Zwischen Hausrat und Rathaus
Auseinandersetzungen um die politische Gleichberechtigung der Frauen in der Schweiz 1945–1971
Broschur
1997. 702 Seiten, 20 Abbildungen s/w.
ISBN 978-3-905312-30-0
CHF 78.00 / EUR 44.00 
  • Kurztext
  • Autor/in
  • In den Medien
Seit Ende des 19. Jahrhunderts wehrten sich Frauenorganisationen für die politischen Rechte. Nicht allein die Mehrheit der Männer verweigerte indes bei Urnengängen und Landsgemeinden den Frauen die Mitwirkung in der Politik, auch der Bundesrat verhinderte jahrzehntelang eine Männervolksabstimmung über die politische Gleichberechtigung; im eidgenössischen Parlament dominierten die Gegner ebenfalls.
Als Ende der 60er Jahre eine neue Frauenbewegung auftrat, die den revolutionären Umsturz der Gesellschaft zur Befreiung der Frauen von männlicher Unterdrückung anstrebte, liess sich ein Teil der Stimmrechtlerinnen zu forscheren Kampfmethoden inspirieren.
Aufgeschreckt durch den «Marsch nach Bern», einen spektakulären Demonstrationszug der StimmrechtsbefürworterInnen vor das Bundeshaus, sorgten Bundesrat und Parlament für eine Abstimmung. Endlich war der grössere Teil der Schweizer Männer bereit, die Frauen in der Politik zu dulden, und nahm die Vorlage 1971 an.

Bücher im Chronos Verlag

Pressestimmen
«In einer umfangreichen Zürcher Dissertation nimmt sich Yvonne Voegeli der mühevollen Auseinandersetzungen um die politische Gleichberechtigung der Frauen in der Schweiz von 1945 bis zur Einführung des Frauenstimm- und -wahlrechts 1971 an.» Neue Zürcher Zeitung

«Voegelis materialreiche Recherche zum Frauenstimm- und Wahlrecht ist nicht nur ein Stück Schweizer Frauengeschichte, sondern auch ein Demokratielehrstück. All jenen, die sich mit Schweizer-, Frauen- und Männergeschichte beschäftigen, ist die Lektüre sehr zu empfehlen.» Die WochenZeitung
Besprechungen
Das Ringen um das Frauenstimmrecht Der Weg zur politischen Gleichberechtigung in der Schweiz In einer umfangreichen, bei Professor Peter Stadler entstandenen Zürcher Dissertation nimmt sich Yvonne Voegeli der mühevollen Auseinandersetzungen um die politische Gleichberechtigung der Frauen in der Schweiz von 1945 bis zur Einführung des Frauenstimm- und -wahlrechts 1971 an. Nach einer Darstellung des Umfeldes der Debatten über das Problem in einem ersten geht die Verfasserin in einem zweiten Teil auf alle politisch Vorstösse seit dem Postulat von Hans Oprecht vom 16. Juni 1944 ein und analysiert die beiden Abstimmungsvorlagen von 1959 und 1971. Breiten Raum nimmt die Behandlung all der relevanten politischen Geschäfte durch den Bundesrat und das Parlament ein. In einem dritten Teil stellt die Autorin einerseits die Geschichte des Frauenstimmrechtsvereins Zürich sowie des Schweizerischen Verbandes für Frauenstimmrecht dar und geht anderseits der Argumentation der Frauenstimmrechtsgegnerinnen detailliert nach. Auf rund zwanzig Seiten beschreibt sie dann, wie die 1968 entstandene Frauenbefreiungsbewegung (FBB) mit ihrer Forderung nach umfassender Gleichstellung von Frau und Mann eine katalytische Wirkung auf den Prozess der Einführung der Gleichberechtigung ausübte. Das Scheitern von 1959 Die Analyse der politischen Meinungsbildung macht deutlich, dass nicht nur der langwierige Prozess der direkten Demokratie, sondern auch eine gezielte Verzögerungstaktik des Bundesrates und der Verwaltung dazu beigetragen hat, dass die Schweiz die Gleichberechtigung als einer der letzten Staaten eingeführt hat. Ins Reich der Legenden verweist Yvonne Voegeli die Behauptung, das Parlament habe 1958 mit der Annahme der bundesrätlichen Botschaft von 1957 der Einführung des Frauenstimmrechts zugestimmt. Durch taktische Stimmenthaltung trugen Gegner der Vorlage dazu bei, dass eine befürwortende Mehrheit im Parlament zustande kam. Sie wollten unbedingt eine Volksabstimmung erwirken in der «offen geäusserten Hoffnung, die Vorlage werde scheitern und der politische Alltag der nächsten Jahre von der lästigen Gleichberechtigungsforderung der Frauen befreit sein». Dass der Zeitgeist der späten fünfziger Jahre eine Teilhabe der für viele unberechenbaren weiblichen Bevölkerungsmehrheit an der politischen Macht nicht zuliess, war schon damals offensichtlich. Nicht nur in katholischen, sondern auch in liberalen Kreisen wurde das konservative Gesellschaftsmodell mit dem traditionellen Frauen- und Familienbild nach dem Zweiten Weltkrieg als freiheitliche Alternative zum Kollektivismus der kommunistischen Welt bewusst hochgehalten. Die Bedenken, mit der Einführung des Frauenstimm- und -wahlrechts könnte sich gleichsam eine Pandorabüchse mit den Keimen der Verderbnis öffnen, konnten durch alle gegenteiligen Beteuerungen der Befürworterinnen und Befürworter nicht beseitigt werden. Das Bild der Nur-Familienfrau Beispiele für die Beschwichtigungstaktik von Frauen geben die beiden untersuchten Frauenstimmrechtsorganisationen, von denen die eine kurz vor, die andere kurz nach der Jahrhundertwende gegründet worden war. Sie widersetzten sich der nicht nur bei Männern, sondern auch bei Frauen stark verwurzelten Einteilung ihrer Geschlechtsgenossinnen in die Kategorien der berufstätigen Fräuleins, der aus materieller Not erwerbstätigen Mütter sowie der als Normalfall betrachteten Vollzeithausfrauen und Mütter nicht. In beiden Frauenstimmrechtsvereinigungen, die nie eine grosse Zahl von Mitgliedern zu mobilisieren vermochten, engagierten sich die unverheirateten Akademikerinnen an vorderster Front. Sie waren vor allem seit den zwanziger Jahren eine neue Gruppe von qualifizierten Mitbewerberinnen in der Arbeitswelt, welche von den Männern als Konkurrenz ernst genommen und gerade deshalb auf Distanz gehalten wurden. Die ledigen Berufsfrauen mit Hochschulabschluss stellten die traditionelle Frauenrolle nicht in Frage, beanspruchten aber selbstbewusst für sich gleiche Chancen wie die Männer im Beruf und die Möglichkeit zur Mitentscheidung im Staat. Ihre Forderungen wurden von vielen Männern und von verheirateten Frauen nur allzu gerne als Kompensation für ihren, wie man fand, unbefriedigenden Zivilstand abgetan. Vorangehen der Romands Da die vorliegende Dissertation von Yvonne Voegeli über 600 informative Seiten umfasst, muss man akzeptieren, dass sie sich auf die erwähnten Fragestellungen beschränkt hat. Zu einem umfassenden Verständnis der auch heute noch bestehenden Vorurteile gegenüber Forderungen nach Gleichstellung von Frau und Mann bedürfte es indessen einer weiteren historischen Untersuchung über die Auseinandersetzung der in den Frauengruppen der Parteien aktiven Mitglieder mit der Gleichberechtigung und ihre Vorstellungen von der künftigen Position der Frauen in Familie, Gesellschaft und Arbeitswelt. In den Parteiorganisationen waren nämlich die verheirateten Frauen stärker vertreten als in den Frauenstimmrechtsvereinigungen. Offen bleiben auch die Hintergründe der Mentalitätsunterschiede zwischen Deutschschweiz und Romandie. Genf, Neuenburg und die Waadt haben 1959 als einzige Kantone der Einführung des Frauenstimm- und -wahlrechts auf eidgenössischer Ebene zugestimmt und den Frauen die Gleichberechtigung auf kantonaler Ebene gewährt. Wie bei anderen zentralen Fragen der jüngeren Geschichte bedauert man es auch beim vorliegenden Thema, dass die Bearbeitung des umfangreichen Quellenmaterials nicht in gegenseitiger Absprache an einer westschweizerischen und an einer deutschschweizerischen Universität vergeben wurde. Die gleichzeitige und koordinierte Erschliessung der Geschichte des 19. und des 20. Jahrhunderts in den beiden grossen Landesteilen könnte viel zur besseren Verständigung unter den Sprach- und Kulturregionen der Schweiz beitragen. Beim Thema Frauenrechte würde besonders interessieren, ob die Gleichstellung von Frau und Mann, die man in der Deutschschweiz 1971 mit der Gleichberechtigung zu verhindern hoffte, in der Romandie 1959 und später je ein Thema gewesen ist. Diese Frage stellt sich, da eine kürzlich im Auftrag des Bundesamtes für Statistik erstellte Studie ergeben hat, dass in der Romandie und im Tessin seit 1971 anteilsmässig weit weniger Frauen in Exekutivämter gewählt worden sind als in der Deutschschweiz. Katharina Bretscher-Spindler Yvonne Voegeli: Zwischen Hausrat und Rathaus. Auseinandersetzungen um die politische Gleichberechtigung der Frauen in der Schweiz 1945-1971. Chronos-Verlag, Zürich 1997. 600 S., Fr. 78.-. Abgedruckt mit freundlicher Genehmigung der NZZ. Neue Zürcher Zeitung POLITISCHE LITERATUR 23.08.1997 Nr. 194 93