffe der Denunziation verwenden: Die Zürcher Adoptiveltern hätten ihm nicht nur das Verschweigen und Vergessen seiner Herkunft gewaltsam aufoktroyiert, sondern ihn durch die Konfiskation der persönlichen Gegenstände ein weiteres Mal um sein Vorleben gebracht. So changiert Wilkomirskis Rede zwischen grausigen Lager-Erinnerungspartikeln und hässlichen Insinuierungen hinsichtlich einer schweizerischen Nachkriegsgesellschaft, die den heimatlosen Knaben gewissermassen auf ihre Weise noch einmal «vernichtet» habe. Das Oszillieren zwischen Erlebnis und Interpretation, zwischen Erinnerung und Traum ermöglicht ein Wahr-Sagen eigener Art. Zweifellos sprechen Wilkomirskis Aussagen wahrhaftig von einer Art «Realität»: Die Crux dabei ist, dass die Rezeption als faktischen Realismus auffasste, was Wilkomirski als psychische Realität verstand. Eindringlich lässt sich verfolgen, wie sich der Musiker Doessekker während der sechziger Jahre allmählich auf sein künftiges Lebensthema einzuspielen beginnt: Das Studium der Geschichte soll helfen, die Identitätswurzeln aufzuspüren, eine Doktorarbeit über die jüdische Migration in Osteuropa 1918-1938 bleibt allerdings unvollendet. Er reist mehrmals nach Polen und trägt ungeheure Mengen von Forschungsliteratur zusammen. Als er mit dem israelischen Psychiater Elitsur Bernstein und Verena Piller um 1980 herum einen Freund und eine neue Lebensgefährtin gewinnt, scheint damit eine von Krisen und Krankheit geprägte biographische Periode abgeschlossen. Beide ermuntern ihn nun, seinen quälenden Albträumen, Erinnerungen und Seelenzuständen in Wort und Schrift Ausdruck zu schaffen. Mehrere gemeinsame Reisen führen in den frühen neunziger Jahren an die polnischen Topographien des Terrors (Auschwitz und Birkenau, Majdanek und Krakau), oft wurden die Begehungen in Videoaufnahmen dokumentiert. Die bewegenden Bilder - fürderhin dienliches «Beweismaterial» - muten umso befremdlicher an, als Wilkomirskis vorgebliche Bewusstseinserweckung von seinen engsten Vertrauten abgefilmt wird wie das Verhalten eines Versuchstiers. Das Moment des Wiedererkennens wird fortan zum Leitmotiv und formuliert sich etwa auch in jener Methode der Erinnerungs- und Trauerarbeit, die Wilkomirski und Bernstein als Variante der «Recovered Memory Therapy» seit 1996 weltweit auf Fachkongressen präsentieren: Durch die Zusammenarbeit von Historikern und Psychologen sei die Glasglocke frühkindlich empfangener Traumata zu lüften. Wilkomirski figuriert in der Doppelrolle als Zeuge und Historiker, gecoacht von dem omnipräsenten Bernstein und bestärkt von der Lebenspartnerin, die keine Mühen scheut, in Interviews noch das privateste Leidenssymptom wortreich zu entfalten. Mag Ganzfrieds These von einer systematischen «Erfindung und Konfektionierung der Figur Wilkomirski» gar radikal anmuten, so ist doch augenfällig, wie es die konsequent und konzertiert kooperierende Konstellation Wilkomirski/Piller/Bernstein vermochte, Evidenzen zu erzeugen, welche von Laienpublikum und Fachwelt, ja selbst von Zeitzeugen als unzweifelhaft akzeptiert wurden. Kette von Alibi-Handlungen All dies hätte freilich nie zu solch wirksamer Perfektion gefunden, hätte der Verlag den schon kurz nach der Akquisition der Rechte vernehmbaren warnenden Stimmen Glauben geschenkt. Die Chronologie der hektischen Bemühungen von Verlags- und Agenturseite, Dokumente und Zeugnisse zur Widerlegung der Zweifel beizubringen, erweist sich als Kette von Alibi-Handlungen, chaotisch sekundiert vom Diskant der hoch emotionalen Begleitstimme Wilkomirskis. Suhrkamp- Beschimpfung zu betreiben, hiesse indes, das übliche Reiz-Reaktions-Schema in «Fälschungs»- Fällen zu perpetuieren. Wilkomirskis im Juni 1995 dem Text hinzugefügte Nachbemerkung rekurriert auf das Schicksal der mit falschen Staatsbürgerpapieren versehenen «Kinder ohne Identität» und schliesst sentenziös: «Die juristisch beglaubigte Wahrheit ist eine Sache, die eines Lebens eine andere.» Damit scheinen die «Bruchstücke» fürs Erste «wasserdicht» und treten ihren Weg an die Öffentlichkeit an. Die Chronik der spektakulären - erst applaudierenden, nach Daniel Ganzfrieds Hinweisen ebenso disqualifizierenden - Rezeption liest sich wie ein Exempel für die Macht der Induktion: Die «Bruchstücke» erzeugen - je nach der Perspektive - als «authentisches Zeugnis» ebenso «Sinn», wie sie die Annahme einer «Fälschung» oder eines fiktiven Konstruktes durch zahlreiche Indizien bestätigen. Wird hier das Bruchstückhafte, Irrlichternde, die sonderbare Verschwisterung von Detailrealismus und raunendem Halbdunkel als Ausdruck von Traumatisierung und Ichverlust deutbar, können dieselben Textmerkmale als Beleg für die Non-sequitur-Strategien einer ausgefuchsten Fiktion geltend gemacht werden. So trivial diese Einsicht in die Umkehrbarkeit von Perspektiven und Interpretationen, so peinlich wurde sie dort, wo das Kapital der Dignität von Holocaust-Opfern mittelbar auf dem Spiel stand. Punkt für Punkt leuchtet Mächler die in «Bruchstücken» und Selbstaussagen angelegten Schummerzonen aus und bahnt einen Weg durch das Gestrüpp von Reden und Widerreden, in welchen Wilkomirski sich im Laufe der Zeit verheddert hat. Die Befragung der Materialien gestaltet sich peinsam und peinigend, da die autobiographische Indiskretion erstens wiederholt, dann aber im Zuge der Überprüfung weit über das Erträgliche hinaus weitergetrieben werden muss. Angesichts dessen scheint es auf makabre Weise fast humoristisch, wenn der Sohn der Pflegefamilie in Nidau bei der Lektüre des in den «Bruchstücken» geschilderten polnischen Kleinbauernhofes spontan sein schweizerisches Heimatbiotop wieder erkennt. «Mit so viel Authentizität», schreibt Mächler, habe er «nicht gerechnet»: Das Buch erzähle «in atemberaubender Verfremdung [ein] eigenes Leben, dasjenige von Bruno Grosjean». Wenn Mächler damit explizit den von Daniel Ganzfried wiederholt geäusserten Vermutungen einer vorsätzlich geplanten und ins Werk gesetzten Fälschung widerspricht und dagegen die psychische «Wahrheit» von Wilkomirskis Über-Identifikation mit den Opfern des Holocaust proklamiert, plädiert er implizit für den sanfteren Weg. Die von ihm vorwiegend unpolemisch dargestellte Genese des «Falls Wilkomirski» beleuchtet eindringlich die Falle, in welche sich die Rezeption locken liess - es ist die Falle der Bedeutung der drei Buchstaben ICH. Dass die Natur dieses «Ich»-Sagens von Anbeginn an nicht offen diskutiert worden ist und Einsprüche aus einer Art Opfer- overcare unterblieben (mitunter gar verhindert worden) sind, ist das eigentlich Fatale. Jetzt, da Hardcover- und Taschenbuchausgabe gesperrt worden sind, die Agentur das Mandat zurückgegeben hat und die Zürcher Staatsanwaltschaft gegen Doessekker/Wilkomirski ermittelt, wäre der Zeitpunkt, von der Häme zu lassen. Christiane Zintzen Stefan Mächler: Der Fall Wilkomirski. Über die Wahrheit einer Biographie. Pendo-Verlag, Zürich 2000. 367 S., Fr. 19.90. Zum Thema erschienen ist auch: Elena Lappin: Der Mann mit zwei Köpfen. Chronos-Verlag, Zürich 2000. 103 S., Fr. 29.-. Abgedruckt mit freundlicher Genehmigung der NZZ. Neue Zürcher Zeitung FEUILLETON 08.07.2000 Nr. 157 63