Zwang zur Freiheit

Krise und Neoliberalismus in der Schweiz

Gebunden
2018. 288 Seiten
ISBN 978-3-0340-1449-6
CHF 48.00 / EUR 48.00 
  • Kurztext
  • Autor/in
  • Einblick
  • In den Medien
  • Service

Seit der jüngsten Finanzkrise ist der Zauber des neoliberalen ­Projekts verflogen. Der Glaube an den Markt ist brüchig geworden, seine Hegemonie gilt nicht mehr als selbstverständlich. Gleichzeitig drängten sich mit neuer Vehemenz Fragen nach den Anfängen und dem Durchbruch des Neoliberalismus auf. Wie ist es dazu gekommen, dass Marktlogiken in immer weiteren ­Bereichen der institutionalisierten Politik, Lebenswelt und sozia­len Beziehungen sowie Identitätsvorstellungen zum zentralen Organisationsprinzip geworden sind?
Ausgangspunkt für die Untersuchung dieser Fragen bilden histo­rische Krisenerfahrungen. Die Autor_innen verstehen sie als ­Bruchstellen, an denen sich neoliberale Reformvorschläge und Regulationsmechanismen angeboten und durchgesetzt haben – oder gescheitert sind. Sie erkunden dabei historiografisches ­Neuland und diskutieren, ob und inwiefern der geschilderte Wandel als neoliberal bezeichnet werden kann.
Die Beiträge decken ein Themenspektrum ab, das von der ­Geschlech­­terpolitik über die Unternehmenskultur, die Agrar- und Sozialpolitik und die Arbeitswelt bis zu den Banken reicht. Als ­Akteur_innen und Schauplätze des Wandels fassen die einzelnen Kapitel Parteien und transnationale Planungsgremien, das ­Milieu der Alternativkultur, zivilgesellschaftliche Aktivist_innen und ­Verbände in den Blick.


Regula Ludi ist Historikerin und unterrichtet an den Universitäten Fribourg und Zürich. Forschungsschwerpunkte: Zeitgeschichte, Vergangenheits- und Geschichtspolitik, Geschichte der Menschenrechte, Kriminalitätsgeschichte und Geschlechtergeschichte.


Bücher im Chronos Verlag


Aufsätze im Chronos Verlag


Matthias Ruoss ist Historiker an der Universität Bern. Seine Schwerpunkte in Forschung und Lehre sind die Geschichte der Sozialpolitik und des Sozialstaats. Aktuell arbeitet er zur Konsumfinanzierungsgeschichte im 19. Jahrhundert.


Bücher im Chronos Verlag


Aufsätze im Chronos Verlag


Leena Schmitter ist Historikerin und Geschlechterforscherin. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der Geschichte des Feminismus und der Frauenbewegungen. Sie ist assoziierte Forscherin am Historischen Institut der Universität Bern und Mediensprecherin bei der grössten Gewerkschaft der Schweiz.


Aufsätze im Chronos Verlag


Artikel
  • Einleitung: Krise und Neoliberalisierung
    S. 9–36
  • Permanenz des Unbehagens. Epistemischer Wandel und agrarpolitische Re-Regulierungen im Zeitalter des Neoliberalismus
    S. 37–60
  • Mitbestimmung oder Selbstverwirklichung? Kritik und Krise des «organisierten Unternehmens» um 1970
    S. 61–84
  • Politik der Vermarktlichung. Das Krisenmanagement der Alusuisse nach dem Boom
    S. 85–110
  • «Mehr Freiheit, weniger Staat». Zum Neoliberalismus als Patentrezept gegen die Krise der Schweizer Parteien um 1980
    S. 111–136
  • Von urbanen Protestaktionen zur ländlichen Kooperative. Die Entstehung der Kooperative Longo maï in den frühen 1970er Jahren
    S. 137–160
  • Ein «Geschäft mit der Gleichberechtigung»? Strategien zur beruflichen Frauenförderung im Netzwerk Taten statt Worte 1986–1993
    S. 161–188
  • Selbstsorge statt gesellschaftliche Solidarität. Die Neuverhandlung der sozialen Verantwortung in der «Krise des Sozialstaats»
    S. 189–214
  • «… entscheiden wir alleine». Feministische Selbstbestimmung und neue Reproduktionstechnologien in den 1980er und 1990er Jahren
    S. 215–236
  • Selbstregulierung 2.0. Die Regeneration des Schweizer Finanzplatzes nach dem Chiasso-Skandal von 1977
    S. 237–262
  • Widerstand im Wandel. Schweizer Arbeitslosenkomitees und der aktivierende Sozialstaat
    S. 263–286

Pressestimmen

«Regula Ludi und Mathias Ruoss [stellen] in ihrer höchst aufschlussreichen Einleitung zum vorliegenden Band die fundamentale Frage, ob sich diese Verknüpfung von Krise und Neoliberalismus wirklich eignet, um den Wandel der letzten Jahrzehnte zu analysieren und zu verstehen. Denn, so die Autorin und der Autor, Neoliberalismus in all seinen Spielarten erweist sich ‹gegenwärtig als ein äusserst schillerndes Phänomen, voller Widersprüche und Ambiguitäten›: positiv als Wahlfreiheit, negativ im Sinne von Freiheit als Nötigung, oder wie es im Titel heisst ‹Zwang zur Freiheit› – ein Oxymoron, schliessen sich die beiden Begriffe Zwang und Freiheit doch eigentlich gegenseitig aus. [...] Die Grundthese, dass sich das Krisenhafte und das Neue auf fruchtbare Weise verknüpfen lassen, verbindet die Forschungsbeiträge in diesem Band. Neuerungen, die mit dem Begriff des Neoliberalismus assoziiert werden, waren Bestandteil von Debatten zur Überwindung der Strukturprobleme: vom Ruf nach mehr Wettbewerb über die Privatisierung von Staatsbetrieben und der Flexibilisierung in fast allen Lebensbereichen bis zur Lobeshymne auf die individuelle Freiheit und Verantwortung. In ihrer Gesamtheit vermitteln die Beiträge ein vielseitiges und differenziertes, zum Teil auch unerwartetes Bild der Anfänge des Neoliberalismus. [...] Der Sammelband füllt nicht nur eine wichtige Lücke in der historischen Forschung, sondern gibt einen wichtigen Einblick in die Entwicklung des politischen Diskurses. Die Beiträge zeigen klar, dass mit ‹Neoliberalismus› in Bezug auf ergriffene Massnahmen zwar soziale Ungleichheiten thematisiert werden konnten, der Begriff jedoch die Umgestaltung des Sozialstaats nicht erklärte. Damit leistet der Band einen exzellenten Beitrag zur Historisierung und Kontextualisierung des Begriffs ‹neoliberal›.»

Schweizerische Zeitschrift für Geschichte, 69/2019, Elisabeth Joris