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Gegen den Strom der Finsternis
Als Betreuerin in Schweizer Flüchtlingsheimen 1942–1945
ZeitZeugnisse
Broschur
1997. 2. Auflage.
288 Seiten, 42 Abbildungen s/w.
ISBN 978-3-905311-31-0
CHF 38.00 / EUR 21.50 
  • Kurztext
  • Autor/in
  • Einblick
  • In den Medien
  • Buchreihe
Die Autorin erinnert sich anhand von Briefen, Berichten, Schulrapporten, Tagebüchern und Fotografien an die Zeit, als sie in Schweizer Heimen für Verfolgte des Naziterrors arbeitete: Sie leitete das Interniertenheim für Frauen und Kinder auf Bienenberg (Basel-Land), sie initiierte und verwirklichte ein Berufsschullager für junge Frauen auf Schloss Hilfikon (Aargau), und sie betreute auf dem Zugerberg Jugendliche, die mehrere Jahre in Konzentrationslagern verbracht hatten. Ihr respektvoller und menschlicher Umgang mit den Flüchtlingen, denen sie zu neuem Vertrauen in die Zukunft verhelfen wollte, kontrastierte mit den militärisch-verwaltungstechnisch geprägten Vorstellungen offizieller Instanzen.
Textauszug
Als ich gestern abend über den Gang ging, stand eine Zimmertür offen. «Wollen Sie mal schauen?», und eine Stimme bittet mich herein. Die vier Bewohnerinnen haben alles neu gestaltet, die Webteppiche hinter den Betten, selbstgezimmerte Etageren darüber, zwischen Bücherstützen ein paar Paperbacks, auf dem mit einem bestickten Tuch bedeckten Tisch stehen ein Konfitürenglas voll Wiesenblumen und ein bei Sally und Hubert selbst geschnitzter Holzteller mit Kirschen. «Oh, wie schön ist es bei Ihnen!» entfährt es mir. Die Zimmerbewohnerinnen scheinen sich wohl zu fühlen, und das beglückt mich. Über einem der Betten ist das Bild eines Mannes mit kleinem, dunklem Bart an die Wand geheftet. Ich trete näher und schaue es an und merke zu spät, dass ich dies nicht hätte tun sollen. Denn, wie ich mich umdrehe, sehe ich die bebenden Mundwinkel und die Tränen in den Augen einer der Frauen, die sich erhebt und auf ihr Bett zugeht. Wie kann ich es bloss gutmachen? Ich setze mich neben sie, halte ihre Hand fest, wortlos. «Komm P

Pressestimmen
«Der Bericht von Charlotte Weber ist die Bilanz einer engagierten Auseinandersetzung im Widerstreit zwischen bürokratischen Härten und menschlicher Betroffenheit in der Flüchtlingsbetreuung. Und er ist auch ein Dokument der Betroffenen selbst, die durch eigene bildliche und schriftliche Zeugnisse zu Wort kommen.» Basler Zeitung

«Charlotte Weber und ihre Helferinnen waren die Ausnahmen. Sie taten das, was in einer Demokratie, die auf ihre humanitäre Tradition pocht, eigenlich das Selbstverständlichste sein sollte: Sie versuchten durch - amtlich nicht geduldete - Selbstverwaltung den ihnen anvertrauten Menschen Selbstvertrauen, Selbstverantwortlichkeit und damit Selbstachtung wieder zu geben.» Brückenbauer
Besprechungen
Ich erinnere mich an die Eröffnung der Ausstellung «Über die Grenzen» im Februar 1990 in Liestal. Da gesellte ich mich einem älteren Herrn zu, der ebenfalls von den Bildern der Schweizer Interniertenlager während des Zweiten Weltkrieges in Bann geschlagen war. Er schien, nachdem unser Gang von Bild zu Bild ein kurze Zeit lang derselbe gewesen war, seine Begleitung zu bemerken, drehte sich kurz um, musterte mich und ging weiter seines Wegs. Erst beim Fortgehen sah ich ihn wieder und war überrascht, dass der Mann mich ansprach: Er habe die Zeit erlebt, wisse wovon er rede - und es sei ein Jammer, wie «heute» alles miesgemacht werde: «Mir hein' is e Heidemüeh gäh, wüsster.» Bevor er das Kulturhaus Palazzo missmutig über das Gesehene verliess, traute ich mich, nach seinen Erfahrungen zu fragen: «Ig bi dr Otto Zaugg.» Punkt. Grösser als eine Ahnung, dass ich diesen Namen schon irgendwo gelesen hätte, war meine Kenntnis nicht, und so nahm ich die Schimpftirade gegen die Ausstellung als Worte eines verärgerten Zeitgenossen, der mich als Stellvertreter der jüngeren Generation ansah. Mehr als seine Meinung freilich faszinierten mich seine Augen, welche eine Entschlossenheit und eine Art inneres Feuer ausstrahlten, die mir befremdlich waren. Und nun finde ich im Buch von Charlotte Weber eine Charakterisierung eben dieses Otto Zaugg: «...klein, eher schmächtig. Glattes Gesicht, korrekte Frisur, dunkle, aber harte und kalte Augen ...». Otto Zaugg war der Chef der «Zentralleitung», welcher die Organisation der Lager und Heime und die Aufsicht über die Internierten oblag. Militärisches Kürzel: ZL. Charlotte Weber war als junge Frau von 30 Jahren 1942 zunächst als Hilfsleiterin - später wurde sie dessen Leiterin - in das ehemalige Bad und Kurhotel auf den Bienenberg bei Liestal (Baselland) gekommen. Er bot Platz für etwa 150 internierte jüdische Frauen und ein paar Kinder. Mittlerweile ist es auch im Schweizerland bekannt, was die Lager in der Schweiz für die Internierten bedeuteten. Neben der vorläufigen Sicherheit, dem Tod entgangen zu sein, brachten sie auch Demütigungen und Erniedrigungen. Man glaubte in der Schweiz, bloss weil man die - alles in allem wenigen - Flüchtlinge und Verfolgten aufnahm, ihnen gegenüber ein Verfügungsrecht innezuhaben. Manchmal schienen die Interniertenlager gar schlechte Kopien der Nazi-Konzentrationslager. So sperrte man auf dem Zugerberg, der letzten Station von Charlotte Webers ÐLagerkarriereð in der Schweiz, junge Männer hinter Stacheldraht. Diese Jugendlichen aber hatten die Qualen der Konzentrationslager überlebt, sie hatten die Todesmärsche aus allen Teilen des Nazi-Reiches nach Buchenwald wenigstens physisch überstanden - und in der Schweiz sperrte man sie ein, als wären sie Gefangene, oder riet ihnen zynisch, wenn sie einmal ihr Missfallen äusserten, sie könnten ja wieder dorthin gehen, woher sie gekommen waren. Otto Zaugg war - so wie ihn Charlotte Weber beschreibt - ein Vertreter dieser offiziellen Schweiz, die sich eine «Heidenmühe» gaben, dass alles ordentlich und diszipliniert ablief. Humanität stand nicht in seinem Pflichtenheft. Natürlich ist der Vollzugsbeamte stets unschuldig. Er tut nur seine Pflicht. Schweizerischerseits gibt ihm der ÐErfolgð Recht, deutscherseits wird er ins Unrecht gesetzt. Sieger und Verlierer werden nicht mit der gleichen Elle gemessen. Doch auch den kleinen Stationsvorsteher irgendwo in Mecklenburg trifft keine Schuld. Er hat ja nur seine Pflicht getan und dazu gesehen, dass die Züge fuhren. Welche Fracht die Wagen dem Tode zu brachten, war im Fahrplan nicht festgehalten. Warum verlieren die Menschen ihre Disziplin nie? Ja, wen trifft denn überhaupt noch Schuld? Untertanengeist, Gehorsam, Disziplin und Ordnung - man kann die Worte kaum mehr hören, wenn man das Buch gelesen hat - sind das eine. Weshalb aber musste das geringste Anzeichen von Menschlichkeit zunichtegemacht und bestraft werden? Denn gerade die Menschlichkeit von Charlotte Weber Ðihrenð Frauen gegenüber, war es, welche sie alsbald in Konflikt mit der ZL geraten liess. Sie war den internierten jüdischen Flüchtlingen mehr als nur eine ÐLagerleiterinð, versuchte ein bisschen Hilfe zu bieten und ein wenig Annehmlichkeit zuzulassen in der von Tod und Trauer geprägten Situation. Doch schon die individuelle Gestaltung der Zimmer war den Kasernenköpfen ein Greuel. Solches war nicht üblich. Den Nachfolger von Frau Weber auf dem Bienenberg bezeichneten die Internierten zwar als «Gauleiter», von der ZL hingegen erhielt er mit Sicherheit die besseren Noten. Auch durch ihr Verhalten wie etwa dem vertraulichen «Du» mit einem kleinen Teil der Internierten oder der eigenwilligen Gewährung von Urlaub verletzte Charlotte Weber die Disziplin! Die Frauen des Bienenbergs liess sie mitunter mit ihren in Arisdorf oder in Bad Schauenburg internierten Männern zusammenkommen. Solches wog schwer in der Liste der Vorwürfe. Wer der offiziellen Schweiz, die derartige Treffen von Ehepaaren als «Bordell» bezeichnete, zuwiderhandelte, hatte nicht mit deren Freundlichkeit zu rechnen. Zu allen Schwierigkeiten hinzu kam noch der Konflikt mit der für das Lager zuständigen Ärztin, Frau Dr. Huber. Sie benahm sich geradeheraus judenfeindlich, schimpfte die Patientinnen des Bienenbergs «quengelnde Heiminsassen», Simulantinnen und wohl auch Schlimmeres. So manches Gesuch untersagte sie ihnen, selbstverständlich nur und ausschliesslich aufgrund ihrer medizinischen Kompetenz. Auch sonst hatten die jüdischen Frauen und Männer unter der Bevölkerung einige Feinde, nicht nur in Liestal. Diese Erfahrung musste Charlotte Weber auch nach ihrer Entlassung aus Bienenberg machen. Über Schloss Hilfikon am Hallwilersee, wo sie ein Berufsschullager für junge Frauen aufbaute, welches dann von der ZL wieder einem andern Zweck zugeführt wurde, kam sie nach Zugerberg. Was Charlotte Weber schreibt, ist nicht in erster Linie literarisch ambitiös. Aber ihre Aufzeichnungen sind durchaus spannend geschrieben, und was ihr Buch neben der Besonderheit, ein Erfahrungsbericht über die Schweizer Lager zu sein, auszeichnet, ist ihre ureigenste persönliche Stellungnahme. Auch jene, bisweilen markant hervortretende, für sich selbst! Das Buch ist nicht nur ein Zeichen der Selbstachtung, sondern auch ein Dokument der Liebe und der Achtung vor den fremden Mitmenschen in einer Schweiz, in welcher man ungestraft über die Buchenwald-Jungen sagen konnte: «Die Burschen stinken, wie alle Juden». Wer Charlotte Weber als leicht eigensinnige, jetzt halt ältere Frau abtun will, ihre Erinnerungen als lange nach den Ereignissen geschriebenen, von Gefühlen getragenen Einzelfall beiseite schieben möchte, läuft in die Irre, weil damit das Kernproblem hintangestellt wird: Die Schweizer Lager für die vom Nationalsozialismus Verfolgten und Bedrohten kamen abseits vom Paradies zu liegen! Ist es von ungefähr, dass die Frau, Charlotte Weber, ein grosses Herz hatte und die Männer derart geizig mit ihren eigenen Gefühlen umsprangen? Haben sie nicht gewusst, was in Nazi-Deutschland an Bestialitäten vor sich ging? Oder waren Juden weniger Wert? Un ir schtejt un kukt asoj sich - Mit farlejgte hent Un ir schtejt und kukt asoj sich - Undser schtetl brent Diese Verse lassen mich nicht los. Wie weit steht die Schweiz eigentlich heute wieder nur herum und kuckt mit zusammengefalteten Händen auf das Schicksal der Asylsuchenden und Verfolgten, da deren Häuser brennen in der Welt?
Martin Leuenberger, Traverse 1995/1

Diee Buchreihe ist aus der Idee erwachsen, relevante Quellentexte lebender und verstorbener Menschen sowohl der Forschung als auch einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Dabei kann es sich um Reprints vergriffener Berichte handeln, wie zum Beispiel «Im Lande des Blutes und der Tränen», ein Augenzeugenbericht des Völkermordes an den Armeniern, oder um Editionen von Tagebüchern und Briefwechseln.