Der Nutzen der Pässe und die Gefährdung der Seelen
Spanien, Mailand und der Kampf ums Veltlin (1620–1641)
Broschur
1995. 480 Seiten
ISBN 978-3-905311-65-5
CHF 58.00 / EUR 34.00 
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Die wechselhaften Kämpfe um die Kontrolle des strategisch ausserordentlich bedeutsamen Veltlins waren eine Auseinandersetzung, in der ganz Europa Partei nahm. Während die Eidgenossenschaft von den Schrecken des Dreissigjährigen Krieges grösstenteils verschont blieb, wurden die Drei Bünde und ihre Veltliner Untertanenlande schon sehr früh zu einem der Schlachtfelder, auf denen der Machtkampf zwischen Habsburg und Bourbon ausgetragen wurde.
Der Autor macht deutlich, dass es den Kontrahenten nicht nur um die Kontrolle militärisch wichtiger Pässe ging, sondern auch um die Sicherung eines konfessionellen «cordon sanitaire» für das katholische «Bollwerk» Italien.
Das Buch ermöglicht überraschende Einblicke in einen der aufregendsten Abschnitte der Bündner Geschichte.

«Wer geglaubt hatte, auf dem Minenfeld der Bündner Wirren wachse für den Historiker kein Gras mehr, muss sich eines Besseren belehren lassen. [...] Wie war es möglich, dass auf dem Höhepunkt der Gegenreformation und des konfessionellen Fanatismus die katholische Majestät sich um der Pässe willen sozusagen auf einen Pakt mit dem Teufel einliess und die Veltliner den Bündner ÐHäretikernð aufs neue auslieferte?»
Bündner Monatsblatt
Pressestimmen
ANDREAS WENDLAND DER NUTZEN DER PÄSSE UND DIE GEFÄHRDUNG DER SEELEN SPANIEN, MAILAND UND DER KAMPF UMS VELTLIN (1620-1641) CHRONOS, ZÜRICH 1995, 480 S., 2 KARTEN, FR. 58.- In den Konflikt um das Veltlin - sozusagen eine Nebenhandlung des Dreissigjährigen Kriegs - waren verschiedene Parteien involviert: Veltliner und Bündner, Katholiken und Protestanten, Spanier (als Herren im Herzogtum Mailand) und Franzosen (als Gegner der spanischen Universalmonarchie). Schon früh ist dieser Konflikt zum Gegenstand der Geschichtsschreibung geworden. Vor allem die Regionalhistoriker, Veltliner und Bündner, haben sich in ziemlich erschöpfender Weise damit auseinandergesetzt. Was bringt da die Dissertation von Andreas Wendland Neues? Zunächst einmal jenen distanzierten und differenzierten Blick auf die Kontrahenten und deren Interessen, den die ältere, teilweise apologetische Literatur oft vermissen lässt. Inhaltlich neu ist Wendlands Ansatz insofern, als er die spanischen Machtträger ins Zentrum der Darstellung rückt und entsprechend ausgiebig spanisches Quellenmaterial berücksichtigt, vor allem aus dem Archivo General de Simancas (Madrid). So informiert seine Arbeit über Funktionsabläufe in der spanischen Monarchie, über die verschlungenen Wege der Willensbildung und Entscheidungsfindung zwischen Madrid und Mailand, am Hof und im Verwaltungsapparat, unter königlichen Räten, Beichtvätern, Statthaltern, Gesandten und Offizieren. Die Darstellung bringt zunächst eine Exposition über Herrschaftsverhältnisse, die Konfessions- und Militärpolitik und behandelt dann chronologisch die einzelnen Phasen des Konflikts bis zu dessen Lösung. Das Veltlin, anfangs Teil des mailändischen Territoriums, geriet 1512 unter die Herrschaft der Bündner. Nach dem Muster des italienischen Territorialstaats verstanden sich Gemeine Drei Bünde als Fürst ihrer Veltliner Untertanen, als «principe naturale» ihrer «sudditi». Bedeutete diese Herrschaft Ausbeutung? Kaum. Zwar wussten die Bündner Amtleute nicht recht zwischen öffentlichem und privatem Nutzen zu unterscheiden; auch war ihre Amtsführung keiner Kontrolle unterworfen. Aber die steuerliche Belastung der Veltliner war gering; ihre lokalen Institutionen blieben erhalten. Zudem waren das Veltlin und die «Herrschenden Lande» der Bündner in nicht-formeller Hinsicht eng miteinander verflochten, insbesondere durch die Zusammenarbeit der Eliten, durch Verschwägerung zwischen den führenden Geschlechtern beider Gebiete. Ernsthafte Streitpunkte ergaben sich erst mit der Konfessionalisierung. Eine Mehrheit der Bündner Gemeinden schloss sich der Reformation an, während sich im Bistum Como (zu dem das Veltlin gehörte) die tridentinische Reform durchsetzte. Die bündnerische Obrigkeit demonstrierte ihre landesherrliche Gewalt, indem sie im Veltlin die kirchliche Disziplinargewalt an sich zog und Säkularisierungen vornahm. Der Veltliner Widerstand gegen solche Massnahmen wurde durch Straf-gerichte niedergeschlagen. Schliesslich riskierten die Veltliner im Jahr 1620 jenen blutigen Aufstand, den spätere Historiographen mit der schauerlichen Bezeichnung «Sacro Macello» belegten. Die Rebellen ermordeten oder vertrieben die Bündner Herren und die protestantische Veltliner Minderheit. Lanciert wurde die Aktion von den führenden katholischen Familien des Untertanengebiets; gerechtfertigt wurde sie mit der religiösen Tyrannei des Bündner Regiments; militärische Deckung erhielt sie durch das Eingreifen spanischer Truppen von Mailand her. Diese besetzten das Veltlin und das bündnerische Münstertal, also die Verbindung nach Tirol. Eine Gegenoffensive der Bündner, mit Zuzug aus Zürich und Bern, wurde zurückgeschlagen. Für die Spanier war das Veltlin von grossem strategischem Interesse. Es bildete für sie einen Korridor durch den zentralen Alpenraum, die kürzeste Verbindung zwischen den Ländern der spanischen und der österreichischen Habsburger. Ausserdem betrachteten sie das Tal als Vorfeld des katholischen Bollwerks Italien. Ihre Intervention, behaupteten sie, würde ein Übergreifen der protestantischen Häresie auf die Südseite der Alpen verhindern. Diese Behauptung stiess allerdings weitherum auf Misstrauen, nicht zuletzt in der politischen Öffentlichkeit der italienischen Staaten. So warf die venezianische Publizistik dem Gouverneur von Mailand vor, er unterstütze die Veltliner nur aus machtpolitischen Gründen in der Empörung gegen ihre «naturali signori e superiori», die Bündner. (131) Die Kontrolle über das Veltlin wurde den Spaniern in der Folge von ihren wichtigsten Gegnern, den Franzosen, streitig gemacht. Im Jahr 1635 eroberten Bündner Truppen, die unter französischer Führung und in französischem Sold standen, das Tal zurück. Nun erwarteten die Bündner von der Regierung Richelieus die formelle Rückgabe des Untertanengebiets. Als diese hinausgezögert wurde, suchte die bündnerische Führungsgruppe Kontakt mit den Regenten in Tirol und Mailand. Mit deren Hilfe gelang es ihr, die Franzosen auszumanövrieren. Vor diesem Hintergrund - und aufgrund der militärischen Lage in Süddeutschland - erfolgte 1639 in Mailand der Abschluss eines Friedensvertrags zwischen Spanien und Gemeinen Drei Bünden. Dabei wurden natürlich in erster Linie die politischen und konfessionellen Verhältnisse im Veltlin geregelt. Das Gebiet wurde wieder der bündnerischen Hoheit unterstellt, sollte aber durchwegs katholisch bleiben. Den protestantischen Bündner Amtleuten wurde die Ausübung ihres Glaubens im Veltlin untersagt. Protestantische Grundeigentümer durften sich nur für einen Monat im Jahr dort aufhalten. Das Abkommen hinderte aber die reformierten Bündner Herren keineswegs an der Vermögensbildung im Veltlin. Mit dem Abschluss dieses Vertrags bewiesen die Bündner Flexibilität. Sie gaben ihre von den reformierten Prädikanten inspirierte, «republikanische» Aussenpolitik auf und liessen sich auf eine enge Bindung an die Casa de Austria ein. Dafür gewannen sie das Veltlin zurück: Das war ihnen die Hauptsache. In der Folge verstärkte sich ihre wirtschaftliche und kulturelle Ausrichtung nach Süden und Osten; im gleichen Mass lockerte sich ihre Beziehung zu den eidgenössischen Orten. Das Vertragswerk von 1639 prägte die Verhältnisse im Veltlin und die Bündner Aussenbeziehungen bis zum Ende des Ancien Régime. Auch die Aussenpolitiker der spanischen Monarchie lösten sich ein wenig von den konfessionellen Imperativen. Immerhin überantworteten sie die Veltliner, ihre katholischen Schutzbefohlenen, wieder der weltlichen Oberhoheit teilweise häretischer Landesherren. Das bedeutete einen harten Test für die Glaubwürdigkeit jener Macht, die im Abendland für «reputacion, religion, conservacion» einzustehen behauptete. (99) Doch dafür hatten die Spanier sich ihren militärischen Korridor gesichert und zumindest die Seelen der Veltliner gerettet. «In der eigentümlichen Verbindung von militärpolitischen Interessen, katholischer Rückeroberung, realpolitischer Rücksichtnahme und politischer Legitimität, die in den Mailänder Verträgen zum Ausdruck kommt, liegt die eigentliche Originalität und Leistung der spanischen und mailändischen Diener des Katholischen Königs.» (359) Tatsächlich frappiert am ganzen Geschehen eine gewisse Loyalität unter den Herrschenden, ob es sich nun um Bündner oder um Spanier handelte: Einigkeit in barockem Legitimismus. Wegen des chronologischen Vorgehens sieht Wendlands Arbeit vorerst wie ein (grosses) Stück Ereignisgeschichte aus. Sie leistet aber mehr, indem sie jeweils eingehend die Motivations- und Interessenlage der Akteure erkundet und jene Denkmuster rekonstruiert, die irgendwo zwischen Mentalität und Ideologie stehen. Florian Hitz (Zürich) Traverse 1996/3 (177-179)