Ich, Carmen Mory

Das Leben einer Berner Arzttochter und Gestapo–Agentin (1906–1947)

Broschur
1999. 262 Seiten, 12 Abbildungen s/w.
ISBN 978-3-905313-03-1
CHF 34.00 / EUR 19.50 
  • Kurztext
  • Autor/in
  • Einblick
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Im Herbst 1932 liess sich Carmen Maria Mory, eine 26jährige Berner Arzttochter, in Berlin nieder. Sie war intelligent, attraktiv, vielseitig begabt und mit einem Instinkt für die richtige Begegnung zur richtigen Zeit versehen. Carmen Mory führte ein abenteuerliches Leben als Agentin der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) zuerst in Deutschland, später in Frankreich. Die Gestapo schickte sie auch regelmässig nach Zürich, um dort im antifaschistischen Verlegermilieu die Stimmung zu sondieren.
1940 wurde sie von einem französischen und 1947 von einem britischen Militärgericht zum Tode verurteilt. Das Todesurteil konnte in beiden Fällen nicht vollstreckt werden: In Frankreich wurde Carmen Mory von den Deutschen aus der Haft entlassen, in Hamburg entzog sie sich der Urteilsvollstreckung durch Selbstmord. «Es tut mir sehr leid, aber ich kann Ihre britische Hinrichtung nicht abwarten», schrieb sie dem englischen Ankläger in ihrem Abschiedsbrief.
Seit Februar 1941 war sie im Konzentrationslager Ravensbrück inhaftiert. 1944 wurde sie Blockälteste des Krankenblocks 10. Dort machte sie sich gemäss der britischen Anklage am Tod von Mithäftlingen schuldig.
Was bewog die junge Frau, die alle Voraussetzungen besass, ein komfortables Leben zu führen, im Dienst einer totalitären Macht zu spionieren und Menschen zu denunzieren? War Abenteuerlust im Spiel? Ging es um Geld- und Genusssucht, oder war es schlichter Opportunismus?
Anhand von Quellen aus Archiven in England, Deutschland und der Schweiz zeichnet die Autorin ein facettenreiches Persönlichkeitsprofil von Carmen Mory, die sie in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit zu erfassen versucht. Mit dieser Biographie wird auch ein Beitrag zur Geschichte der Beziehungen zwischen Nazi-Deutschland und der Schweiz in mikrohistorischer Perspektive geleistet.

Textauszug

Selbstdarstellung der Carmen Mory im Juni 1945 vor den britischen Militärbehörden:
Carmen Maria Mory, geboren in Bern 1906 […]. Beruf: Journalistin und Schriftstellerin. In Gestapo-Haft seit […] Juli 1940­ zuvor mehrmals inhaftiert, immer für wenige Tage. In den vergangenen 4 Jahren KZ-Häftling, verdächtigt, Agentin oder Spionin des englischen Nachrichten- oder Geheimdienstes zu sein. […] Meine zwei Halbbrüder Ernest und Fredric von Kaufmann sind britische Staatsangehörige und dienten in der britischen Marine […]. Es ist mir erst möglich, weitere Angaben zu machen, wenn ich vor dem Zugriff der deutschen, russischen und gewisser französischen Behörden in Sicherheit bin, die all die Jahre im Kontakt mit der Gestapo standen. […] Nach siebenwöchigem Aufenthalt in der russischen Zone verfüge ich über wichtige Informationen, die ich natürlich sofort weitergeben möchte. […] Ich möchte gern mit den Behörden in Verbindung treten, die über die Angelegenheit Gestapo Berlin-München und jene der Konzentrationslager ermit


Besprechungen

Monster oder Opfer?

Schweizer Gestapo-Agentin in Dichtung und Historiographie

Keine alltägliche Biographie: Eine Berner Arzttochter kommt 1932 als «Journalistin-Schriftstellerin» nach Deutschland, wird 1934 Informantin der Gestapo, im November 1938 in Paris als Spionin verhaftet, dort im April 1940 zum Tode verurteilt und im Juni begnadigt, um wenig später von der Gestapo inhaftiert und bis 1945 im Frauen-KZ Ravensbrück interniert zu werden. In den ersten Nachkriegsmonaten unterstützt sie aus eigener Initiative und mit einigem Erfolg die Briten bei der Jagd nach ehemaligem Lagerpersonal, wird aber von einstigen Mithäftlingen selbst angeklagt, in über 60 Fällen gemordet und bei Selektionen von Opfern mitgewirkt zu haben, so dass ein britisches Gericht sie am 3. Februar 1947 ein zweites Mal zum Tode verurteilt. Der Urteilsvollstreckung entzieht sie sich zwei Monate später durch Selbstmord.
Carmen Mory weckt bereits im Winter 46/47, während des Prozesses gegen das Personal von Ravensbrück, erhebliches Aufsehen: eine im Vergleich zu anderen Angeklagten sehr intelligente, mehrsprachige und elegante «Frau im Pelz», die von Zeuginnen als «Monster» und «Ungeheuer in Menschengestalt» beschrieben wird, was sie lauthals als «Lüge» quittiert. 1950 legte Joachim von Kürenberg mit «Bella Donna» einen ersten biographischen Roman über Mory vor, was ihm 1999 Lukas Hartmann nachtut; gleichzeitig erscheint eine wissenschaftliche Biographie der jungen Historikerin Caterina Abbati.

Lügengebilde

Das familiäre Umfeld wird von Abbati mit aufschlussreichen Details geschildert. Der Vater ist ebenso dynamisch wie arrogant, sprengt als Arzt in Adelboden die dörflichen Dimensionen und wird gar verdächtigt, seine Gattin ermordet zu haben. Carmen ist ihm auch charakterlich verbunden, doch ihre brutalen Intrigen gegen die Freundin des alternden Witwers führen zum Bruch. Auch mit ihren Schwestern und anderen Verwandten verkracht sie sich rettungslos. Die Zwanzigjährige gibt als Lieblingswunsch an, nicht auf das Geld schauen zu müssen, Sekt und Cocktail sind ihre Lieblingsgetränke, und der Wahlspruch lautet: «Tue, was du nicht lassen kannst.» Durch all die Jahre in der Schweiz und in Deutschland zieht sich das Band chronischer Geldsorgen, von Hochstapelei und Lüge, Erpressung, Unterschlagung und geradezu kleptomanischen Diebereien. Mory selbst spricht von ihrer «üblichen Gewohnheit, Ärzte nicht zu bezahlen». Für die Gestapo bespitzelt sie nicht nur den Verleger Emil Oprecht in Zürich und den emigrierten SPD-Politiker Max Braun in Paris, sondern sie denunziert regelmässig ihre engsten Freunde. Den eigenen Verlobten, Fritz Erler, zeigt sie als angeblichen Homosexuellen an; und umgekehrt verdankt sie ihren Aufenthalt in Ravensbrück auch dem begründeten Verdacht der Gestapo, die überführte Spionin sei in Frankreich begnadigt worden, weil sie denselben Erler belastet und damit dessen Hinrichtung zu verantworten hat.
Genusssüchtig und voller Träume oder vielmehr Ansprüche, ebenso anerkennungs- wie geltungsbedürftig, gelingt es Mory durch ihr sicheres und schlagfertiges Auftreten immer wieder, eine Rolle zu spielen, in höchsten NS-Kreisen ebenso wie unter britischen Offizieren. Auch Graf Moltke, Mitgefangener in Ravensbrück, zeigt sich beeindruckt vom Selbstbewusstsein der Schweizerin, die wegen ihrer Freimütigkeit im KZ den Übernamen «Beromünster» erhält - und schwere Prügelstrafen durch die Wärterinnen. Doch gleichzeitig dient sie sich als Blockälteste und Spionin gegen ihre Leidensgenossinnen an, wobei ihr Antibolschewismus und ihr gerade in der Selbstüberschätzung, in gewalttätiger Herrschsucht und offenem Rassismus durchaus nazistischer Geist Pate stehen. Das schweizerische EJPD will sich für diese «unerfreuliche» Bürgerin 1946 nicht engagieren: «Die Engländer sollen das Weib selbst zur Verantwortung ziehen.»
Caterina Abbati präsentiert das recht informative Quellenmaterial als gründliche historische Arbeit, stösst aber - vielleicht gerade deswegen - zur Analyse von Morys Faszinosum kaum vor. Kann Lukas Hartmanns Fiktion eine Persönlichkeit einholen, die in ihren eigenen Zeugnissen und wohl auch in der eigenen Wahrnehmung zwischen Dichtung und Wahrheit oft nicht unterschied? Der Schriftsteller hat auch Archivmaterial zu seiner Heldin konsultiert, wenn auch legitimerweise nicht mit Abbatis Gründlichkeit. So aber fällt Morys - vom eigenen Vater diagnostizierte - «defekte Ethik» weg, ihre früh einsetzenden Intrigen und Diebereien. Sie wird zur Verführten, die trotz Widerständen in ein sie überforderndes «Räderwerk» gerät, ein ewiges Opfer, zuerst des Vaters, zuletzt französischer Stalinistinnen. Darin folgt Hartmann Morys eigenen Rechtfertigungen, und ebenso soll ihr Verlobter Erler sie zur Spitzeltätigkeit genötigt haben - laut Abbati «eine hanebüchene Verdrehung der Wahrheit». Der Schriftsteller tut es gleichsam seinem Alter ego im Buch nach, dem Schweizer Generalkonsul in Hamburg, der das Belastungsmaterial einer Zeugin, die gegen Mory aussagt, ungelesen beiseite schiebt.

Helvetische Korrektheit

Hartmann ist nicht nur in den nachdenklichen Kommentaren des Konsuls präsent, sondern auch in der ersten Person Singular, wo er seine fiktiven Passagen ankündigt und wo er wiederholt seine Unfähigkeit deklariert, das zu beschreiben, was er beschreibt: den KZ-Alltag. Das ist gewiss ein Beweis helvetischer Korrektheit; allerdings befiehlt Wittgenstein etwas anderes, wenn man über etwas nicht sprechen kann. Das faszinierende Thema erlaubte das Schweigen jedoch nicht, und so legt Hartmann solides Handwerk vor, ein flüssig geschriebenes Buch ohne besondere Überraschungen: Rückblenden aus der Prozesszeit auf die Biographie, einige Träume, Anspielungen auf Morys Namensvetterin bei Bizet, reichlich Metaphern der Sinneswahrnehmung und einige obligate Seitenhiebe gegen die Schweizer Politik im Krieg. Klare, oft durchsichtige Motive lenken die Statisten - nur Carmen Mory selbst ordnet sich Hartmanns Logik nicht unter, muss unerklärlichen Stimmen in ihrem Inneren folgen und überrascht lieben, den sie soeben noch verachtet hat. Die Hilflosigkeit des Konsuls, der eine Schweizerin der geschilderten Verbrechen letztlich für unfähig hält, überträgt sich auf Hartmann. Mit der Macht der Fiktion reduziert er Mory auf ein Opfer, das von Männern «Zurichtung, Abrichtung, Hinrichtung» erfährt, anstatt dass er die psychologischen Facetten von Angst und Macht, Geltungsdrang und despotischer Willkür dichterisch erhellt.

Thomas Maissen

Caterina Abbati: Ich, Carmen Mory. Das Leben einer Berner Arzttochter und Gestapo-Agentin (1906-1947). Chronos, Zürich 1999. 264 S., Abb., Fr. 34.-.
Lukas Hartmann: Die Frau im Pelz. Leben und Tod der Carmen Mory. Roman. Nagel & Kimche, Zürich 1999. 336 S., Fr. 39.80.

Abgedruckt mit freundlicher Genehmigung der NZZ.

Neue Zürcher Zeitung FEUILLETON 20.05.1999 Nr.114 67